Würzburg

Das deutsche Trauma in der Krise

Noch bis vor kurzem konnten die Haltungsdeutschen ihrem eskapistischen Tugend-Lifestyle frönen. Seit der Corona-Virus den Alltag regiert, muss die politische Korrektheit einem neuen Realismus weichen.

Quadriga des Brandenburger Tors
Seit der Nachkriegszeit leidet der Deutsche an einem gestörten Verhältnis zu sich selbst. Die Corona-Krise könnte helfen, das zu überwinden. Foto: Christopher Alan Smith/Adobe Stock

Seit sich der Corona-Virus als existenzielles Steuerelement in den bundesdeutschen Alltag geschlichen hat, haben die gewohnten Schicksalsthemen auf einmal Pause. Klimawandel, Rassismus, gespaltene Gesellschaft – all diese Schlagworte haben uns täglich begleitet und sind von der Angst vorm Virus zum Verstummen gebracht. Es ist, als habe die künstlich wachgehaltene Hysterieroutine einem Ernst der Wirklichkeit Platz gemacht. Deutschland auf der Vollbremse: Viele Geschäfte sind geschlossen, Gastronomen machen zu. Die Straßen sind so spärlich belebt wie nie. Das Kulturleben ist wie entschlummert, Veranstaltungen und Versammlungen jedweder Art abgesagt. Etwas Ähnliches habe ich zuletzt mal in Israel erlebt. Es war Shabbat.

. Aber siehe da: Deutschland zeigt ein überraschend freundliches Gesicht. Die Menschen auf der Straße schauen einander in die Augen. Den Gesprächen fehlt die Gereiztheit, wie sie noch Tage zuvor zu spüren war. Meine Nachbarn fragen mich, wie es mir geht, ich frage zurück, ob ich helfen kann, einander versichern wir uns: Wir halten zusammen und stehen das durch. Vor kurzem hätte so eine harmlose Freundlichkeit besorgte Assoziationen stimuliert. Zusammenhalt klingt irgendwie völkisch, durchhalten doch eher militärisch, in Summe entzündet es den Lieblingsreflex der Deutschen – das ungute Erinnern an die kollektive Wunde der Naziherrschaft.

Vom Schuldkomplex zum moralischen Strebertum

Doch Corona scheint derlei Anwandlungen vorerst vergessen zu machen. Da kann ein Virologe wie der Hamburger Professor Jonas Schmidt-Chanasit in der ARD darauf hinweisen, dass „letztendlich das gesamte deutsche Volk mitziehen“ müsse, damit die statistische Infektionskurve abgeflacht werden könne. Nicht auszudenken, welch ein Shitstorm über den kahlköpfigen Mediziner vor kurzem ob dieser Formulierung hereingebrochen wäre. Das deutsche Volk galt als Tabu, weil ein ethnischer Terminus, der andere Ethnien ausschließen würde, undenkbar war in einer offenen Gesellschaft, wie sie sich linksliberale Wohlstandsbürger erträumen. Nicht mal die Kanzlerin, immerhin aufs deutsche Volk vereidigt, hat den Pfui-Begriff gerne in dem Mund genommen; statt Volk, gar Nation, sprach sie von den Deutschen lieber als den „Menschen, die schon länger hier leben“.

Vor Corona waren die Deutschen eine narzisstische Nation, die ihre Schuldkomplexe aus der Hitler-Zeit mit moralischem Strebertum zu kompensieren suchte. Aus dem Täter-Volk wurde eine Gemeinschaft von eitel Bußfertigen, die in jeder Disziplin Klassenbeste zu sein trachteten. Die Barbareien des Holocaust, die Untaten im Zweiten Weltkrieg wurden aufgearbeitet, als sei Nationalgeschichte eine Angelegenheit fürs Tischlerhandwerk. Dabei sind die Nachkriegsdeutschen eher ein Fall für die Traumatherapeuten. All das rigoros Besserwisserische und Geltungssüchtige, das tugendgeschäftige Vordrängeln der Deutschen erinnert an Menschen, die unter Schockerlebnissen und Schuldgefühlen leiden, und denen es deshalb schwerfällt, sich in einer inneren Mittellage auszubalancieren. Der Schmerz, der nicht weichen will, kann oft nur mit dem Selbstverständnis in Schach gehalten werden, etwas Besonderes zu sein.

