Würzburg

Das Naturrecht lehnt er ab

Ein Akademieabend zum neuen Buch von Jürgen Habermas macht dessen metaphysische Vorentscheidungen deutlich.

Jürgen Habermas
Mit dem Blick auf Thomas von Aquin wurzelt der Gedanke vernünftiger Freiheit noch tiefer als in der Aufklärung: Jürgen Habermas. Foto: dpa

Beide gehören zu den prägenden Denkern der Nachkriegszeit in Deutschland. Beide gehören der sogenannten Flakhelfergeneration an. Beide hatten Probleme mit ihrer Habilitation, die in ihrer eigenständigen Denkweise gegenüber der autoritären Ordinarienherrschaft begründet lag. Beide haben sich vor den chaotischen Unruhen der Studentenrevolte an ruhigere Orte zurückgezogen, die für das Forschen, Lehren und Publizieren geeigneter waren. Beide sind heute die letzten großen international renommierten Repräsentanten der deutschen Geisteswissenschaft. Und beide haben im hohen Alter das Zueinander von Glaube und Vernunft zu ihrem großen Thema gemacht.

Die Rede ist von Jürgen Habermas und Joseph Ratzinger. Glaube und Vernunft waren sozusagen die Leitbegriffe des Pontifikats von Joseph Ratzinger. Für einen Augenblick hatte die Welt Papst Benedikt XVI. Gehör geschenkt, als er gewinnend zum Mitdenken und Mitglauben einlud. Glauben und Wissen sind auch der letzte große Forschungsgegenstand von Jürgen Habermas. In den letzten zehn Jahren hat er an einem 1 700 Seiten umfassenden Werk geschrieben, das er im November mit 90 Jahren vorgelegt hat: „Auch eine Geschichte der Philosophie“. Mit den beiden Teilbänden „Die okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen“ und „Vernünftige Freiheit. Spuren des Diskurses über Glauben und Wissen“. Begegnet sind sich der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas (geb. 1929) und der Theologieprofessor und Präfekt der Glaubenskongregation Joseph Ratzinger zuletzt im Januar 2004 in der Katholischen Akademie in München. Dort sprachen und diskutierten sie zum Thema „Vorpolitische Grundlagen des demokratischen Rechtsstaates“. So lag es nahe, der von Habermas mit seinem neuen Buch ausgesprochenen Einladung zum Dialog zu entsprechen.

Keine unveränderlichen Eigenschaften des Menschen

Dazu hat jetzt die Katholische Akademie München den Professor für Religionsphilosophie an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Frankfurt Thomas M. Schmidt (geb. 1960) eingeladen. Er sollte das monumentale Werk erschließen helfen. Schmidt hat sich intensiv mit der Bedeutung religiöser Überzeugungen in der pluralistischen Gesellschaft befasst, seine wissenschaftlichen Qualifizierungsarbeiten in Frankfurt hat Habermas als Gutachter begleitet. Im Anschluss an Max Weber hat sich Habermas wiederholt als „religiös unmusikalisch“ bezeichnet. Mit „religiös unmusikalisch“ ist gesagt, dass Religion nicht unbedingt zur natürlichen Grundausstattung des Menschen gehöre. Damit ist aber auch gesagt, dass eine Offenbarungsreligion, die mehr ist als der Ausdruck eines Wesensbedürfnisses, denkbar wäre. Habermas hat in seinen beiden Bänden ausdrücklich keine Definition eines säkularen Begriffs von Religion vorgelegt. Schmidt bedauerte dies, wies aber darauf hin, dass Habermas dies als einen Akt der „Kolonialisierung“ den Religionen gegenüber ansähe. Hier habe Habermas auch Hegel kritisiert, der Religion in die absolute Erkenntnis der Philosophie „aufgehoben“ hat. Bereits in seiner Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2001 ist Habermas auf die Bedeutung religiöser Überzeugungen eingegangen, die mehr seien als ein Relikt überlebter Vergangenheit, sondern eine „kognitive Herausforderung“ für die Philosophie darstellten.

Erneut hat sich Habermas dann 2007 in seinem Referat „Ein Bewusstsein von dem, was fehlt“ in der Münchner Hochschule für Philosophie mit Religion auseinandergesetzt. Angesichts der biowissenschaftlichen Revolution genüge es nicht, utilitaristisch vorzugehen und alles, was der vermeintlichen Verbesserung des Weltganzen nützt, für erlaubt zu erklären. Allerdings versteht sich Habermas als nachmetaphysischen Denker, der ausdrücklich die naturrechtliche Argumentation abweist, da alle Vorstellungen von der Natur des Menschen und ihren notwendigen unveränderlichen Eigenschaften geschichtlich bedingter Ausdruck metaphysischer Vorentscheide seien. Hier liegt ein schwerwiegender Vorentscheid von Habermas vor, der dem Selbstverständnis des Menschen nicht gerecht wird und diesem letztlich nicht mehr ermöglichen würde, sich über die Grenze naturwissenschaftlicher Theorien und Methoden in Bezug auf sein Leben ein Urteil zu bilden. Woher soll die Vernunft das Maß ihrer Selbstkritik also nehmen. Darauf hat Papst Benedikt 2006 in seiner Regensburger Rede eine Antwort gegeben und damit auch den Dialog mit Habermas fortgesetzt: Die Korrektur der Vernunft kann nur aus der Vernunft selbst kommen, die erkennt, dass sie über sich hinausweist.

