Das Wunder und die Wissenschaft

Was ist das – ein Wunder? Was gilt der Kirche als Wunder? Wie lassen sich Wunder denken? Wie lassen sie sich deuten? Anfragen der kritischen Vernunft an ein schwieriges Phänomen. Von Josef Bordat

He is Risen. Empty Tomb With Shroud. Crucifixion at Sunrise. -3d rendering. - Illustration.

Wunder spielen in unserer Kultur eine große Rolle. Allem wissenschaftlichen Fortschritt zum Trotz findet sich die Wundermetapher in Filmtiteln („Das Wunder von Lengede“), Liedern („Wunder gibt es immer wieder“, Katja Ebstein; „Wunder gescheh’n, ich hab’s geseh’n“, Nena) oder auch in den großen Erzählungen, die unser kollektives Gedächtnis bilden („Das Wunder von Bern“). Doch auch Erzählungen von handfesten Wunderheilungen und – im Raum der Kirche – eucharistischen Wundern und Blutwundern haben eine große Popularität. Angesichts konkreter Wunderberichte breitet sich andererseits auch Skepsis aus. Betrachtet man dazu die einschlägige Literatur, dann ist der Wunderglaube eine Mischung aus Betrug, Informationsmangel, Fehldeutung und Leichtgläubigkeit. Zugleich jedoch werden Wunder aus dem Bereich der Religion, vor allem der Kirche, detailliert wahrgenommen und sehr intensiv untersucht. Das Phänomen des Wunders ist bereits von daher höchst ambivalent.

Das „Blutwunder von Neapel“

Ein Beispiel: Das „Blutwunder von Neapel“ – die Verflüssigung des Blutes des Stadtheiligen San Gennaro (Januarius), die sich zu bestimmten Terminen ereignet. Die Zeitschrift „Der Skeptiker“ (nomen est omen), vermutet, dass es sich bei dem Ampulleninhalt um eine thixotrope Substanz handelt, der zur Farbgebung lediglich etwas Blut beigemischt wurde. Solche Stoffe sind im Ruhezustand gelartig und erscheinen damit fest, können sich aber durch Schütteln verflüssigen. Das habe man auch schon im Spätmittelalter gewusst. Die ruckartigen Bewegungen der Träger während der Prozession sowie das Drehen der Ampulle durch den Zelebranten löse die Verflüssigung aus. Im Labor ließe sich das zeigen. Für die katholischen Neapolitaner steht indes fest: Es ist das Blut des Heiligen, das sich verflüssigt. Also: „Chem-Trick“ oder Wunder?

Hier ist nun zu klären: Was gilt der Kirche überhaupt als „Wunder“? Zunächst einmal: Der Wunderbegriff der Kirche ist überprüfbar – und insoweit wissenschaftlicher Methodik gegenüber aufgeschlossen. Die Prüfung von Wunderberichten durch die Kirche ist sehr streng. Beides ist sehr wichtig. Die Kirche sucht keine Wunder für den Reputationsgewinn ihres Glaubens. Unter diesem Verdacht steht sie jedoch, schon deshalb prüft sie äußerst sorgfältig. Zur Illustration dieser Sorgfalt wird gerne folgende eindrückliche Begebenheit geschildert: Ein Journalist habe sich 1960 gegenüber dem im Vatikan mit der Wunderuntersuchung beauftragten Sekretär abfällig über Wunderberichte geäußert. Wenige Tage später überreichte dieser Sekretär dem Journalisten wortlos einen Stapel von Berichten und Zeugenaussagen. Nachdem der Journalist wochenlang diese Schriften studiert hatte, musste er dem Sekretär gegenüber eingestehen, dass es nach menschlichem Ermessen an der Tatsächlichkeit der dort beschriebenen Ereignisse keinen Zweifel mehr geben könne. Der Sekretär erwiderte ihm mit einem Lächeln: „Und dabei sind die Akten, die ich Ihnen gab, doch nur die, die wir als mangelhaft abgelehnt haben.“ Also: Die Kirche ist hinsichtlich der Wunderfrage zurückhaltend und prüft mögliche Fälle sehr genau.

