Das beste Rezept: Aus Fehlern lernen

Zwei Wissenschaftsjournalisten haben die größten deutschen Medizin-, Pflege- und Pharmazieskandale nach 1930 unter die Lupe genommen. Von Michael Gregory

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Das neue Jahr begann mit einer guten Nachricht für Patientinnen und Patienten in Deutschland. Seit 1. Januar 2019 gilt die von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) verordnete Personal-Untergrenze in besonders sensiblen Bereichen von Krankenhäusern: den Intensivstationen. Die vielerorts drohenden oder bereits bestehenden personellen Engpässe könnten so zumindest etwas vermieden werden. Dies ist ein gutes Signal an alle, die in körperlich und seelisch äußerst belastender Situation auf zuverlässige Hilfe angewiesen sind. Aber auch den Schwestern und Pflegern in den Kliniken verspricht die Neuregelung Verbesserungen. In einem oft von Überlastung geprägten Umfeld, dessen Arbeitsbedingungen manche als skandalös einschätzen, war es ein erforderlicher Schritt.

„Ein längst überfälliger Schritt“, so der Bonner Wissenschaftsjournalist Eckart Roloff. Er ist Co-Autor einer jetzt veröffentlichten Gesamtschau, die erstmals in kompakter Form die größten deutschen Medizin-, Pflege- und Pharmazieskandale nach 1930 unter die Lupe nimmt. Zu der betroffen machenden Auflistung gehören neben zahlreichen Beispielen aus ganz unterschiedlichen Bereichen der gesundheitlichen Versorgung eben auch gravierende strukturelle Versäumnisse in der Pflege, wo es sogar schon zu Tötungsdelikten kam.

Zwar sei Arbeitsüberlastung als Ursache von Gewalt nicht leicht nachzuweisen, hebt Roloff im Gespräch mit der „Tagespost“ hervor. Es gebe auch Formen der Gewalt, bei denen die Überlastungsthese versage, doch die hohe Zahl der fälschlicherweise als „natürlich“ eingestuften Todesfälle sei ein Alarmsignal. „In den vergangenen Jahren haben Studien immer wieder ergeben, dass die Leichenschauen, sofern sie sich anschließen, fehlerhaft sind. So hat eine Untersuchung des rechtsmedizinischen Instituts der Universität Rostock gezeigt, dass von 10 000 Todesbescheinigungen aus dem Einzugsgebiet des Krematoriums Rostock in den Jahren 2012 bis 2015 nur 2,23 Prozent fehlerfrei ausgestellt worden waren. „Bei den übrigen 97,77 Prozent gab es 38 852 Fehler, darunter 3 116 schwere“, berichtet Roloff. Egal ob in Rostock oder andernorts, nicht selten komme es vor, dass die eigentliche Todesursache, darunter mit großer Wahrscheinlichkeit auch Unfälle durch Versäumnisse in der Pflege oder gar Gewalteinwirkungen, unentdeckt bleibe.

Gravierende Mängel in der Pflege, einer Basisleistung der gesundheitlichen Versorgung – für das deutsche Gesundheitssystem, das oft als eines der besten weltweit gerühmt wird und diesem Anspruch in vielerlei Hinsicht sicher auch gerecht wird, ist das ein Skandal.

Überhaupt ist der Skandal in Medizin, Pflege und Pharmazie kein Fremdwort. Ganz und gar nicht, wie Roloff mit seiner Co-Autorin Karin Henke-Wendt anhand von 16 Fallbeispielen belegt. In kleinteiliger, fleißiger Recherchearbeit mit vielen Belegen aus Urteilen, Gutachten, Fachbüchern, Medienberichten und Äußerungen Geschädigter gelingt es den beiden Autoren, eine Lücke zu schließen, denn über die zentralen Strukturen all dieser Missstände, ihre Funktionsmuster und Ursachen, wurde bisher nie in einer übergeordneten Gesamtschau informiert. Diese ermöglicht Antworten auf wichtige Fragen: Gibt es Parallelen? Welche spezifischen und welche übergeordneten Verhaltensmuster gibt es? Was zeichnet die unterschiedlichen Reaktionen auf die Skandale im System und in der Öffentlichkeit aus?

