Das Leben nachbilden

Zwei Veranstaltungsreihen zum Verhältnis von Religion und Film in Berlin

Wohl doch nicht als purer Zufall, sondern als ein Zeichen der Zeit ist der Umstand zu bewerten, dass in Berlin gleichzeitig zwei Filmreihen mit Filmen zu religiösen Themen gezeigt werden. Denn auch in der Kunst- und Medienwelt wird „das wachsende Interesse an Glaubensthemen und am Austausch religiöser Erfahrungen“ der Gesellschaft immer stärker reflektiert, heißt es in der Mitteilung zur Film- und Vortragsreihe „Die Aura des Göttlichen“. Während die Veranstalter – die katholische Guardini-Stiftung – Filmbeiträge präsentieren, die Glaubensinhalte verschiedener Weltreligionen thematisieren, zeigt das Zeughauskino des Deutschen Historischen Museums (DHM) Produktionen, die „Orte des Glaubens“ in den Mittelpunkt stellen. Dieses zusammenspiel gab dem interessierten Zuschauer Gelegenheit zu überprüfen, ob sich religiöse Empfindungen und Erfahrungen über die zum Naturalismus tendierenden Mittel des Films darstellen lassen.

Beten in der Stille großer Glaubensorte

Die Dokumentarfilmer haben es nur vermeintlich einfacher als Spielfilmregisseure: Die jeweilige Aura der Glaubensorte Altötting (in Hans-Christian Schmids „Die Mechanik des Wunders“ von 1992), des Karthäuserklosters „Grande Chartreuse“ (in Philipp Grönings „Die große Stille“ von 2005), der moslemischen Wallfahrt der pakistanischen Sufi-Mystiker (in Till Passows „Mast Qalandar“ von 2003) oder der abgeschiedenen Heimat der im 16. Jahrhundert in die Vereinigten Staaten ausgewanderten „Wiedertäufer“, der Hutterer (in Klaus Stanjeks „Kommune der Seligen“ von 2004,) lässt sich ja nicht durch die bloße Wiedergabe erzwingen, sondern muss quasi in Handlung „übersetzt“ werden – also die Handlungen derer, die ihren Glauben an diesen Orten praktizieren. Werden dabei kritische Phänomene zum Schwerpunkt gewählt – wie etwa die Kommerzialisierung von Sakralem in Schmids „Mechanik des Wunders“ – sorgt dies naturgemäß für Reibung und Spannung.

Das Ringen um eine universale Bildsprache

Interessant zu sehen sind auch so etwa manche Wünsche von betenden Gläubigen, die der Österreicher Claudius Seidl in „Jesus, Du weißt“ (der als nächster Beitrag am 27.3. um 20 Uhr im Zeughauskino des DHM zu sehen ist) aufgeschnappt oder gefilmt hat. Doch selbst wenn die gebotene professionelle Distanz noch genügend Raum für Empathie gegenüber den Gefilmten lässt – wie bei Grönings „Großer Stille“ – kann die Sakralität von Orten und Handlungen allenfalls erahnt werden, denn zu dominierend ist der Abbildungscharakter im Dokumentarfilm.

Viele Glaubensfragen und religiöse Inhalte lassen sich offenkundig in einem Spielfilm besser vermitteln, wie die Reihe der Guardini-Stiftung „Aura des Göttlichen“ wieder einmal gezeigt hat. Religiöse Erfüllung, Gottergebenheit, aber auch Versuchung, Schuld und Sühne – die gesamte Palette menschlichen Strebens oder Zweifelns kann filmisch nacherzählt oder nachgebildet werden und die Zuschauer zu intensiver Identifikation nachgerade nötigen.

Zu sehen waren moderne Filmklassiker wie Kim Ki-Duks Reflexion buddhistischen Mönchslebens, „Frühling, Sommer, Herbst, Winter und Frühling“ (Südkorea, 2003), Andrej Tarkovskis Künstlerporträt „Andrej Rubljov“ (UdSSR, 1966), aber auch weniger bekannte Filme wie das frühe, indische Drama um den verehrten Wunderheiligen „Sant Tukaram“ (Indien, 1936). Mit der Reihe sollte – vermittels einleitender Expertenvorträge – auch für die unterschiedliche visuell-poetische oder erzählerische Prägung „der spezifischen religiösen Sinnsysteme“ sensibilisiert werden, wie Kuratorin Angela Haardt erläuterte, die betonte, dass von einer „universellen Bildsprache des Films“ erst dann gesprochen werden könne, wenn sich weniger industrialisierte und wohlhabende Länder das derzeit noch sehr europäisch-westlich geprägte Medium „auf ihre Weise erobert und den bisherigen Status amalgamiert haben“.

Haardt bot gleich zu Beginn der Reihe ein anregendes Kurzfilmprogramm, das nicht nur eine ungeheure stilistische Vielfalt aufwies. Das Programm machte vor allem Appetit auf Experimentalfilme, deren gestalterische Freiheiten jenseits eines Handlungsgerüstes vielleicht sogar am ehesten geeignet sind, Transzendenz oder geistige Versenkung „nachzubilden“ oder zu provozieren, etwa durch hypnotisch wirkende, minimalistische Bild- und Klangcollagen.

Die Filme zeigten „religiös imprägniertes Leben“

Ansonsten beschrieb der evangelische Theologe Jörg Herrmann aus Hamburg in einem an Gedankenanstößen reichen Vortrag die Kraft filmischer Inszenierung. Er sieht die Stärke des Films in seiner „umfassenden Sinnlichkeit“. Denn der Film müsse das Leben nachbilden, Sichtbares zeigen: „Auch wenn es um Religion geht, um die Beziehung zum Transzendenten und damit letztlich Undarstellbaren, zeigt der Film Verkörperungen, Praktiken und Auswirkungen von Religion: religiös imprägniertes Leben. Dabei partizipiert der Film am Trend der Pluralisierung und des Synkretismus“, so Herrmann.