Das Jahr 2014

Zahlreiche Ereignisse prägten 2014: Die bewaffneten Konflikte in Osteuropa und dem Nahen Osten, Ebola in Afrika. Im Sommer regierte König Fußball und krönte die Deutschen als Weltmeister. Nicht weniger emotional gerieten die Erinnerungen an den Mauerfall vor 25 Jahren. Von Burkhardt Gorissen

Fußball-WM 2014 - Mario Götzes Tor
Mit Mario Götzes Tor gegen Argentinien wird Deutschland Fußball-Weltmeister. Foto: dpa
Fußball-WM 2014 - Mario Götzes Tor
Mit Mario Götzes Tor gegen Argentinien wird Deutschland Fußball-Weltmeister. Foto: dpa

Unruhen im Nahen Osten und immer wieder Ausschreitungen im Irak – schon zu Beginn des Jahres standen Gewalt und Terror im Brennpunkt des Geschehens. Auch die XXII. Olympischen Winterspiele, die am 7. Februar im russischen Sotschi, also an der „russischen Riviera“ begannen, wurden von Gewaltaspekten getrübt. Die Ukraine-Krise rumorte. Dazu hatten Islamisten aus dem benachbarten russischen Konfliktgebiet Nordkaukasus gedroht, Olympia durch Terroranschläge zu verhindern. Die Sicherheitsvorkehrungen waren dementsprechend exorbitant, laut offiziellen Angaben befanden sich 40 000 Uniformierte im Einsatz.

Doch nicht Olympia, sondern die Ereignisse in der Ukraine und die illegitime russische Besetzung der Krim lieferten die Hauptschlagzeilen im Februar. In der Ukraine war derweil der Präsident Wiktor Janukowytsch abgesetzt worden, die ukrainische Staatsanwaltschaft ermittelte wegen Massenmordes gegen ihn.

Wie friedlich ein Monarchenwechsel in einer funktionierenden Demokratie vollzogen wird, bewies dagegen Spanien: Juan Carlos I., seit dem 22. November 1975 Regent, dankte zum 18. Juni freiwillig ab und überließ seinem Sohn Felipe den königlichen Posten. Der Monarch hatte sich insbesondere wegen seiner Rolle in der Übergangszeit von der Franco-Diktatur in eine parlamentarische Erbmonarchie einen Namen gemacht. Als vorbildlicher Katholik wird Juan Carlos aber wohl nicht in die Geschichte eingehen. Eine gewisse Alterslüsternheit überschattete zuletzt deutliche das christliche Werteprofil.

Auch in Deutschland funktionieren die politischen Spielregeln. Während Bundesaußenminister Steinmeier auf diplomatischem Parkett in der Ukraine-Krise brillierte, trat der Innenminister des Bundes, Hans-Peter Friedrich (CSU), zurück. Ihm wurde vorgeworfen, während seiner Tätigkeit als Bundesinnenminister das Dienstgeheimnis im Zusammenhang mit Ermittlungen gegen den SPD-Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy wegen des Verdachtes des Besitzes von Kinderpornografie verletzt zu haben. Für viele Christsoziale ein Rücktritt, der durch die anhaltenden Querelen in der SPD rund um die Edathy-Affäre nicht verständlicher geworden ist und weiterhin schmerzt. Doch was tun, wenn die Bundes- und Koalitions-„Mutti“ es so will? Am 20. März äußerte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel jedenfalls im Rahmen einer Regierungserklärung im Deutschen Bundestag zu den „Konsequenzen für die politischen Beziehungen zwischen der EU und Russland“: Der G8-Gipfel, zu dem Präsident Putin nach Sotschi eingeladen hatte, sollte nicht stattfinden. Stattdessen tagte vier Tage später die „Gruppe der Sieben“ in Den Haag am Rande einer Konferenz über Atomsicherheit.

