Das Phänomen Fußball

Ob Bundesliga-, Europa- oder Weltmeisterschaftsspiele – kaum eine andere Sportart zieht mehr Menschen in ihren Bann als der Fußballsport. Millionen von Fans verfolgen die Spiele auf Sportplätzen, im Stadion, vor dem Radio oder dem Fernsehen.

Fußball kann ein Grund für schlaflose Nächte, ewige Freundschaften und erbitterte Streitereien sein. Spielpläne und Ergebnisse prägen das Leben von Fußballfans. Auch Philosophen und Schriftsteller sind von der Leidenschaft für das runde Leder nicht verschont geblieben, haben immer wieder ihr Tun und Denken mit dem Fußballsport erklärt. Woher rührt diese Faszination der oft einzelgängerischen Geistesarbeiter für diesen körperbetonten Mannschaftssport? Ist es die Sehnsucht nach dem „ganz Anderen“?

„Alles, was ich über die Moral der Menschen weiß, verdanke ich dem Fußball!“ Diese dem Sport huldigende Selbsteinschätzung stammt nicht von Franz Beckenbauer oder Oliver Kahn, sondern von Albert Camus, der für seine literarischen und philosophischen Schriften, wie zum Beispiel „Der Fremde“ oder „Der Mythos von Sisyphos“, 1957 den Nobelpreis verliehen bekam. Schon während des Studiums in den 1930er Jahren begeisterte sich Camus neben Theater und Philosophie für den Fußball und stand sonntags als Torhüter der „Racing Universitaire“, der Universitätsmannschaft von Algier, auf dem Platz. Kein literarischer Einzelfall: Auch Vladimir Nabokov („Lolita“) und Per Olov Enquist („Der Besuch des Leibarztes“) ließen hin und wieder die Schreibmaschine ruhen, um das Trikot mit der Nummer 1 überzuziehen. Enquist zwei Jahre lang sogar in der 4. Division der nordschwedischen Küstenliga. Was ihm nicht nur einen physischen Erfahrungsschatz bescherte, sondern – für einen Literaten nicht unwichtig – ein Gefühl für Beobachtungsdifferenzen. „Vieles von dem, was in der Draufsicht der Zuschauer im Stadion und an den Fernsehgeräten eine Tatsache ist – frei stehende Spieler, offene Räume, Formationen – existieren weder für die Aktiven noch für die Trainer“, hob Enquist rückblickend auf seine Sportlerjahre hervor. „Ein guter Spieler ist demnach der, der die Tribünenperspektive auf dem Feld selber realisiert.“

Was natürlich für einen Torwart, der mehr als Beobachter agiert, leichter zu verwirklichen ist als für einen normalen Spieler, der auf dem Feld mitten im Geschehen steckt, zwischen Flanken, Dribblings und Doppelpässen hin und her hetzt. Ein solcher Wirbelwind war der spanische Erfolgsautor Javier Marias („Mein Herz so weiß“), der sich als Ausgleich zum intellektuellen Elternhaus – Mutter Lehrerin, Vater Philosophie-Professor – ab und zu auf dem Bolzplatz austobte, politisch korrekterweise für die frühen 1970er Jahre als Linksaußen. Heute mit Mitte 50 schreibt Marias regelmäßig in spanischen Zeitungen über Fußball, und es ist noch nicht lange her, dass der bekennende Real-Madrid-Fan eine Sammlung mit 30 Glossen zum Thema Fußball veröffentlicht hat („Alle unsere frühen Schlachten. Fußball-Stücke, 2003).

