Das Christentum bietet das Kontrastprogramm

Wer sich zu sehr an den Mainstream anpasst, verliert sein Ziel und Profil: Ein Plädoyer für einen „Vollzeitkatholizismus“ in Deutschland. Von Professor Hubert Gindert

Vollzeitkatholiken haben kein Problem damit, gegen den Strom zu schwimmen. Foto: IN
Vollzeitkatholiken haben kein Problem damit, gegen den Strom zu schwimmen. Foto: IN

Wer in einer Mediengesellschaft zu wichtigen Fragen und Herausforderungen schweigt, existiert nicht, zumindest verliert er an Profil. Fehlende Stellungnahmen werden auch nicht durch eine Inflation zu zweit- und drittrangigen Problemen ausgeglichen. Von der Kirche darf man klare Stellungnahmen beispielsweise zu den Ursachen der demographischen Katastrophe, zur Genderideologie, zur Homosexualität und zum assistierten Suizid erwarten. Die Kirche soll Licht auf dem Berg und Salz der Erde sein. Dazu gehört: Keine Anpassung an den gesellschaftlichen Mainstream, sondern der Mut und die Bereitschaft, auch schon mal gegen den Strom zu schwimmen.

Der renommierte katholische Publizist, Theologe und Papstbiograph George Weigel „vermisst bei den Katholiken in Deutschland eine Ernsthaftigkeit in der Ursachenforschung für das offensichtliche pastorale Versagen. Statt neue Ansätze der Glaubensverkündigung und Katechese einzuschlagen, werde immer wieder die Faktizität des Bestehenden beschworen. Schlagworte, wie Lebenswirklichkeit und Realitätsnähe, würden in den Raum gestellt, als ob es keinerlei Alternativen in Pastoral und Seelsorge mehr gäbe, um der Krise Herr zu werden. (...) Weigel konstatiert einen hohen Grad an Säkularisierung der Katholiken in Deutschland. Er prangert die Uneinsichtigkeit an, wenn statt einer qualitativen Intensivierung der Glaubensverkündigung und Pastoral weitere Zugeständnisse an den Zeitgeist erwogen werden. Vor lauter Dialogprozessen und Reflexionen zur weiteren Modernisierung habe man wohl die Realität – konkret: Das Evangelium und seine Wahrheiten – aus dem Blick verloren.“ (Zitiert nach: Una Voce Korrespondenz, 2. Quartal 2015, S. 282)

George Weigel hat in seiner „programmatischen Schrift ,Die Erneuerung der Kirche: Tiefgreifende Reform im 21. Jahrhundert‘ ein visionäres Gegenmodell eines zukunftsfähigen Katholizismus, der kompromisslos alle Lebensbereiche durchdringen will – das Modell eines ,Vollzeitkatholizismus‘ gezeichnet. Dieser Katholizismus soll sich offensiv den Herausforderungen der entzauberten Moderne stellen und sich nicht durch Zugeständnisse und Kompromisse an den Zeitgeist zum Rückzug drängen lassen.“ (zitiert nach: ebenda)

Was meint Weigel mit „Vollzeitkatholizismus“? Von Johannes Paul II. stammt das Wort: Viele Menschen leben, als ob es Gott nicht gäbe. Auch der Besuch des sonntäglichen Gottesdienstes ist nicht der von Weigel genannte „Vollzeitkatholizismus“. Das kann nur der bewusste und gelebte katholische Glaube sein. Es gibt ein Länderbeispiel mit einem Katholizismus „der alle Aspekte des täglichen Lebens durchdrang“. In der Blütezeit des niederländischen Katholizismus gab es katholische Sportvereine, katholische Tageszeitungen und Rundfunksender, katholische Schulen und Universitäten und auch Gewerkschaften sowie Berufsverbände. Es war die Zeit nicht nur großer caritativer Leistungen, die Niederlande stellten auch Missionare in großer Zahl für die Weltkirche. Das galt für die Nachkriegszeit bis 1965. In diesem Jahr betrug der Kirchenbesuch in den Niederlanden 75 Prozent. Nach 1965 zerfielen die katholischen Strukturen, die das tägliche Leben durchdrangen. Als Gründe werden zunehmender Pluralismus, Individualisierung, Säkularisierung und Entkirchlichung angeführt. Die katholischen Organisationen „richteten sich immer mehr nach allgemeinen Zielen und Zielgruppen aus“. Sie „trugen zunehmend schwer an ihrer katholischen Identität, die mehr und mehr als Anachronismus wahrgenommen wurde“. Zwischen 1965 und 2010 fiel der Kirchenbesuch von 75 Prozent auf knapp sechs Prozent und die Zahl der Priester in der Seelsorge von 4 200 auf 840. („Salzkörner“, 20. Jg. Nr. 4, 31. August 2014, ZdK)