Derweil sorgte der Bundespräsident in der Türkei für Aufsehen. Bei seinem Staatsbesuch äußerte Joachim Gauck deutlich Kritik, indem er die Unabhängigkeit der türkischen Justiz in Frage stellte, wenn die Regierung unliebsame Staatsanwälte und Polizisten daran hindere, Missstände ohne Ansehen der Person aufzudecken. Ministerpräsident Erdogan wies die Kritik Gaucks öffentlich zurück: „Behalten Sie Ihre Ratschläge für sich.“

So wenig Verständnis für Ratgeber und Helfer besitzt der Heilige Vater nicht. Am 27. April sprach Papst Franziskus seine Vorgänger Papst Johannes Paul II. und Papst Johannes XIII. vor Millionen begeisterter Pilgern heilig, unter Teilnahme seines Vorgängers Benedikt. Der 2005 verstorbene polnische Papst Johannes-Paul II., schon zu Lebzeiten ein Vorbild für christliches Leben, wurde dabei vom Papst aus Argentinien als „Patron der Familie“ bezeichnet. Passenderweise, denn die von Johannes Paul II. entwickelte „Theologie des Leibes“ und sein Schreiben „Familiares consortio“ gehören bis in alle Ewigkeit zu den unverzichtbaren Erkenntnisquellen des katholischen Ehe- und Familienlebens.

Gäbe es nur mehr Heilige, die Welt würde besser sein. So gestaltet sich das Weltgeschehen 2014 weiter nach dem leider üblichen Muster von Machtpolitik und Machtmissbrauch. Ungeachtet internationaler Warnungen hielten die selbsternannten Führer der Volksrepubliken Donezk und Lugansk am 11. Mai ein Referendum über die Unabhängigkeit der beiden Regionen ab. Die ukrainische Übergangsregierung bezeichnete die Abstimmung als eine „kriminelle Farce“. Die EU-Außenminister bezeichneten am 12. Mai die Abstimmung in der Ostukraine vom Vortag als „illegal“. Doch Europa selbst wankte auch etwas – ausgerechnet bei der Europawahl, die zwischen dem 22. und 25. Mai stattfand. Der Stimmenanteil für rechtspopulistische und nationalistische Parteien nahm in einigen Ländern erschreckend deutlich zu. In Frankreich wurde der Front National mit 25 Prozent stärkste Partei, die regierenden Sozialisten von Präsident Franois Hollande erhielten nur 14 Prozent. Im Europäischen Parlament, das sich am 1. Juli konstituierte, stellte schließlich jedoch die Europäische Volkspartei (EVP) mit ihrem Spitzenkandidaten Jean-Claude Juncker weiterhin die stärkste Fraktion, gefolgt von der Progressiven Allianz der Sozialisten und Demokraten mit ihrem Spitzenkandidaten Martin Schulz.

Allerdings hielt der Mai auch ein kirchliches Highlight bereit: Der Heilige Vater besuchte Jerusalem. Franziskus forderte in seiner bekannt direkten Art zum Widerstand gegen alles auf, was sich dem respektvollen Zusammenleben von Juden, Christen und Muslimen entgegenstellt. In der Gedenkstätte Jad Vaschem hob der Papst die Ungeheuerlichkeit des von Deutschen und begangenen Massenmordes an Juden hervor: „Vielleicht konnte nicht einmal Gott sich einen solchen Fall, einen solchen Abgrund vorstellen“, sagte das Oberhaupt der Katholiken. „Wer bist du, o Mensch, Wer bist du geworden? Zu welchem Gräuel bist du fähig gewesen? Was hat dich so tief fallen lassen?“ Bei dem Treffen mit Mufti Mohamed Hussein warnte der Papst vor religiös motiviertem Terror. „Niemand gebrauche den Namen Gottes als Rechtfertigung für Gewalt!“, sagte er bei einer kurzen Ansprache auf dem Tempelberg in Jerusalem. Israels Präsident, der 90-jährige Friedensnobelpreisträger Schimon Peres, nahm eine Einladung des Papstes zu einem gemeinsamen Gebet mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas im Vatikan offiziell an. Einmal mehr sorgte der umtriebige Pontifex für eine der wenigen, hoffnungsspendenden Geschichten in diesem Jahr.

