„Das theologische Mistbeet“

Die Schweiz hat im 20. Jahrhundert überdurchschnittlich viele herausragende Theologen hervorgebracht. Dieses große Erbe trägt heute jedoch kaum noch Früchte. Von Martin Brüske

Urs
In der Schweiz wird auch heute zukunftsweisende Theologie betrieben, geforscht und gelehrt. Aber das Gespräch mit den ganz großen Theologen wie Hans-Urs von Balthasar fehlt. Foto: KNA
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In der Schweiz wird auch heute zukunftsweisende Theologie betrieben, geforscht und gelehrt. Aber das Gespräch mit den ga... Foto: KNA

In der Nacht vom 9. auf den 10. Dezember 1968 starb in Basel ein Jahrtausendtheologe. Natürlich, die Wertung „Jahrtausendtheologe“ ist nicht einfach beweisbar. Sie zeigt auch die Subjektivität dessen, der so schreibt und redet. Aber es gibt doch Indizien: Das theologische Interesse an Karl Barth hat in den fünfzig Jahren nach seinem Tod – außer im deutschsprachigen, katholischen Raum – nie nachgelassen, im Gegenteil. Barth gehört zu den weltweit meist traktierten Theologen überhaupt. Mindestens das schließt ihn ein in die Reihen des Pantheons der Allergrößten. Das ist, gerade auch aus der Perspektive eines katholischen Theologen, kein Irrtum und längst keine Mode mehr.

Weitet man aber den Blick etwas aus und schaut auf Barths schweizerischen Herkunftszusammenhang, dann stellt man mit Erstaunen fest: Barth ist wohl ein Gipfel von einsamer Höhe, aber er ist konfessions- und sprachübergreifend keineswegs allein. Das kleine Land hat im 20. Jahrhundert eine weit überdurchschnittliche Zahl von bedeutenden Theologen, teils von Weltrang, hervorgebracht. Fast so etwas wie ein „theologisches Mistbeet“. Es handelt sich dabei um Theologen sehr unterschiedlicher, teils durchaus gegensätzlicher Art und Ausrichtung. Aus der Barth-Generation sind jedenfalls mindestens noch Emil Brunner und Eduard Thurneysen zu nennen. Auf katholischer Seite gehört ein Hans Küng ebenso dazu wie Hans-Urs von Balthasar oder – in der Romandie – ein großer Thomist wie Charles Journet, der wiederum jenseits des deutschsprachigen katholischen Raums, nach wie vor breiteste Wirkung entfaltet und längst als Klassiker gilt. Aus der Romandie wären auf reformierter Seite etwa die in ihrer Bedeutung für die ökumenische Diskussion kaum zu überschätzenden Max Thurian (der später konvertierte) und Jean-Jacques von Allmen zu nennen. Thurians Buch über die Eucharistie dürfte zu den wichtigsten Beiträgen gehören, die im 20. Jahrhundert zu diesem Thema veröffentlicht worden sind. Man könnte diese Reihe katholischer wie protestantischer Theologen ziemlich lange fortsetzen.

Und heute? Auch heute wird in der Schweiz zukunftsweisende Theologie betrieben. Wird geforscht und gelehrt. Reformiert, freikirchlich und katholisch (und nicht zu vergessen auch orthodox in Chambesy bei Genf). Auf deutsch, französisch und italienisch (denn auch die theologische Fakultät in Lugano soll nicht vergessen werden). Und es spiegeln sich alle Konsense und Dissense über das Verständnis des Christentums, die die Kirchen heute umtreiben, selbstverständlich auch in den theologischen Fakultäten. Wie anders?

Wenn man nun den Blick vornehmlich auf die deutschsprachige, katholische Schweiz richtet, weil die kirchlich-theologischen Sprachräume jeweils tief, wenn auch mit deutlicher Eigenprägung, verwurzelt sind im jeweiligen Kultur- und Konfessionsraum, dann muss man wohl festhalten: Was fehlt, sind die ganz großen Debatten, die mit den ganz großen Namen und den ganz großen Entwürfen verbunden zu sein pflegten.

Damit spiegelt die katholische Theologie in der deutschen Schweiz jedoch lediglich die Situation der akademischen katholischen Theologie im gesamten deutschsprachigen Raum, so wie ja auch ein großer Teil der Lehrenden in Chur, Luzern und im deutschsprachigen Zweig der zweisprachigen Fakultät im schweizerischen Fribourg aus Deutschland kommt. Letztere ist allerdings auch in diesem Zweig ziemlich international besetzt. Es fehlt – und das ist keine gute Entwicklung – der aus der Schweiz stammende akademische Nachwuchs.