Kardinal Brandmüller äußert: „Wir sollten endlich, statt ein ,Christentum light‘ zu predigen, den Mut aufbringen, ein Kontrastprogramm zum gesellschaftlichen Mainstream von heute zu fordern und vorzuleben, was die Zehn Gebote und die Ethik des Neuen Testaments zum Inhalt haben. Dieses Kontrastprogramm zur morbiden Welt der Antike war damals ein Erfolgsprogramm. Es würde auch heute wieder seine Anziehungskraft erweisen.“ (kath.net 1. Juli 2015) Die morbide antike Welt, von der Brandmüller spricht, kannte alles, was wir heute auch erleben und was Paulus beschreibt: Ehebruch, Abtreibung, Homosexualität, Lüge und Betrug. Von den Christen, die mitten in dieser Welt lebten, konnten die Heiden erkennen, dass sie das praktizierten, was der Satz vorgibt: „Bei Euch aber soll es nicht so sein!“ Das rief Erstaunen hervor.

Eine neue Attraktivität setzt als mutigen ersten Schritt voraus, dass beispielsweise kirchliche Einrichtungen, die nicht mehr im katholischen Geist geführt werden können, weil entsprechende Mitarbeiter fehlen, aufgegeben werden. Tatsächlich werden die Anforderungen an Mitarbeiter gesenkt. So verlieren kirchliche Einrichtungen an Profil. Sie werden austauschbar. Das Argument der „Anpasser“, man wolle sich nicht in eine katholische „Wagenburg“ zurückziehen, ist ein bequeme Ausrede. Im katholischen Geist geführte Schulen, in denen der Religionsunterricht nur ein Fach neben anderen ist, erzieht junge Menschen nicht zu Vollzeitchristen. Chancen für Attraktivität werden so verspielt.

Das Programm der antiken Welt wird uns im Buch der Weisheit beschrieben. Der Text offenbart die Lebenseinstellung von Menschen, die ihren Glauben an Gott und ein Leben nach dem Tod verloren haben. Der Völkerapostel Paulus, der die antike Welt kannte, geht im Brief an die Korinther auf die Geisteshaltung derer, die den Glauben an Gott verloren haben, mit dem Satz ein: „Wenn die Toten nicht auferweckt werden, dann lasst uns essen und trinken, denn morgen werden wir sterben“ (1 Kor, 15, 23).

Die Geisteshaltung, wie sie für das antike Alexandria und Korinth beschrieben wird, ist heute, besonders in der westlichen Welt, weit verbreitet. Papst Johannes Paul II. hat auch Christen gemeint, als er davon sprach, dass viele leben, „als ob es Gott nicht gäbe“. Repräsentative Befragungen stellen fest, dass selbst praktizierende Christen nicht mehr an ein Weiterleben nach dem Tod glauben. Wer aber ohne Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tod dahinexistiert und nicht mehr in dem Bewusstsein lebt, für sein Tun einmal zur Rechenschaft gezogen zu werden, steht unter der Versuchung, als primären Lebenszweck „die Güter zu genießen und die Schöpfung auszukosten“ zu sehen. Die Wertmaßstäbe verschieben sich.