Die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien erzählte hingegen viele recht unterschiedliche Geschichten. Die Erfolgsgeschichte schlechthin war der Titelgewinn der deutschen Mannschaft, die zuvor den Gastgeber im Halbfinale mit einem historischen 1:7 aus dem Stadion fegte. Im Endspiel gegen Argentinien tat sich die deutsche Nationalelf ungleich schwerer. Erst Mario Götze, der zwischen Genie und Ersatzbank pendelte, entschied in der 113. Minute die Partie. Durch sein 1:0 gewann erstmalig eine europäische Mannschaft eine WM in Lateinamerika. Dabei war er erst in der 88. Minute eingewechselt worden. Bundestrainer Löw gab ihm den richtigen Rat: „Zeige der Welt, dass Du besser bist als Messi.“

Sehr unerfreulich schritt die Ukraine-Krise voran: Am 17. Juli stürzte eine Boeing der Malaysia Airlines in der Ostukraine ab. Alle 298 Insassen, darunter 80 Kinder und 15 Besatzungsmitglieder, kamen ums Leben. Durch die Tatsache, dass das Absturzgebiet zur umkämpften Zone gehört, gestalteten sich die Bergungsarbeiten äußerst schwierig. Ein erster internationaler Einsatz wurde am 6. August erfolglos abgebrochen. Erst ab dem 13. Oktober konnte ein niederländisch-ukrainisches Team nach weiteren Leichen suchen und barg persönliche Gegenstände der Opfer. Der Vorfall gehört zu den zehn schwersten Katastrophen der Luftfahrt. Für Malaysia Airlines war es– nach dem mysteriösen Verschwinden eines Flugzeugs im März 2014 – der zweite Totalverlust innerhalb weniger Monate.

In der zweiten Jahreshälfte bereicherten drei kirchliche Ereignisse das Geschehen. Am 27. September fand die Seligsprechung von Bischof Alvaro del Portillo in seiner Geburtsstadt Madrid statt. Ein imposantes Ereignis, zu dem sich mehrere hunderttausend Menschen aus der ganzen Welt versammelten. Damit folgt Don Alvaro, wie der Selige meist genannt wird, dem hl. Josefmaria Escriva, nach dessen Tod er das Opus Dei mit Weitblick und Weisheit führte. Bischof Javier Echevarría, langjähriger Prälat des Opus Dei, schrieb: „Ich bitte euch darum, dass ihr euch jetzt, wo wir alle von einer so großen Freude erfüllt sind, meinem Dank an den Papst anschließt. (...) Wir empfehlen ihm als weitere Anliegen des Papstes die kommende Familiensynode und die Heiligkeit aller Priester an.“

