Das neue Wir-Gefühl

Partizipation, Integration, sich gemeinsam für eigene Belange einzusetzen, gilt als vorbildlich. Doch was für ein Menschen- und Werteverständnis steckt dahinter? Ein katholischer Einspruch

Ausrangierte Matratzen gesammelt
Hauptsache Wir? Foto: dpa
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Hauptsache Wir? Foto: dpa

Wir sind Europa“, „Wir sind da“, „Wir sind Kirche“. Politik, Gesellschaft und Kirche – „Wir“ ist zum Inbegriff der modernen Zivilgesellschaft und in der Kirche Voraussetzung gelungener Gemeindearbeit geworden. Dabei entspringt das Wording des „handlungsfähigen Wirs“, das „Sich-einsetzen für eigene Belange“, „Partizipation“ und „Integration“ dem Community Organizing (CO), einer besonderen Form der Gemeinwesenarbeit. Diese orientiert sich am gemeinsamen Bedarf einer durchaus heterogenen Gruppe. Trennlinien sollen überwunden und marginalisierte Gruppen inkludiert werden. Das große Kapital der zu organisierenden Gemeinschaft ist deren Masse. Während der Einzelne ohnmächtig den Missständen seiner Lebenswelt gegenübersteht, wird die Gemeinschaft politisch handlungsfähig gemacht. Professionelle Organizer von außen „manövrieren“ die Masse und organisieren deren Vernetzung. Bürgerplattformen sind dabei das wichtigste Vehikel.

Seit Beginn der 90er Jahre wird in deutschen Kommunen und Stadtvierteln nach dieser Methode gearbeitet. Brachliegende Gegenden werden wiederbelebt durch Ansiedlung neuer Unternehmer. Überfällige Baumaßnahmen werden erwirkt und anstehende Themen in die Stadtparlamente gebracht, Bildungsprojekte für Migrantenfamilien durchgesetzt. Plattformen wie „Kraftwerk Mitte“, „ImPulsMitte“, „WINWir in Neukölln“ oder „SO! Mit uns“ haben im gemeinsamen Handeln ihre Lebenswelt verändert.

Eine zentrale Figur des CO in Deutschland ist Leo Penta. Er ist gebürtiger Amerikaner, katholischer Priester, Leiter und Mitbegründer des Deutschen Instituts für Community Organizing in Berlin (DICO), das an die Katholische Hochschule für Sozialwesen (KHS) angegliedert ist. Unter Federführung von Penta werden hier Organizer ausgebildet und Akteure der Bürgerplattformen beraten. Parteipolitische und konfessionelle Unabhängigkeit hat sich DICO auf die Fahne geschrieben.

Die Idee stammt aus den 1930er Jahren

Seinen Anfang nahm CO in den 1930er Jahren in Amerika. Als sein Urvater gilt Saul David Alinsky, der als Sohn orthodoxer Juden das Leben in den Armenvierteln Chicagos früh kennenlernt. Über Jahre arbeitet er mit straffällig gewordenen Jugendlichen und erkennt zunehmend, dass der Ausbruch aus diesen armseligen Biographien die Teilhabe an der Macht voraussetzt. Hilfe zur Selbstbestimmung, wahre Demokratie und Partizipation werden Mittelpunkt und Ziel seiner Arbeit. Kleine Betrügereien und den Kontakt zur Gang von Al Capone hielt er für unbedenklich und lehrreich. Für seine Doktorarbeit kam er mit führenden Köpfen aus dem organisierten Verbrechen zusammen, ließ sich ihre Arbeitsmethoden erklären und kannte Namen von Auftragskillern.

Seinen ersten großen Erfolg verzeichnete er in den Back of the Yards von Chicago, die Gegend hinter den Schlachthöfen, die als der schlimmste aller Slums in Amerika galt. Voraussetzung seiner Arbeit dort war es, das Vertrauen der Bedürftigen zu gewinnen. Er ließ sie daran glauben, dass sie in ihrer Vielzahl mächtig wären, vorausgesetzt, das gemeinsame Handeln wäre koordiniert. Er half den Arbeitern, sich in Gewerkschaften zusammenzuschließen, organisierte Streiks und Boykotte. Die Geschäftsleute überzeugte er mit höheren Gewinnchancen, wenn die Arbeiter mehr Löhne bekommen und kaufkräftiger würden. Er formierte den Kampf für bezahlbare Wohnungen, öffentliche Dienstleistungen, bessere Schulen.

