Dem Bösen verziehen

Zum 100. Geburtstag des Widerstandskämpfers Hans Scholl. Von Alexander Lohner

Hans Scholl
Hoffte auf ein erneuertes Christentum nach dem Krieg: Hans Scholl. Foto: IN

Es lebe die Freiheit!“ Dies waren die letzten Worte von Hans Scholl, dem Gründer der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, bevor das Fallbeil sein irdisches Leben beendete. Die Unterdrückung der persönlichen Freiheit durch das nationalsozialistische Regime hatte er dabei bereits in frühen Jahren am eigenen Leibe erfahren müssen. Waren er und seine Geschwister Elisabeth, Inge, Sophie und Werner – gegen den Willen ihrer politisch liberal gesinnten Eltern Robert und Magdalena – anfangs begeisterte Mitglieder der Hitler-Jugend, endete diese politische Naivität für den am 22. September 1918 in Ingersheim an der Jagst geborenen Hans – der sogar von einer Offizierslaufbahn geträumt hatte – schlagartig zur Jahreswende 1937/38.

Am 13. Dezember wurde Hans Scholl verhaftet und für 18 Tage in „Schutzhaft“ genommen. Das äußerst demütigende Strafverfahren zog sich freilich noch quälende sieben Monate hin und wurde erst infolge einer Generalamnestie eingestellt. Obgleich in dem Verfahren aus purer Schikane zusätzlich die Delikte „Fortsetzung bündischer Jugendarbeit“ und „Devisenvergehen“ genannt wurden, lautete der eigentliche Vorwurf, welcher der Anklage zugrunde lag, auf „Strafbare Handlung: Verbrechen i. S. des § 175 StGB“, welchen die Hitlerdiktatur im Zuge der mit der Machtergreifung einsetzenden Verfolgung Homosexueller drastisch verschärft hatte.

Das konkrete „Vergehen“ lag dabei bezeichnenderweise schon einige Zeit zurück: Der erst sechzehnjährige Hans war im Januar 1935 eine amouröse Beziehung mit einem etwas jüngeren Freund eingegangen.

Wie der evangelische Theologe Robert M. Zoske – dessen Bücher „Sehnsucht nach dem Lichte“ (von 2014) und „Flamme sein“ (von 2018) die ausführlichsten Biografien über Hans Scholl darstellen – minutiös rekonstruiert, traumatisierte das Strafverfahren Scholl zutiefst und öffnete ihm zugleich die Augen für den menschenverachtenden Charakter des Nationalsozialismus. Zoske formuliert es so: „In Verbindung mit der evangelisch-liberalen Prägung durch sein Elternhaus ist dieser kritische Wendepunkt der Auslöser für seinen Widerstand und in der Verstärkung durch seine theologisch-philosophischen Studien, den Krieg und die Kontakte zu Dissidenten, Ursache seines Freiheitskampfes.“

Schrieb Hans Scholl im Januar 1938 in einem Brief an seine Mutter noch ziemlich vage, in seiner Seele spüre er „manchmal den ewigen Hauch eines unendlich großen und stillen Etwas. Gott. Schicksal“, begab er sich nun auf eine religiöse Suche, welche die konfessionellen Grenzen seines Elternhauses bald hinter sich lassen und in eine entschiedene Nachfolge Christi münden sollte, ohne welche der Heroismus seines politischen Handelns und Lebensopfers letztlich nicht zu verstehen ist.

