Das Unsagbare sagen

Grausamkeiten in den Konzentrationslagern: Ein Band über Holocaust-Zeugnisse, die ab 1944 gesammelt wurden. Von Benedikt Bögle

Das Böse in Worte zu fassen, ist nicht einfach. Das Unbeschreibliche zu beschreiben ist kein leichtes Unterfangen. Und dennoch unfassbar wichtig. Es ist notwendig, nachfolgende Generationen zu unterrichten von dem Bösen in der Welt, damit es sich nicht wiederholen kann, damit es dem kollektiven Gedächtnis eingeprägt bleibt. Trotz der Schwierigkeit eines solchen Unterfangens haben sich direkt nach der Befreiung der Ghettos und Konzentrationslager auf polnischem Boden Juden zusammengefunden, um Berichte über das unsagbare Grauen des Nationalsozialismus zu sammeln. Die „Zentrale Jüdische Historische Kommission“ trug ab Sommer 1944 derartige Berichte zusammen. In mehreren Broschüren und Büchern wurden die Berichte von Augenzeugen herausgegeben, in polnischer sowie jiddischer Sprache.

Ein Teil dieser Texte wurde nun auf deutsch herausgegeben. Der Band „Nach dem Untergang. Die ersten Zeugnisse der Shoah in Polen 1944–1947“ bietet dem Leser zwölf der Berichte: „Die Berichte dieser Zeitzeugen der frühen Stunde sind einmalige Dokumente des Holocaust, ebenso authentisch wie ergreifend“, leiten die Her-ausgeber ihren Sammelband ein. Und wirklich, die Berichte sind ergreifend, lassen den Atem des Lesers bisweilen ins Stocken geraten angesichts der unfassbaren Verbrechen, begangen von den Nazi-Schergen auf polnischem Boden.

So etwa berichtet Gerszon Taffet von der „Vernichtung der Juden von Zolkiew“, einer Stadt in Ostgalizien, die vor dem Einmarsch der deutschen Truppen mehr als 5 000 jüdische Bewohner zählen konnte. Ab dem ersten Tag demütigten die Deutschen die jüdische Bevölkerung. Sie setzten die Synagoge in Brand, wollten mehrere Juden im Feuer lebendig verbrennen und schändeten den jüdischen Friedhof der Stadt: „Diese Schändung war umso schmerzhafter, als die Deutschen die Juden zwangen, die Grabsteine mit ihren eigenen Händen niederzureißen. Mehrfach wurden Juden gezwungen, die Grabsteine ihrer Angehörigen zu entfernen.“ Zu Beginn des Jahres 1942 sollten die Juden von einem amtlichen Arzt in drei Kategorien eingeteilt werden: zu schwerer Arbeit fähig, zu leichterer Arbeit fähig, arbeitsunfähig. Viele der Bewohner mühten sich, in die dritte Kategorie der Arbeitsunfähigen eingeordnet zu werden. Sie wurden von den Gestapo-Männern „umgesiedelt“: „Da die ,Aktion‘ unmittelbar vor dem Pessach-Fest stattfand, nahmen viele fromme Juden als einziges Gepäck die für die Feiertage vorbereitete Mazze mit. Wie sich später herausstellte, nützte ihnen die Mazze gar nichts, denn die in dieser ,Aktion‘ umgesiedelten Juden kam im Todeslager Belzec um.“

Was dort in Belzec geschah, weiß Gerszon Jaffet zu berichten: „In dem Moment, in dem ein Transport von Juden in die Bahnstation von Belzec einfährt, steigt der polnische Lokomotivführer aus und sein Platz wird von einem deutschen Lokomotivführer eingenommen, der den Zug auf dem Nebengleis in den Wald hineinfährt. Einige Zeit lang ertönt von dort ein verzweifeltes Jammern und Schreien, das allmählich schwächer wird, bis es schließlich nach einiger Zeit verstummt und der Zug ohne Menschen und nur mit ihren Kleidungsstücken zurückkehrt. Über dem Lager steigt Rauch auf.“