Er schaffte es, jedem einen Gewinn in Aussicht zu stellen. Dabei gehörte das Aufwiegeln der Politiker, auf dass sie sich gegenseitig zerfleischen würden, dazu. Doch den durchschlagenden Erfolg brachte ein Manöver gegen den Chicagoer Bürgermeister Kelly. Alinsky hielt ihn für eine ehrgeizige, nach Anerkennung sich sehnende und leicht kränkbare Persönlichkeit. Diese Achilllesferse machte er sich spielerisch zu Nutze. Er versprach diesem, ihn im Radio als Fürsprecher der Arbeiterklasse dastehen zu lassen und fügte verführerisch hintan: „Und das wird Sie auch komplett akzeptabel bei F.D.R. (Roosevelt) machen.“

Alinskys Rechnung ging auf, das Bedürfnis des Bürgermeisters, ein Freund des Präsidenten zu sein, war zu groß, als dass er Alinskys Forderung nach Unterstützung der Gewerkschaften hätte ablehnen können. Schlussendlich schaffte Alinsky das Unmögliche: Die Back of the Yards waren befriedet.

Das Drehen einzelner Politiker und die provozierte Kritik durch unverschämte Attacken auf Politiker und Wirtschaftsbosse wurden zur Methode. Alinsky setzte auf Eskalation. Zahlreiche Verhaftungen verschafften ihm nicht nur Ruhepausen, sondern zunehmend auch den Ruf eines Märtyrers.

In den späten 50er Jahren organisierte er Woodlawn, ein „schwarzes Ghetto“ in Chicago. Mit dem hehren Ziel, Menschen mit dunkler Hautfarbe in Lohn und Brot zu bringen, mobilisierte er 3 000 von ihnen und ließ durchsickern, dass diese an jedem Samstag die überwiegend von Weißen besuchten Kaufhäuser bevölkern würden. Die Taktik ging auf, über Nacht hatten 200 Arbeit bekommen.

Bürgermeister Daley zwang er in die Knie, weil er ankündigte, mit über 2 500 seiner Leute den Flughafen von Chicago lahmzulegen, indem diese stundenlang sämtliche Toiletten besetzen würden. Bloße Androhung, Einfallsreichtum, Öffentlichkeit und Eskalierung waren Alinskys wichtigste Waffen, dazu enorm gute Kenntnis der Schwächen seiner Gegner.

Ungeachtet seiner Methoden gilt er bis heute als Wegbereiter der Bürgerrechtsbewegung. 1940 gründete Alinsky mit einer großzügigen Spende von Marshall Field und der Unterstützung von Bischof Sheil Lewis die Industrial Areas Foundation (I.A.F.), bis heute der größte Dachverband von Bürgerorganisationen in Amerika. Das I.A.F. steht in enger Zusammenarbeit mit dem DICO in Berlin. In Chicago trat kein Geringerer als Barack Obama Jahre später Alinskys Erbe als Organizer an, Hillary Clinton immerhin verfasste ihre Abschlussarbeit am College über Saul Alinsky.

Gemeinschaft ist der Kirche von Anbeginn immanent. Ebenso die Fürsorge. Warum also hat CO auch in die Kirche Einzug gehalten? Es findet sich expressis verbis auf kirchlichen Homepages und in Bistumsnachrichten, bisweilen auch die Zusammenarbeit mit Leo Penta. Würde eine Rückbesinnung auf die leiblichen Werke der Barmherzigkeit nicht genügen? Alinsky würde dies wohl ablehnen: „Zu viel Moral erschrickt die Leute“ war einer seiner Leitsätze. Als er begann, die Back of the Yards zu organisieren, wusste er, dass er an den 95 Prozent Katholiken nicht vorbeikommen würde; er musste die Priester ins Boot holen. Dies aber nicht etwa mit einem Appell an die christlichen Tugenden, sondern mit dem Hinweis, dass die Kirche besser aufspringe, bevor sie ihre Schäfchen an die Kommunisten verliere. Seine Rechnung ging auf, die Kirchen wurden zu Versammlungsräumen. Stolz verkündete er Jahre später die dem Vorgehen zugrundeliegende Idee: „Um deine Gegner zu bescheißen, musst Du Deine Verbündeten verführen.“

Penta immerhin sieht den Einsatz der Kirche für Gerechtigkeit in der Schrift verankert. Dieser müsse aber auch die Frage in den Blick nehmen, wie sehr unterschiedliche Menschen gemeinsam handlungsfähig im öffentlichen und politischen Raum werden können. So lässt sich CO als effektive Methode der getätigten Nächstenliebe verstehen. Seine Implantierung in die Kirche scheint begrüßenswert, doch zwingen die Wurzeln zur Überprüfung der Früchte.