„Nationalstolz gilt den vorgeblich Progressiven
aufgrund der Nazi-Vergangenheit als anstößig“

Dabei war das Bewusstsein von deutscher Extravaganz in den Milieus der Politischen Korrektheit und des Tugend-Championats stets gepaart mit Selbstverachtung. Der Deutsche misstraut prinzipiell seinesgleichen und wittert allenthalben das Aroma des Faschismus. Dieser Reflex hat längst die Alltagssprache erobert. So hat sich der Ehemann der TV-Moderatorin und Grünen-Mitglied Charlotte Roche, Martin Keß, in einem „Spiegel“-Interview folgendermaßen beschrieben: „Ich bin ein totaler Rezept-Nazi.“ Ohne Hitler-Verweis können manche Deutsche nicht mal Kuchen backen. Nationalstolz gilt den vorgeblich Progressiven aufgrund der Nazi-Vergangenheit als anstößig. Politiker bezeichnen sich deshalb gern als begeisterte Europäer, das Bekenntnis eines schwärmerischen Deutschen ist selten zu hören. Entsprechend dürfte einem Berufspolitiker eher ein Bordellbesuch verziehen werden, als wenn er sich bei der Ausübung seiner Vaterlandsliebe erwischen ließe.

Aus diesem gestörten Verhältnis zu sich selbst resultiert eine Phänomenologie, die zum festen Bestand eines sozialdemokratischen Mainstreams in Deutschland gehört und der von der Union über FDP, Grüne, SPD und Linkspartei einen überparteilichen, kulturliberalen Wertekonsens bildet. Auf diesem Humus gedeiht, was der Wohlstandsbürger in der gesellschaftlichen Mitte gerne „Haltung“ nennt. Der Haltungsdeutsche findet Multikulti irgendwie gut, denn grundsätzlich sollen ja alle Menschen gleichwertig sein; auch Feminismus ist wichtig, denn Frauen sind auch Menschen und obendrein in knapper Mehrheit; Minderheitenschutz ist unverzichtbar, entsprechend ist das Land mit Diskriminierungsbeauftragten übersät; und schließlich hängt vom Ökologismus, vom Klima- und Naturschutz unser aller Überleben ab, daher darf kein Preis zu hoch dafür sein. Der Haltungsdeutsche ist der zeitgenössische Wiedergänger des deutschen Rigorismus, dem die deutsche Historie zwei totalitäre Epochen verdankt.

Die geliebte Liebe zum Fernsten

Um seine Haltung zu bekunden, setzt der Haltungsdeutsche gerne Zeichen, am liebsten Zeichen der Menschlichkeit. Not und Elend sind ihm ein Gräuel; je weiter weg die Betroffenen sind, desto größer sein Mitgefühl. Mit einem „Wort zum Sonntag“ in der ARD zum Thema Flüchtlinge an der Grenze zwischen Griechenland und Türkei ist der evangelischen Pastorin Annette Behnken eine Art Genreklassiker gelungen.

Da beklagt die Geistliche eine Soforthilfe der EU an die Türkei in Höhe von 700 Millionen Euro, die nicht dazu angetan sei, „um zu helfen. Sondern um uns Menschen in Not von Hals zu halten. Mit Verlaub: Ich könnte kotzen!“ Denn Hilfe kann nach Ansicht Behnkens nur so aussehen, dass wir Afrikaner und Vorderasiaten aus ihrem Kulturkreis ins ferne Deutschland transferieren, in die Obhut von Sozialarbeitern und Aktivisten aus der Zivilgesellschaft, die die Neuankömmlinge in eine Gesellschaft integrieren sollen, die längst an die Grenzen ihrer Integrationsfähigkeit gestoßen ist. Immerhin schlägt die Predigerin vor: „Wir müssen die Parlamente stürmen. In denen Neofaschisten sitzen und uns in Schreckstarre verfallen lassen genauso wie das Corona-Virus.“ Mal ehrlich: Sind Menschen in Not bei solchen zivilgesellschaftlichen Hasenfüßen wirklich in guten Händen?