Nach und nach siedelten die Nazis die Juden aus der Stadt Zolkiew aus und errichtete schließlich im Dezember 1942 ein Ghetto. Wer das Ghetto verließ, wurde sofort erschossen – auch Kinder. 1943 schließlich begannen Nazis, das Ghetto „aufzulösen“: „Die meisten Juden, hauptsächlich Frauen und Kinder, wurden gefasst und in den nahe gelegenen Wald verschleppt (…), wo sie erschossen und in vorbereiteten Massengräbern verscharrt wurden. Diese Gräber hatten jüdische Arbeiter zuvor ausgehoben.“ Diejenigen, die erschossen werden sollten, mussten sich auf Bretter an den Rand der Grube stellen, so fielen sie direkt hinein – nicht jedoch nur die Toten, auch leicht Verletzte: „Die Gräber wurden nach der Aktion zugeschüttet. Die jüdische Bevölkerung erzählte, dass sich die Erdschicht, die die Gräber bedeckte, nach der Aktion noch tagelang bewegte, als ob sie Wellen schlüge.“

Als Zolkiew 1944 befreit wurde, waren nur mehr 70 Juden übrig geblieben. Beim Einmarsch der Deutschen waren es mehr als 5 000 gewesen. Ähnlich Unglaubliches, Grausames, ja Unmenschliches weiß auch Michal Maksymilian Borwicz über die „Universität der Mörder“ zu berichten. Gemeint ist damit das Lager Janowska in Lemberg, das, so Maria Hochberg-Marianska in ihrer Einleitung zu dem Text, „für die NS-Täter zu einer Art Lehrstätte für Verbrechen und Sadismus“ wurde. Borwicz berichtet dementsprechend auch grausame Unglaublichkeiten. Er erzählt davon, dass Knochen von einer Maschine zu Staub gemahlen wurden. Über Untersturmführer Gustav Willhaus sagte er, dieser bewohnte eine Villa in der Nähe des Lager. Wollte er seine kleine Tochter unterhalten, schoss er auf Häftlinge. Seine Frau hatte, war sie unterwegs, einen Revolver dabei, um einige der verfolgten Juden zu erschießen.

In einer dieser Villen fand sich eines Tages auch eine Damengesellschaft ein, Ehefrauen und Verlobte der SS-Männer: „Scharführer Steiner pflegte zum Beispiel mit Kreide weiße Kreise auf den Brustkorb der Häftlinge zu malen. Vor den Augen aller Häftlinge wurde auf diesen Kreis aus einer Entfernung von 20 Schritt geschossen. So starben unter anderem der bekannte Kinderarzt Professor Progulski und sein Sohn. Auf den Professor schoss eine gewisse Marta Rebauer. Sie zielte schlecht und erst die siebte Kugel traf den weißen Kreis. Die Gesellschaft bietet sich gegenseitig Zigaretten an; die Damen rauchen oder benutzen ihre Lippenstifte.“

Diese unsagbare Grausamkeit ist der rote Faden, der sich durch die Berichte der vorliegenden Edition zieht. Liest man die Berichte, kann man sich an der einen oder anderen Stelle einer gewissen Übelkeit nicht erwehren. Dennoch ist dieses Buch wichtig, unsagbar wichtig. Die Authentizität der Berichte, von der die Editoren Frank Beer, Wolfgang Benz und Barbara Distel in ihrer Einführung sprechen, bewahrheitet sich auf jeder Seite. Die Berichte stammen nicht aus späteren Zeiten oder wären rekonstruierte Sammlungen. Sie stammen aus der Zeit direkt nach jenem unsagbaren Verbrechen und gewähren damit einen einmaligen Einblick in diese Grausamkeit.

Frank Beer/Wolfgang Benz/Barbara Distel (Hg.): Nach dem Untergang. Die ersten Zeugnisse der Shoah in Polen 1944–1947. Berichte der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission. Metropol Verlag Berlin/Verlag Dachauer Hefte, 2014, 652 Seiten, EUR 29,90