Das Internet für christliche Zwecke nutzen

Der amerikanische Verleger Jeffrey Tucker erläutert die Bedeutung der globalen medialen Vernetzung für Christen. Von Katrin Krips-Schmidt

Der katholische Schriftsteller und Herausgeber Jeffrey Tucker. Foto: IN
Der katholische Schriftsteller und Herausgeber Jeffrey Tucker. Foto: IN

Jeffrey Tucker lebt in Alabama und ist Autor und Verleger. Er ist Herausgeber mehrerer katholischer Webseiten und engagiert sich für Kirchenmusik

Herr Tucker, ist das Internet für Christen heutzutage unerlässlich?

Das Internet ist ein riesiges Kopiergerät. Es kann eine unendliche Anzahl an Kopien von nur einem einzigen Manuskript produzieren. Es ist wie eine Zaubermaschine, um zum Beispiel auch liturgische Materialien bereitzustellen. Ganz besonders gilt das auch für die Musik. Wenn man Musik ins Internet stellt, kann man damit die ganze Menschheit erreichen, arme wie reiche Leute – einfach jeden. Wir können sämtliche liturgische Gesänge, alle liturgischen Materialien auf den Markt bringen – und genau das haben wir getan. Mehr als alles andere dient das Internet den Nutzern als Arbeitshilfe, als Lehrmaterial und stellt damit eine große Inspiration dar.

Können Sie die Vorteile des Internets für das Apostolat anhand von Beispielen noch weiter konkretisieren?

In der Isolation, die manche Menschen beispielsweise in ihrer eigenen Pfarrei empfinden, können sie im Internet verfolgen, was in anderen Teilen der Welt vor sich geht. Sie fühlen sich dann nicht in ihrer eigenen liturgischen Situation eingesperrt, sondern können auf Fotos oder Videos sehen, wie andere Priester schöne Gewänder tragen, wie die Altäre feierlich gestaltet sind. Sie können verschiedene Arten von sakraler Musik hören und werden durch andere Formen der Liturgie inspiriert. Das hilft besonders den Priestern, sodass sie voneinander lernen können, und sie haben Mitbrüder und bekommen ihre Fragen beantwortet. Wenn man vor der Zeit des Internets eine Frage zur Liturgie hatte, war es sehr schwierig, darauf eine Antwort zu bekommen. Sänger konnten sich nicht vorstellen, wie man den gregorianischen Choral (noch) richtig singt. Doch heutzutage können wir alle diese Arbeitshilfen online stellen.

Unterstützt das Internet auch die Neuevangelisierung?

Oh ja, es ist auch dafür absolut unerlässlich. Vor allem in den Vereinigten Staaten hat sich dadurch praktisch alles verändert. Wir waren ja in gewisser Weise von Europa isoliert, und auch von Lateinamerika und anderen Orten. Jetzt haben wir uns „geöffnet“, wir können von anderen lernen, und sie können von uns lernen. Das Internet fing 1995 „klein“ an, und erst vor dreizehn, eigentlich erst vor zehn Jahren war es richtig „erwachsen“ und ausgereift. Erst seit dieser Zeit kann man Veränderungen im römischen Ritus in den Vereinigten Staaten beobachten. Seitdem erleben wir einen Fortschritt: Hersteller liturgischer Gewänder, neue Komponisten und neue (das heißt die wiederentdeckten) Formen der Altargestaltung sind seither stark im Kommen – und sogar Berufungen. Und alles nur wegen dieser tollen Maschine, mit der wir Informationen austauschen. In den frühen Zeiten der Christenheit hat sich das Christentum ja auch genau auf diese Weise weiterverbreitet. Durch das Weitererzählen von Mund zu Mund, durch die Gemeinden. Doch heute ist die Welt so groß, dass wir auch etwas Großes brauchen, um alle Menschen daran teilhaben zu lassen. Wir können nicht mehr wie früher diesen Kontakt von Mensch zu Mensch haben. Es gelingt uns aber, das Gefühl für kleine Gemeinschaften durch diesen digitalen Raum – die „Cloud“, die „Wolke“ – wieder neu aufleben zu lassen.

Können sich die Christen bei der sinnvollen Nutzung des Internets auf päpstliche Dokumente berufen?