„Was die Welt zusammenhält“

Die Bezeichnung nachmetaphysisches Denken ist Teil der modernen Selbsteinschränkung der Vernunft auf das im Experiment falsifizierbare oder verifizierbare. In seinem Referat hatte Ratzinger 2004, bezogen auf die vorpolitischen Grundlagen des modernen Staates, gesagt: „Was die Welt zusammenhält“ ist die allen rein rationalen Vereinbarungen vorausliegende Wirklichkeit des von seinem Schöpfer ins Dasein gerufenen und zur Antwort berufenen Geschöpfes. Schmidt erinnerte an die Reaktion von Habermas auf die ohne jedes religiöse Ritual abgehaltene Trauerfeier für den befreundeten Schriftsteller Max Frisch. Die Feier habe er als leer und als Verlegenheit empfunden.

Dies seien Gelegenheiten, bei denen Religion in der Moderne vermisst werde. Es fehle der Moderne an „Ersatzformen“ von Religion zur Krisenbewältigung. Rituale nennt Habermas „Ausfallbürgschaften“ in Krisensituationen. Damit würde aber nur eine funktionale Religionsbegründung gegeben, die dem Selbstverständnis des Christentums in keiner Weise entspricht. Der neue Habermas ist auch kein religionsphilosophisches Buch. Sein Thema ist eigentlich: Was soll heute noch Philosophie? Ist sie nur ein Verfahren? Löst sie sich dann nicht in unzählige Einzelerkenntnisse und damit in die anderen Wissenschaften auf? Oder droht ihr das andere Extrem der „Verweltanschaulichung“?

Mit dem ursprünglich geplanten Buchtitel „Zur Genealogie des nachmetaphysischen Denkens“ wird deutlich, welchen Weg Habermas hier eingeschlagen hat: Am Leitfaden von Glauben und Wissen denkt die Philosophie über ihre Entstehung nach. Habermas will nicht die Religion bekämpfen, sondern er will die Geschichte der Philosophie rekonstruieren.

Von Religion macht sich Habermas keinen Begriff

Die Rolle der Religion ist es dabei, der Vernunft etwas über diese selbst zu sagen. Geschichtlicher Ausgangspunkt ist der von Karl Jaspers geprägte Begriff der Achsenzeit: Um 800 vor Christus habe das philosophische Denken und die systematische Reflexion über das Göttliche eingesetzt. Durch Modernisierung sei der Mythos rationalisiert und das Göttliche transzendent geworden. Diese genealogische Rekonstruktion verfolgt Habermas vom Judentum über das frühe Christentum, über den Platonismus, Augustinus, Thomas von Aquin, Ockham und den Nominalismus bis zu Luther (Moralisierung der Religion, Trennung von Glauben und Wissen), dem Idealismus und bis in die Gegenwart.

Jeweils wird das, was Philosophie eigentlich ist, durch Religion verstanden. Von Religion selbst macht sich Habermas keinen Begriff. Stets bleibt die Religion das radikal Andere, mit dem für die Vernunft keine Synthese möglich sei. Keine Option ist für Habermas die Schaffung eigener Rituale des säkularen Staates. Seine Kindheitserfahrungen mit den pseudoreligiösen Ritualen des NS-Staates stehen ihm dabei allzeit abschreckend vor Augen. Somit bildet für ihn die Aufrechterhaltung einer rituellen Praxis eine wichtige Funktion der Religion. Schmidt hat auf die interessante Tatsache hingewiesen, dass Habermas auf den 1 700 Seiten mit keinem Wort auf die dunkle Seite der Religion eingeht. Das Negative, die Fehlformen der Religion, werden ausgeblendet. Bei allen Vorbehalten gegen die Funktionalisierung des Religionsbegriffs, dem Zweifel daran, dass der Christ sich mit seinem Selbstverständnis in diesem Werk wiederfindet, sollte diese Beobachtung doch die Christen auch beschämen. Viele können heute oftmals nur noch das Unwesen der Kirche sehen und nicht mehr ihr Wesen. In seinem Vortrag hat Kardinal Ratzinger gegenüber Habermas 2004 sehr wohl die „Pathologien in den Religionen“ benannt, die „das göttliche Licht der Vernunft“ als notwendiges „Kontrollorgan“ erfordern. Umgekehrt müsse auch die Vernunft an ihre Grenzen gemahnt werden müsse: „Wenn sie sich völlig emanzipiert und diese Lernbereitschaft, die Korrelationalität ablegt, wird sie zerstörerisch.“

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