Aufschlussreich ist ein Blick in die Theologie. Bei Thomas von Aquin geschieht die Bestimmung des Wunders von der unmittelbaren transzendentalen Kausalität Gottes her. Das Wunder läuft „vorbei an der Ordnung der Natur“ (Sum Th I, 110, 4) beziehungsweise unter „Übergehung der uns bekannten Ursachen“ (Sum Th I, 105, 7). Es kommt von Gott und – so darf man wohl hinzufügen – wir werden die Ursachen des göttlichen Wirkens nie von Gott trennen können. Hinter dieser aristotelisch inspirierten Hierarchie der Verursachung steckt wissenschaftstheoretische Brisanz: Jenseits der Ebene empirisch erfahrbarer Naturrealität werden göttliche Wirkkräfte angesiedelt, die mit dem Methodeninventar der Naturerforschung nicht beschrieben werden können, die somit „vorbei an der Ordnung der Natur“ gleichwohl in die Natur hineinwirken und dort wahrnehmbare Folgen zeitigen. Damit dies denkbar wird, muss zwischen Ursache und Grund sowie zwischen Finalität und Kausalität unterschieden werden. Zur Verdeutlichung: Dass ein Stein zu Boden fällt, hat seinen Kausalgrund in der Gravitation, die durch eine naturwissenschaftliche Theorie beschrieben wird. Worin jedoch die Finalursache der Gravitation besteht, dazu kann und will die naturwissenschaftliche Theorie selbst keine Aussage machen. Hier entsteht Freiraum für philosophische Spekulation und für den religiösen Glauben. Wenn nun ein Phänomen der Gravitation zuwiderläuft, so kann das an der Einwirkung Gottes auf die Finalursache liegen, mit Konsequenz für die Kausalität, ohne den Konnex von Ursache und Grund zu lösen. Das bedeutet, dass Wunder sich nur um den Preis einer Metaphysik der Erkenntnis und des Wissens verstehen und akzeptieren lassen, die zwischen Essenz und Existenz unterscheidet, zwischen Sein und Dasein, zwischen der gedanklichen und der dinglichen Ebene von Phänomenen (die insoweit immer mehr sind als empirisch erfahrbare Sachverhalte).

Leibniz’s metaphysische Lösung

Der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz nimmt diesen Gedanken auf. Für Leibniz ist die existierende Welt die „beste aller möglichen Welten“. Daran führt kein gedanklicher Weg vorbei. Sonst – so könnte man sagen – wäre Gott nicht Gott. Gott kann nur das Bestmögliche zur Existenz bringen, weil Gott selbst das Beste ist. Aber: Schöpfung ist für Leibniz kein zeitliches „Vorher“ zur Welt, sondern ein gedankliches. Schöpfung ist damit vielmehr der „Grund“ der Welt als ihr „Anfang“. Es ist also nicht daran zu denken, dass Gott den „Startschuss“ gibt und dann der Weltlauf beginnt, sondern dass diesem Gottes Idee vorausgeht – zeitlos. Das ist für unsere auf raumzeitliche Kausalität angewiesene Vorstellungskraft schwer zu erfassen. Wenn man etwa sagt, dass Gott in jedem einzelnen Moment mit seiner Idee hinter der Realität steht (und damit eben auch Wunder wirken kann, wenn er das will), so hat man Zeit und Raum ja schon wieder vorausgesetzt. Am ehesten erschließt sich dieser Gedanke an diesen zeitlosen Schöpfungsakt (der das Erschaffen des Wunderbaren einschließt) vielleicht über den Modus als Wahlakt zwischen unendlich vielen, parallel laufenden möglichen Welten. Es ist klar, dass es hier kein zeitliches „Vorher“ gibt, sondern allein der Begründungszusammenhang, also: der Wille Gottes, in einer gewissen Weise (in jedem Fall aber unzeitlich) „vor“ der Realisierung eines Ereignisses (auch: eines Wunders) in der geschaffenen Welt liegt. Leibniz sieht in einem Wunder keinen Verstoß gegen Naturgesetze. Denn darin steckt der ketzerische Vorwurf, Gott müsse seine eigenen Regeln ständig überarbeiten. Gedacht ist eher an ein „Umgehen“ der Naturgesetze im Sinne des Aquinaten. Leibniz meint, es gebe allgemeine (nur von Gott erkannte) Gesetze hinter oder über dem vom Menschen erkennbaren Teil der Naturgesetze. Wunder liegen dazwischen: Sie entsprechen den unbekannten Regeln Gottes, widersprechen aber dem uns bekannten Teil der Naturgesetze – und sorgen daher unter uns Menschen für Verwunderung. Schließlich habe Gott qua praevisio alle Gebete um Wunder und andere Eingriffe vorhergesehen und bereits „vorher“ eingeplant (wie schon angemerkt: nicht zeitlich, sondern gedanklich „vorher“). So ist das „Wunder“ also von vorneherein Bestandteil der „besten aller möglichen Welten“. Dann sogar unter Umständen ohne Verletzung der uns bekannten Naturgesetze, die Gott darauf abstimmen kann (schließlich sind ja auch sie Bestandteil der zur Existenz gebrachten Schöpfung).