Solche skandalübergreifenden Analysen können helfen, die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Darum ist es nur schwer zu verstehen, dass ein solcher Überblick bisher fehlte. Es muss doch im Interesse aller Beteiligten in der gesundheitlichen Versorgung liegen, aus Fehlern systematisch zu lernen, um im Sinne der Patienten Verbesserungen zu erzielen. „Es ging uns nicht um eine Generalkritik am System, doch nach den jüngeren, zum Teil sehr heftigen Missständen war es an der Zeit, Informationsarbeit zu leisten, die hilft, die oft sehr komplizierten Prozesse zu durchschauen. Wir verstehen unsere Arbeit deshalb auch als Anstoß zur dauerhaften Verbesserung des Systems“, sagt Roloff.

Aber der Reihe nach. Es knirschte schon häufiger im Gesundheitswesen – manchmal lauter und länger als erwartet. Schon ein flüchtiger Blick in die jüngere Vergangenheit bringt schwere Versäumnisse in Erinnerung. Eine der folgenschwersten Katastrophen ist der Contergan-Skandal. Ausgelöst durch eine Arznei mit dem Wirkstoff Thalidomid, verkauft als Beruhigungs- und Schlafmittel, 1955 entwickelt von der Firma Chemie Grünenthal und schon zwei Jahre später in den Handel gebracht. Bald darauf kamen in Deutschland und anderen Ländern Tausende missgebildeter Kinder zur Welt, auch Totgeburten waren häufig. 2 300 bis 2 400 der deutschen Opfer leben noch. Dazu Roloff: „Ob schon die Entwicklung des Medikaments ein Skandal war, ist strittig. Gravierender ist, dass der Hersteller für seine Arznei weiter eindeutig positiv warb, als etliche Fachleute sich bereits über deutliche Nebenwirkungen geäußert hatten. Es dominierte eine Augen-zu-und-durch-Haltung und die Aussicht auf hohe Umsätze.“

Das Streben nach Ansehen und die Orientierung an möglichst hohen Gewinnen – unter den deutschen Medizin- und Pharmazieskandalen sind diese Triebfedern weit verbreitet. 2016 bat die damalige NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Bündnis 90/Die Grünen) öffentlich für die Versäumnisse ihres Bundeslandes im Contergan-Skandal um Entschuldigung. Der jüngste Vorfall scheint ein weiterer, besonders krasser Beleg zu sein. Gemeint ist der Fall des Apothekers Peter Stadtmann, früherer Eigentümer der Alten Apotheke in Bottrop. Am 29. November 2016 durchsuchten Polizei und Staatsanwaltschaft das zur Apotheke gehörige Zytostatika-Labor Stadtmanns. Der Vorwurf: Streckung extrem teurer Krebs-Medikamente vor Auslieferung an die verabreichenden Ärzte im Rahmen von Chemotherapien. Die so generierten Einnahmen hatten Stadtmann ein Leben voller Luxus erlaubt und zugleich ermöglicht, in seiner Stadt als spendabler Förderer sozialer Projekte aufzutreten.

Alles in Gang gekommen war durch zwei Mitarbeiter der Apotheke, die das Treiben ihres Chefs auffliegen ließen. So zeigen sich am Bottroper Beispiel zwei Faktoren, die wichtig sind, damit Skandale aufgedeckt werden: Mut und Entschlossenheit derer, die nicht länger bereit sind mitzumachen. Eine Entscheidung, die den Whistleblowern von Bottrop mit dem Verlust ihrer Arbeitsplätze teuer zu stehen kam – von den zahlreichen Krebskranken, die unter den gepanschten Medikamenten gelitten haben, und der Gemeinschaft der Versicherten einmal abgesehen. Stadtmann wurde am 6. Juli 2018 zu zwölf Jahren Haft und lebenslangem Berufsverbot verurteilt – und ging sogleich in die Revision. Doch wie immer der Fall ausgeht, er hat heftige Diskussionen ausgelöst, die das Versorgungssystem insgesamt treffen: die Aufgaben der Apothekenaufsicht, Abrechnungsschwindel, die Rolle mächtiger Interessengruppen wie der „Zyto-Lobby“, der Arzneimittelproduzenten, der Ärzte. Es zeigt sich: Je komplexer die Strukturen, desto größer das Risiko von Missbrauch.

Doch können schärfere Gesetze und Kontrollen überhaupt helfen, wenn Heilberufler sich von ihrem Berufsethos verabschieden? Eckart Roloff zitiert dazu Christoph Wilhelm Hufeland, unter anderem Arzt Goethes und Schillers: „Wehe dem Arzt, der Ehr- und Gelderwerb zum Ziel seines Strebens macht. Er wird im ewigen Widerspruch mit sich und seinen Pflichten stehen.“ Dies gelte natürlich ebenso für Apotheker.

