Das Internet befreit von erzählerischen Beschränkungen

Regisseur und Drehbuchautor Fred Breinersdorfer über seinen im Netz veröffentlichten Kriminalroman „Berlin.classified“ und die Zukunft des Buches. Von José García

Regisseur und Drehbuchautor Fred Breinersdorfer. Foto: FB

„Berlin.classified“ besteht zwar aus verschiedenen Strängen. Als Folie für Ihren Kriminalroman dient jedoch die wahre Geschichte um Uwe Barschel...

Zur Frage der wahren Begebenheiten, auf denen der Roman teilweise beruht, habe ich auf meiner Homepage www.breinersdorfer.com/news.htm einen „Faktencheck“ mit einem Ausschnitt aus dem offiziellen Ermittlungsbericht der Staatsanwaltschaft Lübeck über den Tod von Uwe Barschel eingestellt.

Sind nicht bereits mehrere Anläufe unternommen worden, über Barschels Tod einen Film zu drehen?

Es gab drei Anläufe, jeweils mit einem anderen Ansatz darüber einen Film zu drehen. Der eine ist der Kieler Tatort „Borowski und der freie Fall“, der im Oktober 2012 ausgestrahlt wurde. Ich hatte zwar die Idee dazu geliefert, habe mich aber mit der Redaktion darüber geeinigt, dass der Regisseur Eoin Moore das eigentliche Drehbuch schreibt. Denn mir war es wichtig, die eigentliche Handlung dieses „Tatorts“ von der Geschichte fernzuhalten, an der ich seit zwanzig Jahren recherchiere und arbeite. Ende der neunziger Jahre gab es das Vorhaben, darüber einen Fernseh-Zweiteiler zu drehen, aber es wurde nicht realisiert. Dann habe ich um das Jahr 2008 das Drehbuch zu einem Kinofilm geschrieben, der als Grundplot die Handlung hatte, die nun in „Berlin.classified“ in Roman-Form erscheint. Dieser Spielfilm sollte von der Ufa Cinema produziert werden. Die Ufa Cinema wurde jedoch abgewickelt, sodass der Film nicht gedreht wurde.

Kamen Sie deshalb auf den Gedanken, daraus einen Roman zu verfassen?

Das mir vorschwebende serielle Konzept ist für einen Kinofilm nicht geeignet. Außerdem tut sich das Fernsehen in Deutschland damit schwer. Deshalb floppen im deutschen Free-TV amerikanische Serien wie „Homeland“, die in den Vereinigten Staaten einen großen Erfolg haben. In einem deutschen „Tatort“ wird der jeweilige Fall am Ende aufgeklärt, und die nächste Folge behandelt einen anderen Fall. Die amerikanischen Serien erzählen dagegen episch von Menschen mit großen Konflikten, die sich nur in einer großen Breite ausführen lassen.

Warum veröffentlichen Sie „Berlin.classified“ nur als eBook und nicht als Print?

In den achtziger Jahren habe ich bei Rowohlt, bei Piper und anderen großen Verlagen veröffentlicht. Seitdem hat sich aber die Welt geändert. Meine Agentur (Alex Simon) hatte bei den großen Verlagen nachgefragt, aber entweder hatten sie Angst vor den Persönlichkeitsrechtsverletzungen – die aber nicht gegeben sind, weil ich mich an die Ermittlungsakte halte –, oder das seriell orientierte Konzept interessierte sie nicht.

Können Sie dieses Konzept etwas näher erläutern?

Es lehnt sich an die amerikanischen Fernsehserien an, weshalb es nicht als klassisches Buch funktionieren würde. Denn die einzelnen Episoden werden alle zwei Wochen veröffentlicht. Der Leser wird kaum bereit sein, alle vierzehn Tage zur Buchhandlung zu gehen, um die neue Episode zu kaufen. Die Möglichkeit, über einen Klick die einzelnen Episoden aus dem Internet herunterzuladen, ist eine ganz andere Methode, den Leserinnen und Lesern den Text verfügbar zu machen: zu jeder Tages- und Nachtzeit und nicht zu den Ladenöffnungszeiten.

Wo sehen Sie, abgesehen von der 24-Stunden-Verfügbarkeit, die Vorteile des elektronischen Mediums für diese Art Fortsetzungsroman?

Sie haben richtig die Parallele gezogen zum Fortsetzungsroman des 19. Jahrhunderts. Wenn man es kulturhistorisch betrachtet, könnte man behaupten – wie das bereits Feuilletonautoren getan haben – dass die Fernsehserien der Roman des 21. Jahrhunderts sind. Das hat mich auf den Gedanken gebracht, den elektronischen Raum zu nutzen, um ohne Einschränkungen episch und atmosphärisch dicht zu erzählen.

Sie sind ja Ihr eigener Verleger ...

Ich bin mein eigener Verleger, was Vor- und Nachteile hat. Der Vorteil ist, dass ich über viele Strategien und vor allem Inhalte selbst bestimmen kann. Der Nachteil besteht darin, dass eine kritische Instanz fehlt. Da hilft mir allerdings meine Agentur, die den Text kritisch begleitet und lektoriert. Das größte Problem ist aber, dass das Selfpubli-shing schlechten Ruf hat. Als Vorsitzender des Schriftstellerverbands (1997–2005) habe ich immer gegen Selbstverlage gewettert, weil diese Plattformen alles nehmen. Aber die Zeiten ändern sich. Ich kann mir vorstellen, dass sich in Zukunft Autoren ähnlich dem „Verlag der Autoren“ zu solchen Plattformen zusammenschließen. Heute gibt es bereits das „Book on Demand“, aber dem fehlt noch das Label. Für mich ist es sehr spannend, neue Fährten zu suchen. Auch Peter Schmidt, der früher bei Rowohlt in hohen Auflagen veröffentlicht hat, publiziert inzwischen in Selfpublishing.

Wie reagieren die klassischen Verlage darauf? Wie sehen Sie die Zukunft des Buchs?

Sie suchen krampfhaft nach Bestsellern, um ihre Kosten zu decken. Für Experimente fehlt das Geld und oft auch die Neigung. Sie halten sich an der Hoffnung fest, das Buch wird schon nicht untergehen. Sicher ist diese Hoffnung nicht unbegründet: Es gibt doch noch kleine spezialisierte Buchhandlungen für Leser, die eine personalisierte Ansprache möchten. Dazu sehen wir auch den Erfolg von Dussmann, wo es Bücher zum Anfassen gibt. Da, wo die Haptik des Buches eine Rolle spielt, wird es weiterhin klassische Bücher geben. Aber wir haben das große Buchhandlungssterben gesehen. Die Mehrzahl der Verlage werden Schwierigkeiten bekommen. In dem Maße, in dem die Nutzung von elektronischen Medien zunimmt, gerade in der „Gebrauchsliteratur“, wird das Taschenbuch verschwinden. In einem Kindle kann man ganze Bibliotheken speichern. Die Verlage publizieren zwar auch als eBook, aber ihnen fehlen die Möglichkeiten, perspektivisch zu denken, beispielsweise sich über Facebook und Twitter eine Community aufzubauen – wie wir es tun.

„Berlin classified“. Kriminalroman in sechs Folgen als eBook. Episode 1 kann kostenlos heruntergeladen werden: blog.epubli.de/berlin-classified/. Die restlichen Episoden erscheinen ab dem 21.12. alle zwei Wochen (2,99 EUR pro Folge). Zum Lesen auf Kindle geeignet. Für den PC oder Laptop ist der kostenlose Download von Adobe Digital Editions erforderlich (www.adobe.com/de/products/digital-editions/download.html)