Dort schreibt Marias zum Beispiel, wie er als Kind regelmäßig mit den Eltern die Ferienzeit fernab von Madrid auf dem Land verbrachte und die Spiele eines Provinzvereins verfolgte. „Da wir uns bis weit in den September hinein dort aufhielten, sahen wir uns die ersten Meisterschaftsspiele des Lokalmatadors, Numancia, an. Ich besitze einige Fotos, die auf jenem Schotterplatz 1961 aufgenommen wurden, und im Hintergrund kann man das Ergebnis der Begegnung lesen: Numancia 2, Logrones 0. Meine Erinnerung sagt mir, dass jenes Stadion mit einer einzigen Tribüne an der Längsseite San Juan hieß. Jetzt lese ich, dass es Santa Ana heißt und unter dem Namen Los Pajaritos bekannt ist. Ich weiß nicht, ob es noch dasselbe ist, aber jedenfalls hat es in den letzten Wochen Berühmtheit erlangt. Seit meiner Kindheit habe ich die Gewohnheit, montags in der Zeitung nachzusehen, wie Numancia in der dritten Liga oder jetzt in der zweiten B-Liga gespielt hat, eine Gewohnheit, die ich lustigerweise mit einem anderen Schriftsteller, dem Österreicher Peter Handke, teile, der, egal wo er sich befindet, dasselbe tut, wenn er spanische Zeitungen auftreiben kann, wie er in seinem Versuch über die Jukebox gesteht.“

Die ganze Bandbreite des Lebens in 90 Minuten

Sprich: Auch der letzte Provinz-Klub kann sich mit seinen Siegen und Niederlagen in die Herzensgrube eines Knaben einnisten, so tief, dass er sie später als Mann nicht mehr vergisst. Neben all den anderen Fußball-Helden, Spielergebnissen, Mannschaftsaufstellungen und Spielzügen der Kindheit. Doch warum diese Nostalgie? Warum diese Leidenschaft für Namen, Daten und Ergebnisse, die – mit etwas Nüchternheit besehen –, doch völlig belanglos und unwichtig sind?

Auch wenn sich bei manchem Heranwachsenden, wie es der deutsche Schriftsteller F.C. Delius in seinem Roman über das 1954er Wunder von Bern, „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“ beschreibt, hin und wieder ein großer Sieg mit nationaler Dimension einschleichen kann.

Wahrscheinlich, weil die ersten Spiele eben nicht belanglos sind, sondern persönlichkeitsstiftend, wie so vieles, was in der Kindheit zum ersten Mal auftaucht und partout nicht mehr aus dem Kopf und dem Herzen geht. Mit den ersten elf Spielern, den ersten Spielergebnissen lernt ein Mensch, was Furcht, Unruhe, Freude, Scham, Wut, Tränen, Verrat und Ehre ist. Die ganze Bandbreite des Lebens, alles scheint im Fußball verborgen zu sein, alles wird einem in 90 Minuten und der Zeit zwischen den Spielen kompakt und übersichtlich geboten. In einer Einfachheit, Klarheit und Spannung, die in den komplexen Zusammenhängen des Lebens sonst selten so deutlich zu finden sind.

Darüber hat sich auch der britische Schriftsteller Nick Hornby („High Fidelity“, „31 Songs“) seine Gedanken gemacht. In seinem ersten Roman „Fever Pitch“ (Ball-Fieber) brachte er literarisch auf den Punkt, was Fußballbesessenheit in all ihren ernsten und komischen Facetten ausmacht. „Fever Pitch“ ist die Geschichte eines Fußballfans, dessen Leben von den seltenen Siegen und zahlreichen Niederlagen seines Clubs bestimmt wird. Der Fan heißt Nick Hornby, sein Verein Arsenal London. Mit Leichtigkeit und Witz schildert Hornby die Spiele und sein Leben: In nachdenklichen Anekdoten erzählt er von der Scheidung der Eltern, dem Alltag in der Vorstadt, dem lustlos absolvierten Studium in Cambridge und den ersten Freundinnen. „Fever Pitch“ ist der Versuch, einen Blick hinter die Besessenheit zu werfen. „Warum hat die Beziehung, die als Schuljungenschwärmerei begann, beinahe ein Vierteljahrhundert überdauert, länger als irgendeine andere Beziehung, die ich freiwillig eingegangen bin?“