Benedikt XVI. war während seines Pontifikats ein Vorkämpfer dafür. Er sagte, es sei wichtig, dass es den Zielen Gottes diene. Er sagte, dass wir es für die Evangelisierung einsetzen müssten. Und genau das tun wir. Denn es gibt ja eine Menge ganz furchtbarer Dinge im Internet – aber es gibt eben auch viel Wundervolles. Deswegen sollten wir das Internet nicht dem Teufel überlassen, sondern es für christliche Zwecke nutzen. Papst Benedikt XVI. schrieb in seiner Botschaft vom 5. Juni 2011 zum 45. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel: „Wie alle anderen Schöpfungen des menschlichen Geistes müssen die neuen Kommunikationstechnologien in den Dienst des ganzheitlichen Wohls des Menschen und der gesamten Menschheit gestellt werden. Wenn sie vernünftig genutzt werden, können sie dazu beitragen, das Verlangen nach Sinn, nach Wahrheit und nach Einheit zu stillen, das die tiefste Sehnsucht des Menschen bleibt. (…) Ich möchte jedenfalls die Christen dazu einladen, sich zuversichtlich und mit verantwortungsbewusster Kreativität im Netz der Beziehungen zusammenzufinden, das das digitale Zeitalter möglich gemacht hat. Das Web trägt zur Entwicklung von neuen und komplexeren Formen intellektuellen und spirituellen Bewusstseins sowie eines allgemeinen Wissens bei. Auch in diesem Bereich sind wir aufgerufen, unseren Glauben zu verkünden, dass Christus Gott ist, der Erlöser des Menschen und der Geschichte, in dem alle Dinge ihre Erfüllung finden (vgl. Eph 1,10).“

Sie sind Herausgeber und Leiter der Webseite „New Liturgical Movement“, einer Plattform, die sich der Schönheit und der Tradition der Liturgie, eben im Sinne einer „neuen liturgischen Bewegung“, verpflichtet fühlt.

Genau. Ich betreue momentan fünf Webseiten, die insgesamt von etwa 40 000 Usern täglich besucht werden. „The New Liturgical Movement“ soll der Liturgischen Bewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts – die ja bestrebt war, das liturgische Geschehen allen Gläubigen verständlich zu machen und ihnen eine aktivere Teilnahme zu ermöglichen – eine neue Stimme verleihen. Doch nach dem Zweiten Vatikanum, das ja die Forderungen der Liturgischen Bewegung auf gewisse Weise erfüllt hatte, haben sich die Dinge ein wenig anders entwickelt. „New Liturgical Movement“, die „neue liturgische Bewegung“ möchte diesen ursprünglichen Traum, diese Vision der ursprünglichen Liturgischen Bewegung wieder aufgreifen und ihr in unserer Zeit zu einem neuen Leben verhelfen, um im Sinne einer Kontinuität und nicht eines Bruchs fortzufahren – wie es Papst Benedikt XVI. oft gesagt hat.

Betreiben Sie noch weitere Internetseiten?

Eine weitere von uns betriebene Webseite – www.musicasacra.com – stellt bisher etwa 150 liturgische Bücher den Nutzern unserer Seite kostenlos zur Verfügung. Dazu scannen wir die Bücher ein und machen sie auf dem Bildschirm Millionen Menschen auf der ganzen Welt zugänglich. Mittlerweile haben wir auch eine iphone-App und eine Android-App für das Liber usualis. Die Scans, die wir produzieren, sind manchmal besser als die Originale – weil das „Papier“ nicht vergilbt ist und wir sie in einer hohen Auflösung bereitstellen. Manchmal werden wir sogar von geistlichen Häusern, von Klöstern, kontaktiert. Sie schicken uns ihre Bücher, die schon auseinanderfallen, damit wir sie restaurieren und scannen. So bekommt man also neue digitale Exemplare dieses Buches. Und damit schenken diese Klöster ihre Bücher der gesamten Menschheit – und machen sie damit unsterblich. Das gleiche haben wir übrigens auch mit schönen Bildern getan. Wir haben Bilder in hoher Qualität gescannt. Die können für liturgischen Programme genutzt werden. Sie stammen aus den römischen Missalen des 19. Jahrhunderts – die hatten sehr schöne Bildprogramme. Und wir geben das auf unserer Webseite alles kostenlos weiter.