Das Ende der DDR auf Hiddensee erlebt: Über das Theaterstück „Kruso“

Mit dem Roman „Kruso“ hatte Lutz Seiler den Deutschen Literaturpreis gewonnen – Inzwischen wird der Stoff am Schauspielhaus in Leipzig aufgeführt. Von Rocco Thiede

Ausgelassen über das Ende der DDR – Szene nach dem gleichnamigen Roman „Kruso“. Foto: Rolf Arnold
Ausgelassen über das Ende der DDR – Szene nach dem gleichnamigen Roman „Kruso“. Foto: Rolf Arnold
Wie kam es zu dieser Theaterpremiere des Stücks „Kruso“ am Schauspielhaus in Leipzig, Herr Seiler?

Es ist ja so, dass der Verlag die Vertretung der Rechte innehat. Somit erfahre ich in der Regel über die Verlagsmitarbeiter, ob es Theater gibt, die Lust haben, etwas mit meinem Roman „Kruso“ zu machen. Über Amin Petras Anfrage hatte ich mich besonders gefreut, denn ich kenne seine Arbeiten noch vom Berliner Maxim-Gorki-Theater, die mich persönlich immer sehr beeindruckt haben, wie zum Beispiel seine Inszenierung des „Prinz von Homburg“ von Kleist. Irgendwann haben wir uns auch persönlich getroffen und im Vorfeld seiner Leipziger Inszenierung meines Romans miteinander gesprochen.

Doch Leipzig ist nicht das erste Theater in Deutschland, welches sich Ihres Romanstoffes angenommen hat?

Ja, die Überraschung war halt, dass es einige Theater gab, die sich dafür interessierten. Bereits vor genau einem Jahr fand die Deutschlandpremiere von „Kruso“ in einer Inszenierung von Cornelia Crombholz im Theater Magdeburg statt. Das Stück lief dort sehr gut und war die komplette Spielzeit ausverkauft. Auch in meiner Geburtsstadt Gera und meiner jetzigen Heimatstadt Potsdam sowie in Greifswald gab und gibt es entsprechende Inszenierungen.

Was war im Rückblick für Sie die bisher beste Inszenierung?

Ich vergleiche prinzipiell nicht. Ich fand diesen Abend in Leipzig sehr gelungen. Das war ein Juwel: die schauspielerischen Leistungen, das Bühnenbild – das war alles sensationell.

War die aktuelle und sehr aufwendige Inszenierung in Leipzig, die am Vorabend des 3. Oktobers, dem Tag der Deutschen Einheit, ihre Premiere hatte, mit über drei Stunden nicht etwas zu lang?

Nein. Man hat sich entschieden, episches Theater zu machen. Das Buch selbst hat ja nur wenige Dialoge und die Theaterleute haben sich die Passagen herausgepickt, die ich selber auch als wesentlich empfinde. Für mich war diese Inszenierung ein Geschenk. Ich habe mich darüber gefreut und auch über die romanfremden Einlagen Tränen gelacht. Sicher, das waren Brüche, aber selbst die alten Shakespeare-Ensembles hatten schon witzige Einlagen gemacht, um dann wieder im Ernst der Handlung weiterzuerzählen. Genau dieser Wechsel von Humor und Ernst hat nach meiner Meinung in dieser Leipziger Inszenierung sehr gut funktioniert.

Wie kamen bei Ihnen die Innovationen von Armin Petras an, die nichts mit dem Roman zu tun hatten?

Theaterleute müssen aus jedem Buch ihre Geschichte machen. Armin Petras brachte seine Ideen mit, wie am Ende des Stückes zu sehen war. Ich bin auch darüber froh, wenn ich merke, da ist ein Regisseur, der seine eigene Geschichte daraus macht. Ohnehin war ich nicht in die Textvorlage für das Theater involviert und auch bei den Proben nicht anwesend. Ich habe von Beginn an gesagt, dass ich mich nicht aktiv an der theatralischen Umsetzung meines Romans beteiligen werde. Das ist nicht mein Metier. Also habe ich mich überraschen lassen und freue mich nun, wenn es andere Künstler gibt, die sich für den Stoff und das Buch kreativ interessieren und ihre eigene Sache daraus machen.

Trotz der aufgesetzten Kapitalismuskritik in einem Theater, welches vor 26 Jahren von den Montagsdemonstranten auf ihrem Zug durch die Leipziger Innenstadt regelmäßig passiert wurde?

Das habe ich gar nicht so gesehen. Im Gegenteil, ich hatte auch noch auf andere kapitalismuskritische Stellen gewartet, die im Buch noch explizierter formuliert wurden, wie zum Beispiel über den Verbraucher. Bei diesem Theaterstück hatte ich nicht das Gefühl, das diese Inhalte meines Romans besonders ausgeschlachtet werden. Im Gegenteil, die Doppelbödigkeit von Krusos Botschaft, dass der Osten dem Westen den Weg zur Freiheit erklären könnte, das haben die Theaterleute gut hinbekommen.

Kommt nun nach Theateraufführungen und Radioumsetzungen demnächst sogar eine Verfilmung Ihres Romanstoffes in die Kinos?

Die Ufa hat die Option auf die Rechte gekauft und nun muss man sehen, ob auch ein Film daraus entsteht. Es gibt wohl schon einen Autor, der an einem Drehbuch arbeitet. Ich fände es schön.

Woran arbeiten Sie aktuell?