Von „Mistbeet“ kann also keine Rede mehr sein. Und alle kirchlich und theologisch Verantwortlichen sollten sich sehr ernst die Frage nach den Ursachen stellen. Der Kontrast ist sehr krass: Das bedrückt, wenn man sich den historischen Horizont klar macht. Aber es ist eben eine Illusion zu meinen, die akademische Theologie könne sich lösen vom Zustand der Kirche. Die Krise des kirchlichen Christentums in unseren Breiten ist notwendig auch die Krise der Theologie, eine Krise, die sich durch die Ereignisse des Jahres 2018 im Blick auf den kirchlichen Umgang mit Missbrauch sicher noch einmal entscheidend verschärft hat und für die katholische Theologie – auch in der Schweiz – eine zentrale Herausforderung darstellt.

Weil aber auch heute theologisch geforscht und gearbeitet wird, sind doch auch immer wieder schöne Früchte zu vermelden, die einen einfach freuen dürfen. Drei sollen – pars pro toto, denn die Auswahl ist ganz subjektiv – genannt werden. Sie sind verbunden mit den Fakultäten von Chur, Luzern und Freiburg. Zunächst das große, jetzt zum Abschluss gekommene und in Chur verantwortete Projekt der „Vulgata deutsch“, die die spätantike Sprachform der Bibelübersetzung des Hieronymus auf hochseriöse Weise einem Publikum zugänglich macht, das nur noch selten über die sprachlichen Fähigkeiten verfügt, um sich ihre Eigenart zu vergegenwärtigen. Die Bibel als Muttersprache der Liturgie erschließt in der Zusammenarbeit von Exegeten und Liturgiewissenschaftlern ein mehrbändiges Werk unter dem Titel: „Luzerner Biblisch-Liturgischer Kommentar zum Ordo Missae“. Schließlich soll auch die in Fribourg veranstaltete deutsche Übersetzung der Werke des russischen Theologen und Philosophen Sergij Bulgakov erwähnt werden. Damit wird ein dringendes Desiderat erfüllt: Bulgakov spielt, was Kraft, Tiefe und Weite des Horizonts angeht, in einer Liga mit Barth.

Letzteres Projekt spiegelt dann doch auch eine Eigenart der katholischen Theologie in der deutschen Schweiz, die wenigstens auf einen Teil zutrifft und die ihr zugleich Potenzial zur Erneuerung gibt: Sie ist anderen theologischen Sprach- und Kulturräumen näher als das durchschnittliche theologische Milieu in Deutschland oder Österreich. Bulgakov wird ja überall in der Welt und wiederum über Konfessionsgrenzen hinweg als ein Theologe von höchstem Rang wahrgenommen, er ist durch Übersetzung und Forschung in der angelsächsischen Welt ebenso präsent wie in der romanischen – nur in Deutschland nicht. Dass diese Provinzialisierung von Freiburg aus aufgebrochen wird, ist kein Zufall. Besonders Freiburg/Fribourg, das auf einer Sprachgrenze liegt, repräsentiert diese Nähe zu anderen theologischen Kulturen.

Wie kann es weitergehen? In der Schweiz denken immer mehr Theologinnen und Theologen in akademischer oder kirchlicher Verantwortung konfessionsübergreifend über Möglichkeiten einer Erneuerung der Theologie nach. Ein Ort der Vernetzung für dieses Nachdenken ist das in Fribourg angesiedelte „Zentrum für Glaube und Gesellschaft“. Die von dort ausgerichteten Studientage 2019 werden sich im Gespräch von Miroslav Volf, Hartmut Rosa und Wim Wenders genau dieser Frage widmen. Dabei steht eine Einsicht im Mittelpunkt: Theologie, die heute marginalisiert ist, gewinnt ihre Relevanz zurück im Horizont der Frage nach dem guten Leben. Dies aber nicht in einer akademischen „splendid isolation“, sondern – bei allem durchzuhaltenden wissenschaftlichen Anspruch – in einer tiefen Verwurzelung in einer communialen, kirchlichen, spirituellen Praxis. In diesem Horizont ist auch theologische Ausbildung zu erneuern. Deshalb auch: Keine Erneuerung der Theologie ohne Erneuerung der Kirche. Das gilt für die Schweiz, wie überall, wo Menschen Jesus als ihren Herrn bekennen und dieses Bekenntnis zugleich denkend verantworten wollen.