Ein erster Schritt zum Glaubensverlust stellt die Gleichgültigkeit gegenüber der Kirche als Stiftung Jesu und Träger des Glaubens dar, den wir im fehlenden Besuch der sonntäglichen Eucharistiefeier registrieren. Der Kirchenaustritt stellt dann die logische Konsequenz der Entfremdung dar. Das Buch der Weisheit wurde für die in Alexandria lebenden Juden geschrieben, die in dieser Weltstadt des Fortschritts, des Glanzes und des Wohlstandes in Gefahr standen, den Glauben an Jahwe zu verlieren und sich der säkularen Welt anzupassen. Es ging damals, wie es Kardinal Brandmüller für heute fordert, um ein Kontrastprogramm zu einer Weltsicht, die auf das Machbare, den Fortschritt und den Profit beschränkt ist.

Was wäre ein Kontrastprogramm auf „der Grundlage der Zehn Gebote und der Ethik des Neuen Testaments“, das „kompromisslos alle Lebensbereiche“ durchdringt? Allem voran muss uns wieder das Wort des Herrn bewusst werden: „Seht ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“, das heißt die beruhigende Erkenntnis, dass wir nicht allein gelassen sind. Denn auf uns allein gestellt, könnten wir dem Ansturm einer säkularen Welt nicht widerstehen.

Wir sollten uns endlich von dem Realitätsverlust befreien, wir hätten noch eine Volkskirche, die in Gesellschaft und Politik eine wirkliche Rolle und Bedeutung hätte, weil sie noch über ein beträchtliches Kirchensteuereinkommen verfügt und mit viel Geld kirchliche Einrichtungen und Organisationen am Leben erhält. Tatsächlich handelt es sich um den goldglitzernden Überwurf über ein ziemlich lebloses Gerippe. Ein Blick auf die immer leerer werdenden Kirchen am Sonntag müsste diese Illusion zerstreuen.

Dann sollten wir uns auf die Kraft des Gebetes besinnen, das in der Kirchengeschichte immer die großen Reformen eingeleitet hat. Ein sprechendes Beispiel für die Kraft des Gebetes gibt uns der vom Franziskaner Pater Petrus Pavlicek 1946 gegründete „Rosenkranz – Sühnekreuzzug für den Frieden der Welt“. Er wurde zur größten Gebetsbewegung im 20. Jahrhundert. Hunderttausende schlossen sich in Österreich, Deutschland, in der Schweiz und in Italien an, um täglich für den Frieden zu beten. Dieses Rosenkranzgebet trug wesentlich dazu bei, dass sich die Russen aus Österreich zurückzogen. 1954 sagte Molotow dem österreichischen Außenminister: „Herr Figl, machen Sie sich keine Illusionen, was wir Russen einmal haben, das geben wir nicht wieder her.“ Als sich im Frühjahr 1955 die Russen doch gesprächsbereit zeigten, rief der österreichische Bundeskanzler Julius Raab von Moskau aus P. Pavlicek an und sagte: „Pater beten Sie, beten Sie und lassen Sie Ihre Mitglieder beten wie noch nie!“ Der Staatsvertrag wurde am 26. Oktober 1955 abgeschlossen. Julius Raab hatte die menschliche Größe, offen auszusprechen, dass das Ergebnis nicht auf sein Verhandlungsgeschick zurückzuführen war. Auf der Dankfeier auf dem Heldenplatz in Wien sagte der Bundeskanzler: „Wir wollen heute gläubigen Herzens ein freudiges Gebet zum Himmel senden und dieses Gebet schließen mit den Worten: Wir sind frei. Maria wir danken Dir.“ Wir brauchen heute einen neuen Pater Pavlicek, denn das Gute muss auch organisiert werden. Was hindert uns, einen Rosenkranz-Kreuzzug für die Neuevangelisierung Deutschlands in Gang zu setzen?