Wahrscheinlich, so kann man nach der Lektüre des Romans vermuten, weil Fußball eine ideale Projektionsfläche für große Träume bietet, die sich nicht unbedingt erfüllen müssen. Eine flexible Synchronspur zu allen Initiations- und Midlife-Krisis-Riten. Wer kennt nicht das Gefühl, etwas Besseres verdient zu haben, alles richtig gemacht zu haben und trotzdem nicht anerkannt zu sein. Im Fußball-Geschäft ist dieses Lebensgefühl für Spieler und Fans permanent Realität. Welcher seiner vielen Titel tröstet zum Beispiel einen Oliver Kahn darüber hinweg, dass er nie Weltmeister und bei der WM 2006 vom Titan zum Ersatz-Keeper degradiert wurde? Wie viele Trainerrauswürfe und Transfers werden die Fans des FC Schalke 04 noch erdulden müssen bis zur nächsten Meisterschaft der Herzen? Wie viele Niederlagen gegen Kroatien wird es brauchen, damit Lothar Matthäus eines Tages doch noch Teamchef der deutschen Nationalmannschaft wird? Mit welchem Ausgang auch immer.

Wer zum Fußball Ja sagt, sagt damit auch immer Ja zum Leiden – trotz all der Ästhetik, die zweifellos zu diesem Sport gehört. Denn aus der Tiefe des Raums lassen sich bekanntlich nicht nur Kunstwerke gestalten, auf dem grünen Rasen können Kunstwerke geschossen werden: Mit Wucht aus der Distanz oder als Fallrückzieher im Strafraum oder raffinierter Freistoß an der Mauer vorbei.

Doch ist es das, was so viele Schriftsteller am Fußball fasziniert? Ist es nicht auch die physische Unmittelbarkeit des Geschehens? Die frei von zu viel Reflexion und Gedankenschwere auskommt. Wo nicht ein Sisyphos immer wieder neu den filigranen Felsblock des Geistes alleine ins Elfenbeingehäuse hochschieben muss, sondern 22 Mann manchmal erfolgreich, manchmal vergeblich nach dem Leder jagen? Mit Spucke und Grätsche und allem Menschlichen, was sonst noch dazu gehört. Und wie entspannend-kreativ ist doch die Sicht vieler Fußballer auf das Leben:

„Mailand oder Madrid – Hauptsache Italien!“

Ob Andy Brehme („Uns steht ein hartes Programm ins Gesicht“), Andy Möller („Mailand oder Madrid – Hauptsache Italien!“), Mario Basler („Das habe ich ihm dann auch verbal gesagt“) oder Lothar Matthäus („Ein Lothar Matthäus lässt sich nicht von seinem Körper besiegen, ein Lothar Matthäus entscheidet selbst über sein Schicksal“) – welche Schriftstellerworte der vergangenen Jahrzehnte haben derart hellsichtig, prägnant und überraschend die Absurditäten des Daseins, den verzweifelten Kampf gegen die Vergänglichkeit auf den Punkt gebracht?

Und ist es nicht auch genau das, das Unvorhersehbare, von der Erwartung leicht abweichende, das im Rückblick vollkommen logisch und nachvollziehbar erscheint, was einen guten Roman und ein gutes Fußballspiel auszeichnet? Wie viele Pointen und geniale Romanenden bauen auf diesem Prinzip auf? Wie viele sogenannte Favoriten geraten auf dem Weg zu einem Endspiel unter die Räder eines Außenseiters? Zufall, Schicksal, Gott – davon kann man bei einem wirklich substanziellen literarischen Werk wie auch bei einem spannenden Fußballspiel eine Ahnung bekommen. Das wusste schon der Schweizer Dramatiker Friedrich Dürrenmatt (1921–1990), der bei einem dramaturgischen Vergleich zwischen Literatur und Theater einmal erklärte, dass bei einem perfekten Theaterstück, so wie beim Fußball, die zunächst zurückliegende „Mannschaft“ kurz vor Schluss den Ausgleich erzielen müsse, um dann sogar noch das Siegtor zu schießen.

Fußball, so kann man vermuten, ist in vieler Hinsicht genau dies: das ganz Andere, die Alternativ-Angebot zur schöngeistigen Existenz, zur Normalität des Alltags und doch gleichzeitig ein Spiegelbild, ein Konzentrat des Lebens mit all seinen Höhen und Tiefen, Illusionen und Visionen. Ein „Programm“, das Spieler, Trainer und Fans stets aufs Neue lehrt, dass manchmal das Leben mit uns selbst Fußball spielt.