Die Familiensynode im Oktober war dann ein viel diskutiertes Ereignis der zweiten Jahreshälfte. Nach zwei Wochen zum Teil kontroverser Diskussionen machten die Bischöfe unter der Führung des Papstes deutlich: Die Kirche steht, wie seit ehedem, für alle offen. Es ist die immer wieder von Franziskus eingeforderte Barmherzigkeit, die auf den Kern des Glaubens hinweist: „Christus hat gewollt, dass seine Kirche ein Haus ist, das immer eine offene Tür hat, (...) ohne jemanden auszuschließen.“ Offiziell beendet wurde die Synode mit der Seligsprechung des Papstes Paul VI. Mit Spannung wird die Ordentliche Synode 2015 erwartet und das abschließende Päpstliche Schreiben. Im November ging es dann Schlag auf Schlag. Mehr als eine Million Berliner und Besucher aus aller Welt feierten die Öffnung der innerdeutschen Grenze vor 25 Jahren. Am Brandenburger Tor fand die größte Veranstaltung mit mehreren zehntausend Zuschauern statt. Auf der Bühne zu Gast waren unter anderem Bundespräsident Joachim Gauck, der ehemalige Staatschef der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, und der polnische Freiheitskämpfer Lech Walesa. Am Abend stiegen knapp 7 000 weiße Ballons in den Himmel. Dazu dirigierte Daniel Barenboim die Staatskapelle Berlin mit dem 4. Satz aus Beethovens 9. Sinfonie „Ode an die Freude“. Bundeskanzlerin Angela Merkel nahm zunächst an der zentralen Gedenkveranstaltung von Bund und Land in der Mauer-Gedenkstätte an der Bernauer Straße in Berlin teil; in ihrer Rede wies sie darauf hin, dass der Tag der Freiheit „immer auch ein Tag des Gedenkens an die Opfer“ sei.

Wie ein Akt der Befreiung wirkte es auch, dass das Oberhaupt der Katholiken am 25. November vor dem Europäischen Parlament sprach. Protestaktionen wie beim Besuch von Johannes Paul II. vor 26 Jahren blieben aus. Sogar die spanischen Kommunisten, die doch eigentlich zuvor angekündigt hatten, den Saal zu verlassen, wenn der Pontifex im Straßburger Plenarsaal auftrete, blieben sitzen und hörten dem Papst zu, und Franziskus erwies einmal mehr seine Stärke als Brückenbauer, als „eine Persönlichkeit, die Orientierung gibt in Zeiten der Orientierungslosigkeit“, wie Martin Schulz den Heiligen Vater lobte. Zentrales Thema der päpstlichen Ansprache war die Menschenwürde. Die EU-Flüchtlingspolitik ist Franziskus ein besonderes Anliegen. Doch der Papst liest Europa nicht nur die Leviten. „Die Stunde ist gekommen, gemeinsam das Europa aufzubauen, das sich nicht um die Wirtschaft dreht, sondern um die Heiligkeit der menschlichen Person“, betonte er.

Ende November stand die Türkeireise des Papstes an. Papst Franziskus besichtigte die blaue Moschee und die Hagia Sophia. Er verharrte dort eine Zeit lang mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen. Nachmittags feierte Franziskus gemeinsam mit hunderten Gläubigen in der Istanbuler Heilig-Geist-Kathedrale eine katholische Messe, unter der Teilnehme des orthodoxen Patriarchen Bartholomäus sowie Vertretern anderer Konfessionen. „Wenn wir uns (...) vom Heiligen Geist leiten lassen, geraten Reichtum, Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit niemals in Konflikt, denn er drängt uns, die Vielfalt der Gemeinschaft der Kirche zu leben“, sagte der 77-jährige Pontifex. Es sei immer einfacher, in statischen und unbeweglichen Positionen zu verharren. „Diese Verteidigungsmechanismen hindern uns daran, die anderen wirklich zu verstehen und uns für einen aufrichtigen Dialog mit ihnen zu öffnen.“

Für tragische Schlagzeilen in diesem Jahr sorgte zweifellos die Ebola-Seuche. Vor einem Jahr starb in Westafrika ein Kind an einer Infektion. Was darauf folgte, ist die schwerste Ebola-Epidemie aller Zeiten. Bis zum 23. Dezember zählte die WHO knapp 7 500 Tote, mehr als 19 000 Menschen haben sich mit dem Virus infiziert.

Was überwiegt nach einem solchen, weltpolitisch durchaus durchwachsenen Jahr? Freude oder Trauer, Verunsicherung und Betroffenheit oder doch Hoffnung? Fest steht nur: gerade für Katholiken bleibt die Zukunft weiterhin verheißungsvoll. Trotz so vieler ungelöster Fragen und Probleme, trotz vieler Raketen und Knalleffekte.