Ich schreibe an einem neuen Romanmanuskript. Eigentlich möchte man als Autor darüber nicht so gerne reden, weil man sich sonst selbst unter Druck setzt. Eventuell werden es im neuen Text die Jahre, die an Kruso anschließen, also 1990 bis 1993 – diese drei Wendejahre bis zu seinem Tod in Ostberlin. Ich mache jetzt noch diesen Prosaband und dann kehre ich zurück in den Heimathafen der Gedichte.

Weitere Vorstellungen von „Kruso“ in Leipzig am 19. und 20. November. Mehr Infos unter: www.schauspiel-leipzig.de

Das von Armin Petras aktuell inszenierte Stück „Kruso“ nach der gleichnamigen Romanvorlage von Lutz Seiler kann als gelungener Theaterabend empfohlen werden, auch wenn nicht alles auf der Bühne so war, wie es der Leser aus dem Buch kennt. Die Romanhandlung ist recht komplex, die Reduzierungen der Bühnenfassung bieten daher auch neue Sichtweisen und unerkannte Facetten auf die literarische Vorlage.

Kurz nach dem Tod seiner Freundin und dem Verschwinden seines Katers verlässt im Sommer 1989 der Germanistikstudent Edgar (Ed) aus Halle sein bisheriges Leben. Sein Ziel ist Hiddensee, jene Ostseeinsel, welche für den normalen DDR-Bürger ein nahezu unerreichbarer Ort war. Ed fängt im Ferienhotel „Klausner“ als Tellerwäscher an und dort begegnet er Alexander Krusowitsch, genannt Kruso. Dieser weiht ihn in seine persönlichen wie auch in die Geheimnisse der Insel ein. Denn Hiddensee ist einerseits eine Insel von gestrandeten Bürgern des sich im Untergang befindenden „ersten Arbeiter-und-Bauern-Staates“. Diese Schiffbrüchigen denken permanent an ihre gefährliche Flucht über das Meer nach Schweden. Andererseits ist die Ostseeinsel eine militärische Sicherheitszone mit Soldaten und Stasi-Zuträgern. Ed erlebt in diesem letzten Sommer der sterbenden DDR eine anarchische Gemeinschaft, die sich im Schatten ausgewählter Touristen ihre Nischen sucht. Er sieht seine utopische Mission in einer Freiheit jenseits der Systeme und außerhalb der Zeit.

Seine Gegenwirklichkeit aus erfundenen Ritualen macht ihn, der mehr vor sich selbst geflohen ist als irgendwohin, zu einem „Freitag“ für den „Robinson“ Kruso. Doch dann kommt der revolutionäre Herbst 1989 und alles gerät auch auf diesem Eiland aus den Fugen. Die Insel wird zur Metapher über die letzten Tage der DDR und Lutz Seiler, der für „Kruso“ unter anderem den Deutschen Buchpreis 2014 erhielt, fängt diese Zeit der Widersprüchlichkeit vielschichtig poetisch ein. Denn „eine Mauer kann Gefängnis und gleichzeitig Schutz sein – weniger vor irgendwelchen Feinden als vielmehr für eine andere Zeitrechnung“, wie es im Programmheft heißt. Die biographischen Umbrüche von Menschen, deren Wege nie geradlinig sind, boten Armin Petras eine gute Vorlage für seine Inszenierung. Es sind Alltagskonflikte zwischen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten im Kontext des Verschwindens einer Idee. Die Handlung findet vor einem kunstvoll gewirkten Bühnenbild von Olaf Altmann statt. Es ist ein mobiler Fadenwald aus gut 1 300 ein Millimeter starken Angelsehnen, der den Bühnenraum vom Fußboden bis zur Decken bespannt und in dem sich die Schauspieler verfangen, einwirken oder befreien. Die Bilder, die dabei im Kontext von Bühnenbild, Licht, Livemusik und den Aktionen der Mimen entstehen, sind äußerst imposant. In Erinnerung bleiben das Formen von Meereswellen durch die Körper des „Chores der Schiffbrüchigen“ – das ist große Kunst!

Das Ensemble überzeugt durchweg – auch und gerade – durch die Schauspielstudenten der Leipziger Hochschule für Musik und Theater. Kruso selbst wird von einer Schauspielerin (Anja Schneider) sehr engagiert gespielt, ohne dass die Figur dabei verfremdet wird. Ed (Florian Steffens) wird – Gott sei Dank – von einem Mann verkörpert. Petras Umsetzung des Romans ist eher konventionell. Er lässt öfters lange Passagen eins zu eins aus dem Roman von den Schauspielern minutenlang rezitieren, so dass man sich im Hörkino wähnt.

Sicher dürften die eingestreuten Revueelemente aus Musik, Tanz und Slapsticks nicht allen Besuchern gefallen. Spätestens mit dem Auftritt von Senf-Ed und Ketchup-Kruso erreichte die Blödelei etwas Peinliches. Sicher sollten diese Sketche den ernsten historischen Hintergrund des Stückes auflockern. Aber mit Blick auf die Spieldauer von über drei Stunden (mit einer Pause) wären sie durchaus entbehrlich gewesen, was ebenso auf den Mummenschanz mit der DDR-Flagge auf dem Fell des verendenden Fuchses zutrifft. Viel hilft also nicht viel und eine Straffung oder besser noch Streichung hätte bei einigen dieser Szenen der Dramaturgie der Handlung durchaus gutgetan. Der Romancier Lutz Seiler hingegen war sehr von dieser Leipziger Inszenierung angetan. Rocco Thiede