Das Sterben pflegen

Nicht der Tod, das Sterben ist eines der letzten Tabus in Europa – auch wenn allgegenwärtig darüber gesprochen wird. Der Gesetzgeber ist bemüht. Umfragen messen den Sterbewunsch der Menschen, Standesorganisationen erörtern auf mittlerweile hunderten von Kongressen weltweit medizinische oder juristische Probleme der Sterbehilfe. Und Hasardeure der organisierten und kommerzialisierten Suizid-Assistenz halten Medien und Menschen in Atem. Alles aber geschieht immer in der Haltung der Abwehr und Angst. Dass das Sterben kultiviert werden kann, darüber schweigen alle. Ein Plädoyer.

Theaterregisseur Christoph Schlingensief ist ein Meister der Provokation. Jetzt hat er wieder ein neues Projekt verkündet: Den Krebs, die Kirche und die Kunst. Er redet dabei über seine eigene Krebserkrankung, die bei ihm vor etwas mehr als einem halben Jahr diagnostiziert wurde. Den Berliner „Tagesspiegel“ hat er deshalb dieser Tage wissen lassen: „Ich erlebe die Beziehung zu meinem Gott als Kampfsituation. Wenn man einen solchen Schlag abkriegt, kann man das einfach nicht akzeptieren. Anfang des Jahres bekam ich die Krebsdiagnose, seither quält mich die Frage, wer mich da verlassen hat. ,Mein Gott, warum hast du mich verlassen – den Satz kann man auch mal rufen. Vielleicht habe auch ich Gott verlassen, vorher schon.“ Und Schlingensief gibt im Gespräch weiter preis, dass diese Erkrankung das Konkreteste und Härteste sei, was er in der simulierten Weltansicht von Kunst, Theater und Oper je erlebt habe. „Der Schauspieler spielt seine Rolle als Leidensbeauftragter.“

Diese Rede macht zornig. Denn im Prinzip tut Schlingensief genau das, was er angesichts der Wucht der Krankheit, an der er leidet, vorgibt, nicht länger tun zu wollen, nämlich ein simuliertes Leben zu leben. Er simuliert die Nichtsimulation seiner Krankheit, und das Denken an das Sterben wird schon wieder dramatisch, es wird inszeniert. Anstatt zu verstummen, sich zurückzuziehen, Gedanken zu fassen, was die angemessene Reaktion auf die angeblich von Schlingensief gewonnene Einsicht wäre, wie hinfällig doch das Leben sei, übernimmt er sofort wieder eine Rolle, die nämlich des Leidensbeauftragten. Und schon wieder wird das Sterben öffentlich als Tragödie verhandelt, als heroische Kampfsituation, als Herausforderung für echte Berserker.

„Das Sterben will dem Sterbenden die Chance geben, mit seiner Biographie ins Reine zu kommen, mit den Menschen, die dem Sterbenden wichtig waren, Frieden zu schließen. Das Sterben kann in Familien Wunden heilen, Verfeindete wieder zusammenführen, Zurückbleibende reifer machen“

Dabei ist das Sterben ganz anders. Es ist still, lautlos, wortlos, handlungslos. Wenn einen Menschen der Tod nicht gerade unvorhergesehen und plötzlich ereilt, sondern in Folge einer Krankheit, kommt das Sterben langsam. Es kündigt sich an, es zieht sich wieder zurück, es lässt leise Hoffnungen aufflackern, löscht sie wieder. Es lässt Zeit, und drängt dann wieder. Das Sterben will kein Kampf gegen das drohende Nichts sein, sondern es will den Menschen zu einem entscheidenden mit sich selbst einverstanden fühlen führen. Das Sterben will den Menschen, den Glaubenden zuerst, aber auch den Nichtglaubenden, zur Einsicht führen, dass sein individuelles Leben einen Wert hatte, der mit dem Tod nicht endet – sondern der Tod die Schwelle ist zu einem anderen Leben. Für Christen ist dieses Leben das ewige Leben bei Gott.