So gewöhnungsbedürftig Leibnizens Denken an dieser Stelle auch sei, es ist in sich konsistent. Es versöhnt die beobachtbare Kausalität der Natur in einer wissenschaftlichen Weltauffassung mit der Finalität der Gnade Gottes, an die wir glauben. Dass diese Metaphysik von Naturforschern abgelehnt wird und der Wunderbegriff für die Wissenschaft obsolet ist, mag wiederum nicht wundern; hier wird die Idee der „uns nicht bekannten Ursachen“ in die Hoffnung eines „Noch nicht, aber bald“ überführt. Ob es sich aber bei dem, was wir finden, um Ursachen oder um Gründe, um Erst- oder Zweitursachen handelt, ob die Antworten der Wissenschaft den Menschen im Wittgensteinschen Sinne „zur Ruhe kommen“ lassen, dürfte solange umstritten bleiben, solange wir nicht die Perspektive Gottes einnehmen und von dort aus den Weltlauf betrachten. Da dies nie der Fall sein wird, verliert die Spekulation über nicht erkennbare finale Erstursachen einer göttlichen Zwecksetzung und Sinnstiftung, die sich in nachvollziehbaren kausalen Zweitursachen ausdrücken, niemals ihre Berechtigung. So bleibt schließlich auch der Glaube an Wunder stets berechtigt.

Mehr noch: Er kann vernünftig sein. Schauen wir auf das „Wunder von Calanda“, das in dem Buch „Vernünftig glauben. Ein Gespräch über Atheismus“ von Ingo Langner/ Kardinal Brandmüller vorgestellt wird. Einem Unterschenkelamputierten wuchs, nachdem er zwei Jahre lang regelmäßig zum Marienheiligtum Santa Maria del Pilar zu Saragossa gehumpelt war, um die Fürsprache der Gottesmutter zu erbitten, in der Nacht vom 29. auf den 30. März 1640 ein neues, gesundes Bein. Sogleich erfolgte eine intensive medizinische, juristische und theologische Untersuchung des Falls, die – so die Einschätzung Kardinal Brandmüllers – „jeder historisch-kritischen Prüfung standhält“. Das Wunder von Calanda ist in über 100 Publikationen eingehend untersucht und geprüft worden; die Akten sind mittlerweile in einer kritischen Edition erschienen. Der einstige Präsident des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften gelangt daher zu dem Urteil: „Die Zahl und Kompetenz der befragten Zeugen gestatten keinen vernünftigen Zweifel an dem Ereignis.“ Es kann also „keinen vernünftigen Zweifel“ geben. Selbstverständlich bleibt unvernünftiger Zweifel zulässig. Und selbstverständlich muss man nicht an die kausale Wirkung des Fürbittgebets glauben – dass über Nacht ein Bein wächst, könnte auch andere Gründe haben. Aber der Unglaube rechtfertigt nicht, die kausale Wirkung einer göttlichen Finalursache als „unmöglich“ zu verneinen. Zu sagen „Wir haben ja auch keine Erklärung – aber auf keinen Fall war es Gott!“, das ist – unvernünftig.