Gegen die „reale Existenz der dämonischen Mächte“

Nach dem Reichsarbeits- und Wehrdienst, die er als Mittel weltanschaulicher Indoktrination erlebte, studierte Scholl ab dem Frühjahr 1939 Medizin an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Verstärkt las er nun auch katholische Schriftsteller, wie Léon Bloy, Paul Claudel und Jacques Riviere. Sehr beeindruckten ihn die Begegnungen mit dem katholischen Publizisten Carl Muth und dem Philosophen Theodor Haecker, der zum Katholizismus konvertiert war. Intensiv beschäftigte sich Hans Scholl mit dem „Turiner Grabtuch“, über das er Ende 1941 sogar einen kleinen Aufsatz publizierte. Die Authentizität des Grabtuchs als Reliquie Christi stand dabei für Scholl – fünf Jahre vor der Entwicklung der Radiokarbonmethode durch Willard Frank Libby – zwar außer Frage. Freilich war das Grablinnen ihm – der Zweite Weltkrieg tobte bereits seit über zwei Jahren – in erster Linie ein Zeugnis vom „Martyrium der Welt“. Und relativierend fragt er seine Leser: „Die wir ohnehin Christus als den Herrn bekannt haben, bedurften wir dieses Beweises?“

Tatsächlich hatte Scholls christlicher Glaube bereits eine Vergeistigung und Weitung erfahren, welche religiös Sekundäres und die unterschiedlichen Konfessionen transzendierte. So hatte er sich durch die enge Freundschaft mit seinem Kommilitonen Alexander Schmorell auch bald „der orthodoxen Variante des Christentums geöffnet“, wie Zoske es formuliert. In seinen Tagebucheintragungen schwärmt Scholl von der Schönheit und Tiefe der russisch-orthodoxen Liturgie. Er studierte Dostojewski und Nikolai Berdjajew. Dabei reflektierte Scholl seine weltanschauliche Entwicklung in Dutzenden von Gedichten, von denen er einige – für einen Protestanten recht ungewöhnlich – auch der Gottesmutter widmete: „Maria – Königin,/ du Starke, du tief/ in Gott verschmolzene Rose der Höh‘/lass uns dich grüßen.“

Ob das marianische Rosensymbol auch zum Namensgeber der „Weißen Rose“ wurde, ist eher unwahrscheinlich, aber möglich. Unter diesem Titel druckten und verbreiteten Scholl und Schmorell 1942 vier Flugblätter, in denen die Deutschen zum passiven und aktiven Widerstand gegen Hitler aufgerufen wurden. Unter Lebensgefahr verbreiteten die beiden Freunde diese Flugblätter, wo sie nur konnten. Es sind die einzigen bekannten Dokumente des gesamten Widerstands gegen das NS-Regime, welche den Holocaust an den Juden öffentlich anprangern, jenes „fürchterlichste Verbrechen an der Würde des Menschen, ein Verbrechen, dem sich kein Ähnliches in der ganzen Menschheitsgeschichte an die Seite stellen kann“, wie es in Flugblatt II heißt. Flugblatt IV thematisiert die „reale Existenz der dämonischen Mächte“ als dem „metaphysischen Hintergrund dieses Krieges“.

Ende Juli 1942 wurden Hans Scholl, Alexander Schmorell und ihr Kommilitone Willi Graf in die Sowjetunion zur „Front-Famulatur“ abkommandiert und sahen die Morde der deutschen Wehrmacht mit eigenen Augen. Hier werde „Christus stündlich tausendfach gekreuzigt“, schrieb Scholl aus dem Felde an seine Mutter. Noch in Russland notierte er folgendes Gebet: „O, Gott der Liebe, hilf mir über meine Zweifel hinweg. Ja, ich sehe die Schöpfung, die dein Werk ist, die gut ist. Aber ich sehe auch das Werk der Menschen, unser Werk, das grausam ist und Zerstörung und Verzweiflung heißt und das die Unschuldigen immer heimsucht. Erbarme dich dieser Kinder! Ist das Maß der Leiden noch nicht bald voll?“ Das Gebet entwickelt schließlich eine geradezu apokalyptische Sprache und Intensität: „Wann fegt ein Sturm endlich alle diese Gottlosen hinweg, die dein Ebenbild beflecken, die einem Dämon das Blut von Tausenden von Unschuldigen zum Opfer darbringen?“ In die Heimat zurückgekehrt, arbeiteten Hans Scholl und Alexander Schmorell – nunmehr von Sophie Scholl, Willi Graf, Kurt Huber, Christoph Probst und anderen unterstützt – an der Herstellung und Verbreitung des fünften und sechsten Flugblatts. Die „Weiße Rose“ hatte dazu Verbindungen mit Widerstandsgruppen im Saarland, Hamburg und Ulm aufgenommen. Auch zu Falk Harnack bestanden enge Kontakte.