„Diese selbsternannten Verteidiger europäischer Werte (...)
sind nichts als Maulhelden und Humanitätsheuchler“

Diese selbsternannten Verteidiger europäischer Werte wie „Menschlichkeit, Solidarität, Gerechtigkeit“ (Behnken) sind nichts als Maulhelden und Humanitätsheuchler, solange in Deutschland Millionen von Rentnern in Altersarmut leben und viele von ihnen die Mülleimer nach Leergut durchwühlen und bei den knapp 950 Tafeln im Lande um Lebensmittelspenden anstehen. Für Migranten hat die Bundesregierung ein Projekt gestartet, „Neustart im Team“ (NesT), in dem sich sogenannte Mentoren in Form von Patenschaften persönlich um die Neubürger kümmern und sogar für zwei Jahre deren Kaltmiete bezahlen sollen. Warum existieren derlei Patenschaften nicht seit Jahrzehnten für unterprivilegierte Deutsche? Warum hat die Große Koalition monatelang über das Kleingedruckte bei der Grundrente gestritten, die den Steuerzahler jährlich ein bis zwei Milliarden Euro kosten wird, aber für Flüchtlinge wurde eine Rücklage in Höhe von 35 Milliarden Euro gebildet?

So sehen einige der sozialen Schieflagen aus, die uns eine gesellschaftliche Spaltung von Gewinnern und Verlierern bescheren sowie einen anwachsenden Rechtspopulismus, der die Protestenergie im Lande absorbiert. Doch nun wird das Land vom Corona-Virus regiert. Der Ausnahmezustand ist ausgerufen, der Katastrophenfall erklärt, die bürgerlichen Freiheiten beschnitten, die Wirtschaft in eine Art künstliches Koma versetzt. Auf einmal weitet sich der Horizont der Möglichkeiten und die Bürger haben das Gefühl, es wird wieder Politik in ihrem Interesse gemacht und nicht primär zum Vorteil des Restes der Welt.

Corona: Hoffnung auf kollektive Einsicht

Geld spielt plötzlich keine Rolle mehr. Die Schwarze Null ist vergessen und mit ihr eine jahrelange Austeritätspolitik. Mit staatlichen Billionenbeträgen soll die deutsche Wirtschaft die Krise überbrücken. Der Bundesfinanzminister verspricht „unbegrenzte Kredite“, um die Liquidität von Unternehmen zu sichern. Sogar das Millionenheer von Solo-Selbstständigen und Kleinunternehmern soll mit milliardenschweren Zuschüssen und Darlehen vor massenhaften Insolvenzen bewahrt werden.

Wenn wir Glück haben, werden wir der Corona-Krise die kollektive Einsicht verdanken können, dass wir gut daran tun, den Moralismus durch Realismus und Pragmatismus abzulösen. Erst wenn wir unsere eigenen Probleme gelöst und soziale Verwerfungen beseitigt haben, können wir uns glaubwürdig und wirkungsvoll der Rettung der übrigen Welt widmen. Dann aber nicht mit dem bisherigen pseudohumanitären deutschen Helfersyndrom, sondern durch wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Schwellenländern auf Augenhöhe. Und wer bis dahin Zeichen der Menschlichkeit setzen will, kann dies in seiner Umgebung tun. Kauft für Nachbarn, für Alte, Kranke und Hilfsbedürftige ein. Zeigt ihnen, dass sie in ihrer sozialen Isolation nicht allein sind, obwohl wir alle Abstand halten, um niemanden zu infizieren. Die Corona-Erfahrung kann ein kollektives Exerzitium in Empathie und Nächstenliebe sein.

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