Jedenfalls zeigt sich in vielen weiteren Fällen, dass es mit der Versorgung schlecht bestellt ist, wenn es den verantwortlich Handelnden an Moral mangelt. So wie im Fall des Hormon-Präparats Duogynon, das seit Ende der 1950er Jahre zur Verhütung, aber auch als Schwangerschaftstest genutzt wurde. Viele Frauen, die es eingenommen hatten, bekamen danach Kinder mit schwersten Missbildungen. Obwohl im Zuge der Contergan-Rücknahme auch vor Duogynon gewarnt wurde, geschah nichts. Selbst Jahre später, nachdem sich die Alarmzeichen in Großbritannien gehäuft hatten, sah Hersteller Schering keinen Anlass, das Mittel vom Markt zu nehmen. Bis heute beruft sich der Bayer-Konzern, unter dessen Dach Schering 2006 gekommen war, darauf, dass nichts bewiesen sei. Von den Betroffenen leben heute noch rund 1 000, die weiter auf eine Lockerung der sturen Haltung des Unternehmens hoffen. „Ein weithin vergessener Skandal, der aber zeigt, dass die Betroffenen selbst viel Energie aufbringen können, um für ihr Anliegen zu kämpfen“, berichtet Roloff.

Weit mehr Empathie und öffentliche Aufmerksamkeit hat in den vergangenen Jahren die Aufarbeitung des Leids der Heimkinder zwischen den 1950er und 1970er Jahren hervorgerufen. Ein Runder Tisch kam zustande, an dem auch die Kirchen saßen als größte Träger von Heimen in der alten Bundesrepublik. Es wurden darüber hinaus zwei Hilfsfonds für das Gebiet der früheren DDR und der alten Bundesrepublik eingerichtet. Doch die an den Kindern durchgeführten Arzneimittelstudien blieben bis heute, so Roloff, weitgehend ignoriert, „angeblich aus Mangel an verfügbaren Untersuchungen“.

Eine aktuelle Doktorarbeit aber belege, dass es mehr Studien gab, die dem Runden Tisch hätten bekannt sein müssen. „Im Test waren Impfstoffe, Psychopharmaka, Libido-Hemmer“, berichtet Roloff. Ob es eine Neubewertung des Schicksals dieser Kinder geben wird? „Wenn sich solchen Skandalen etwas Positives abgewinnen lässt“, so Roloff, „dann ist es die Möglichkeit, aus ihnen zu lernen.“

Bei allem Leid und Entsetzen, das Medizinskandale hervorriefen – es gibt auch komische Momente. Das wohl prominenteste Beispiel ist die Geschichte Gert Postels, eines Hochstaplers, der es als gelernter Postbote mit gefälschten Zeugnissen und Urkunden in den 1990er Jahren bis zum leitenden Oberarzt für klinische Psychiatrie brachte. Der Skandal: Kein Fachmann bemerkte die Köpenickiade, selbst in der Psychiatrie ging man Postel auf dem Leim mit seinem kurzfristig angeeigneten Viertelwissen, das er aber bestens verkaufen konnte. Seit der Schwindel aufgeflogen ist, will von den Geleimten niemand mehr etwas davon wissen. Heute setzt sich Postel für Menschen mit Psychiatrie-Erfahrung ein.

Sicher ist: Nach dem Skandal ist vor dem Skandal. Der nächste Skandal wird kommen, solange das System so ist, wie es ist: hochkomplex und an vielen Stellen intransparent. Soll man als Bürger stolz sein auf dessen Leistungsfähigkeit, oder es wegen seiner Skandale eher verdammen? Das Buch von Roloff und Henke-Wendt liefert klare Hinweise, wie der guten Nachricht zu Beginn des Jahres weitere folgen könnten.

 

Zur Person

Dr. Eckart Roloff ist Medizinjournalist und war 20 Jahre lang Leiter des Wissenschaftsressorts des „Rheinischen Merkurs“. Träger des Theodor Wolff-Preises. Lehraufträge an Journalistenschulen gehören zu seinem beruflichen Spektrum ebenso wie Veröffentlichungen als Autor und Herausgeber. Seine Co-Autorin ist Dr. Karin Henke-Wendt, Biologin, Fachredakteurin und Wissenschaftsjournalistin in den Bereichen Radioonkologie, Gynäkologie und ganzheitliche Medizin. Bücher zu medizinischen Themen, Patienten- und Imagebroschüren.

Eckart Roloff/Karin Henke-Wendt: Geschädigt statt geheilt. Große deutsche Medizin- und Pharmaskandale. S. Hirzel Verlag, Stuttgart 2018, 256 Seiten, € 22,–