In nächtlichen Aktionen pinselten Scholl, Schmorell und Graf Freiheitsparolen an öffentliche Gebäude der Münchner Innenstadt. Am 18. Februar 1943 wurden Hans und Sophie Scholl in der Ludwig-Maximilians-Universität verhaftet. Bereits vier Tage später, am 22. Februar, wurden sie gemeinsam mit Christoph Probst durch den Volksgerichthof unter der Leitung von Roland Freisler zum Tode verurteilt. Das Urteil sollte noch am selben Tag vollstreckt werden.

Eine vorbildliche Nachfolge Christi

Der evangelische Geistliche Karl Alt, der Hans Scholl in seiner Todeszelle begleitete, fragte ihn kurz vor der Hinrichtung, ob er Hass und Bitterkeit „auch gegenüber den Verklägern und Richtern“ empfinde. Hans Scholl antwortete „fest und klar“: „Nein, nicht soll Böses mit Bösem vergolten werden, und alle Bitterkeit sei ausgelöscht.“

Daraufhin reichte der Pastor Hans und seiner Schwester Sophie das evangelische Abendmahl. Hans Scholl hatte dies ausdrücklich nur deshalb akzeptiert, weil er wusste, dass Karl Alt der Bekennenden Kirche nahestand.

Angesichts dieser Tatsache ist die spätere Behauptung von Inge Aicher-Scholl, die selbst zur katholischen Kirche übergetreten war, ihre Geschwister Hans und Sophie hätten vor ihrem Tod ebenfalls noch konvertieren wollen, sehr infrage zu stellen. Es gibt hierfür kein tragfähiges Indiz. Für Hans Scholl ist zudem belegt, dass er sowohl an der evangelischen als auch an der katholischen Kirche und ihren Hierarchien wegen ihrer politischen Haltung heftige Kritik übte. So konfrontierte er noch drei Wochen vor seinem Tod Christoph Probsts Schwiegervater, der Katholik war, mit der Frage, „warum die katholische Kirche sich nicht öffentlich gegen die Gräuel“ auflehne beziehungsweise „im Kriege zu allem schweigen“ würde? Für Hans Scholl hatten die beiden großen Kirchen in Deutschland schon angesichts ihres Versagens und ihrer Schuld wesentlich an Glaubwürdigkeit und damit moralischer Bedeutung verloren. Dabei übersah er nicht, dass sie immer noch große geistige Schätze in sich bargen. Ihre Theologie und Liturgie hatten ihn ja Christus finden lassen.

In einem von Hans Scholl verfassten Gedicht wird die Beschreibung eines beeindruckenden Doms zu einem Bild für die Kirche, welcher das wahre Leben und der ursprüngliche Geist abhanden gekommen sind: „Stolz und frei steht der Dom,/ doch tot und stumm/ ohne rinnendes Leben/ wenn feiner Steine/ heimliches Weben/ sich nicht mit dem Scheine/ des Geistes dir füllt.“ Die Menschen sind innerlich taub geworden für die gute Botschaft, für welche der Dom einst erbaut wurde: „Still in sich und leiderfüllt,/ seine Menschen sind entschwunden./ Die ihn jetzt bewundern/ sind ihm ja so fern,/ sie verstehn ihn nicht,/ und ihr Angesicht/ ohn‘ liebendes Empfinden/ ihn mit Leid umhüllt.“ Auf ein geläutertes und erneuertes Christentum nach dem Kriege hat Scholl dabei ohne Zweifel von ganzem Herzen gehofft.

Vielleicht kann sein hundertster Geburtstag in diesem Sinne auch dazu beitragen, das religiöse Leben und metaphysische Ringen von Hans Scholl neu zu entdecken, und damit das, was im Innersten Hans Scholl zu dem gestaltete, was er war und bleibt: ein vorbildlicher Nachfolger Christi und Zeuge des Evangeliums.