Das Fundament des CO ist das Ideal der wahren Volksherrschaft und die Gleichheit aller und zwar die Gleichheit bezüglich der Machtteilhabe. Es ist unschwer zu erkennen, welchem kirchlichen Lager CO und „Wir“ in die Karten spielt. Unter dem Stichwort „Wirgefühl in der Kirche“ führen die Suchmaschinen schnell zur Torpedierung der kirchlichen Hierarchie, der Abschaffung des Zölibats, Frauenweihe und all das andere in diesem Kontext üblicherweise Geforderte; dazu der Vorwurf, CO würde abgelehnt, weil „wir“ zwangsläufig die Fixierung auf Priester angreife. CO wird somit zum willkommenen Gegenstück des landauf, landab verschrieenen Klerikalismus.

Es geht eigentlich nur um eine Mengenangabe

Die Lösung einzig im „Wir“ zu sehen, ist der erste Schritt in die falsche Richtung. „Wir“ ist kein Wert, sondern einzig eine Mengenangabe. Dass aber das Individuum in der Masse wirklich frei würde, haben viele totalitäre Systeme der Menschheitsgeschichte widerlegt. Kirchliche Gemeinschaft kann nur sein, wo Christus im Zentrum steht. Eine Gemeinschaft indes, die sich selbst Bezugsgröße wird, dreht sich von Anfang bis Ende um sich selbst. In der Annahme, dass der Mensch sein Schicksal allein bestimmt, kann die Wirkkraft Gottes schnell überflüssig werden. Die Beseitigung der Missstände Einzelner zur kollektiven Aufgabe der ganzen Gemeinde zu machen, ersetzt auf Dauer geschickt die wahre Seelsorge durch ein „Jeder kümmert sich um jeden“. Wenn die heilsnotwendigen Sakramente in den Hintergrund rücken, braucht es bald den Priester nicht mehr, der allein die Vollmacht hat, diese zu spenden. Das alles ist unproblematisch, solange die vier letzten Dinge, die alles entscheiden, ausgeblendet werden: Tod, Gericht, Himmel oder Hölle.

In der Frage, ob es ein Weiterleben nach dem Tod gebe, war Alinsky unentschieden, hätte aber nach eigener Aussage die Hölle gewählt und dort die Habenichtse organisiert. Bei allen guten Werken, die wir gemeinschaftlich stemmen: Eine Gemeinde, die statt Christus ein bürgerliches „Wir“ in den Mittelpunkt stellt, wird keinen Heiligen als Namenspatron finden. Das Aufgehen im „Wir“ gefährdet die Freiheit des Individuums. Das „Aktivieren von Menschen anhand von artikulierten Eigeninteressen“, ist mit Aufopferung schwer vereinbar. Insbesondere aber demontiert das Streben nach Volksherrschaft den Wahrheitsanspruch der Kirche, kann doch die Wahrheit niemals zur Disposition der Mehrheit stehen. Die Antwort auf die Frage des Statthalters Pontius Pilatus ist der bittere Beleg dafür, dass die Mehrheit sich in der bedeutendsten Frage der Menschheitsgeschichte geirrt hat.

„Wen wollt Ihr, dass ich freilasse?“ „Barrabas“ fordert die blutrünstige Meute und Pilatus beugt sich, bestenfalls ohne besseres Wissen, dem Mehrheitsentscheid. Alinskys Buch „Rules for Radicals“ beginnt mit einer Ehrerbietung an Luzifer, der als erster gegen das Establishment rebellierte und darin so effektiv war, „that he at least won his own kingdom“. Er korrumpierte erfolgreich sein System von Innen.

Zu Recht warnte daher wohl schon früh ein amerikanisches Kirchenblatt: Man kann unmöglich beiden folgen, Jesus Christus und Saul Alinsky.