Das Sterben will dem Sterbenden die Chance geben, mit seiner Biographie ins Reine zu kommen, mit den Menschen, die dem Sterbenden wichtig waren, Frieden zu schließen. Das Sterben kann in Familien Wunden heilen, Verfeindete wieder zusammenführen, den Zurückbleibenden bei aller Trauer andere Perspektiven auf das Leben lehren, sie reifer machen. Die Dichterin Hilde Domin hat das bleibend in den Worten ausgedrückt: „Jeder der geht / Belehrt uns ein wenig / Über uns selber. / Kostbarster Unterricht / An den Sterbebetten. / Alle Spiegel so klar / Wie ein See nach großem Regen, / ehe der dunstige Tag / die Bilder wieder verwischt.“

Alles das kann das Sterben – muss es aber nicht. Damit es das kann, braucht es eine Kultur des Sterbens, muss das Sterben im wahrsten Sinne des Wortes gepflegt werden. Es braucht in Europa bei der Debatte um das menschenwürdige Sterben eine Umkehr des Blickes. Bisher sind weitaus die meisten Bemühungen darauf gerichtet, Schmerzen und Leiden bei sterbenskranken Menschen zu verhindern. Die Angst vor diesen Schmerzen und dem Leiden rückt so sehr in den Blick und beherrscht ihn, dass alle Mittel recht scheinen, um sie zu bekämpfen – und sei es das der aktiven Sterbehilfe. Letztere scheint eine einfachste Mechanik der Schmerzfreiheit anbieten zu können, weshalb sie wegen dieser scheinbaren Einfachheit in Umfragen so an Attraktivität gewonnen hat – nur keine Schmerzen, alles andere ist egal.

Die Palliativmedizin dagegen will Schmerzen und Leiden auch lindern – und sie kann dies mittlerweile in außerordentlicher Weise. Aber ihr Blick ist ein anderer. Sie will den Schmerz nicht lindern, damit er zu Ende ist, sondern damit dem Sterbenden die Möglichkeit gegeben werden kann, sein Sterben bis zuletzt zu leben und im Sterben die Erfahrungen zu machen, die für seine eigene Biographie und für seine Angehörigen und Freunde so wichtig sind – also versöhnt mit sich und der Welt gehen zu können. Die Palliativmedizin rechnet also mit der Möglichkeit eines Sinnes des Sterbens, den sie mit ihrer Kunst dem Menschen zu erfahren ermöglichen will. Die Palliativmedizin pflegt gleichsam das Sterben, hilft es kultivieren. Die aktive Sterbehilfe dagegen unterstellt von vorneherein die Sinnlosigkeit des Sterbens und rechnet allein mit der Lebensangst, die es dem Menschen so schwer macht, sein Sterben annehmen und leben zu können – und bietet dafür einen bürokratischen Ausweg, den des assistierten Suizids nämlich. Die aktive Sterbehilfe pflegt also nicht das Sterben und kultiviert es, sondern verhindert es.

Was im Verhältnis zu Palliativmedizin und aktiver Sterbehilfe gesagt werden kann, lässt sich für die Hospizbewegung insgesamt sagen, die das Sterben als ein Leben bis zuletzt versteht. Was hier in den vergangenen 25 Jahren geschaffen worden ist an Ausbildung ehrenamtlicher Hospizhelfer, an stationären und ambulanten Hospizen, dient alles dem einen Ziel: Dass der Mensch das Sterben nicht als Kampfsituation durchleiden muss. Wie hier das Sterben kultiviert und die Sterbenden gepflegt werden, das kann das Tabu des Sterbens in unserer Gesellschaft brechen.

Darüber sollte sich Christoph Schlingensief einmal Gedanken machen mit seiner Rede von der Gottverlassenheit. Bevor es zu spät ist.