Das eigentliche Kontrastprogramm bleibt die Botschaft Jesu. Es geht darum, sie wieder ernst zu nehmen und nicht zu relativieren, indem wir sie zu einem hohen, aber kaum lebbaren Ideal erklären und ihr so die Kraft wegnehmen. Das verlangt echte Umkehr. Haben wir sie nötig? Wir feiern in diesem Jahr den 500. Geburtstag der Hl. Teresa von Avila. Mit 21 Jahren trat sie in den Karmel ein. Mit 39 hatte sie in der Betrachtung des Leidens Christi ihr Bekehrungserlebnis. In den ihr noch verbleibenden 28 Lebensjahren wurde sie zur Wegbereiterin der Glaubenserneuerung und gründete 17 Reformklöster. Dass auch wir die Umkehr brauchen, um unserer Lebensaufgabe gerecht zu werden, steht außer Zweifel. Aus der Umkehr im Glauben erwächst die Kraft zur Neuevangelisierung und der Mut, der selbstgefälligen säkularen Gesellschaft einige Fragen zu stellen. Warum? Die 68er Bewegung hat unter dem Motto einer Welt der Freiheit, ohne Normen, Gebote und Traditionen eine Revolution in Gang gesetzt. Sie war so erfolgreich, dass heute kaum jemand nach der Kehrseite des Fortschritts und nach den Kollateralschäden dieser „Freiheitsinvasion“ zu stellen wagt. Alle diese Vorgänge laufen unter der Maske der Gleichheit und des sozialen Fortschritts. Es geht darum, Irrwege durchsichtig zu machen und jene, denen es im Eigentlichen um wirtschaftlichen Profit, die Durchsetzung von Ideologien und um politischen Fortschritt geht, zu demaskieren. Das wäre ein Kontrastprogramm für den Menschen. Dringende Fragen von heute lauten:

Entspringt der Entschluss, das eigene Kind zu töten, tatsächlich dem Wunsch vieler Frauen nach Selbstbestimmung oder der Furcht, in ihrer Not allein gelassen zu werden?

Ist Leihmutterschaft ein Fortschritt in einer „arbeitsteiligen Gesellschaft“ oder ein neuer Kolonialismus, der die wirtschaftliche Notlage von Frauen ausbeutet?

Verdient Genmanipulation, bei der menschliche Embryonen, das heißt, getötete ungeborene Kinder zu Forschungszwecken verbraucht werden, noch die Bezeichnung „human“?

Ist Frühsexualisierung wehrloser Kinder in staatlicher Pflichtschulen nicht ein grober Verstoß gegen das verfassungsmäßig verbürgte Elternrecht? Dient die Genderideologie der Emanzipation und Gleichstellung der Frau oder ist es nicht vielmehr der Versuch, Frauen und Männern ihre Geschlechteridentität und ihre spezifischen Eigenschaften wegzunehmen, um sie zu verunsichern und leichter manipulieren und beherrschen zu können.

Leben wir noch in einer freien Gesellschaft, wenn Grundrechte wie Meinungs- und Religionsfreiheit infrage gestellt werden, weil das Zitieren von Bibelstellen zu Homosexualität als Hasspredigt diffamiert werden?

Steht hinter dem assistierten Suizid tatsächlich der Wille zum selbstbestimmten Tod oder nicht doch die Angst, in Alter und Krankheit als eine Last in einer egoistischen Gesellschaft angesehen zu werden, weil Hospiz und Betreuungsplätze fehlen?

Schließlich sollten wir Christen die Welt realistisch sehen und uns von der romantischen Utopie lösen, es genüge, das als gut Erkannte zu tun, um in Frieden leben zu können. Das ist ein Irrtum! Der Verfasser des Buches der Weisheit nimmt den gläubigen Juden in der alexandrinischen Diaspora die Illusionen, wenn er über die Gottlosen schreibt: „Wir wollen dem Gerechten auflauern, denn er ist uns unbequem“ (Weisheit 2, 12). Bei Jesus heißt es in lapidarer Kürze: „Haben sie mich verfolgt, werden sie auch euch verfolgen“. Die Christen in Nordkorea, im Irak, in Syrien, in Nigeria erfahren das heute jeden Tag. Es ist der Preis, dort Christ zu sein, ein Preis für das Kontrastprogramm gegenüber einer Welt, die im Gegensatz zu Gott steht, und kein Grund, dafür in Traurigkeit zu verfallen.

Der Autor ist Gründer und Vorsitzender des Forums Deutscher Katholiken.