„Danke für Ihre Zeilen“

Sinn und Form: Der Briefwechsel zwischen Ernst Jünger und Gershom Scholem

Bis zum heutigen Tag hat die deutsche Linke Ernst Jünger nicht verstanden. Die Liste der Etiketten, die das Unverständnis dokumentiert, ist lang und widersprüchlich: Militarist und Präfaschist, Dandy und eiskalter Genüssling der Barbarei. Die Unfähigkeit, das reiche Werk des Schriftstellers differenziert wahrzunehmen, ist einem immer noch nicht vollständig überwundenen Glauben an eine blödsinnige Weltanschauung namens Marxismus geschuldet.

Für die moskaugesteuerten DDR-Kommunisten war alles, was nicht in das noch von Stalin diktierte Regelwerk ihres verlogenen Antifaschismus passte, sowieso die gleiche kapitalistisch-imperialistische Soße, und für die selbsternannten Aufklärer aus der „Frankfurter Schule“ stand jeder, der Adorno, Freud & Co nicht für Halbgötter hielt, unter Faschismusverdacht. Hüben wie drüben gingen absurde Denkverbote und eine sich bis zum Stumpfsinn steigernde Realitätsblindheit eine unheilvolle Allianz ein, die auch im zwanzigsten Jahr nach dem Mauerfall immer noch Signale aussendet.

So war der Vertreter der „Suhrkamp Kultur“, Thomas Sparr, nicht amüsiert, als die im Berliner Literaturhaus neben ihm sitzenden Herren Schöttke und Kleinschmidt von „Sinn und Form“ – „Begründet von Johannes R. Becher und Paul Wiegler, Gründungschefredakteur Peter Huchel“ wie die von der „Akademie der Künste“ herausgegebene Zeitschrift auch noch in ihrem 61. Jahr stolz vermeldet – nach vorsichtig tastendem und in das zahlreich erschienene Publikum hineinhorchendem Beginn, sich dem „Phänomen“ Ernst Jünger einigermaßen unbefangen näherten, gleichzeitig aber den Eindruck erweckten, als hätte es niemals das „rote“ Gesetz gegeben, Jünger für alle Zeiten als „geistigen Steigbügelhalter Hitlers“ zu diffamieren.

Dabei war der Anlass, zu dem sich die Dreierrunde zusammengefunden hatte – nämlich die Präsentation des vom Dresdener Literaturwissenschaftler Detlev Schöttke kommentierten und vom Chefredakteur Sebastian Kleinschmidt in der Mai/Juni-Ausgabe veröffentlichen Briefwechsels zwischen Ernst Jünger und Gershom Scholem – durchaus geeignet, selbstkritisch endlich aus eigenem Antrieb mehr Licht in die Sache zu bringen.

Die Veröffentlichung selbst hat in zahlreichen Feuilletons für Sensation und Spekulation gesorgt. Wie kann das sein, wurde gefragt, dass der „rechte“ Jünger und der „linke“ jüdische Religionshistoriker – offenbar unbeeindruckt von allen Tabus – einander so freundlich, höflich und taktvoll schreiben?

Für linke Jünger-Verächter wird es jetzt eng

Die Klarstellung, dass „Sinn und Form“ diesen Briefwechsel keineswegs „uraufgeführt“ hat, wie man dort suggeriert, blieb dem Jünger-Biographen Heimo Schwilk in der „Welt am Sonntag“ vorbehalten. Schwilk vermeldete nüchtern: „Jünger selbst hat in seinen Tagebüchern auf die Korrespondenz mehrfach hingewiesen und Teile daraus zitiert; in der Wochenzeitung ,Der Freitag‘ sind einige Briefe schon 2004 publiziert worden.“ Nichts wirklich Neues unter der Sonne also.

Ernst Jünger hat am 16.2.1975 zuerst nach Jerusalem geschrieben, und sein Anlass für die Postkarte aus Wilflingen ist ein privater: „Sehr geehrter Herr Scholem, öfters stoße ich in der Presse auf Ihren Namen und frage mich, ob Sie mit einem meiner Schulkameraden identisch sind. (Hannover 1914) Falls es nicht zutrifft, bitte ich Sie, sich mit einer Antwort nicht zu bemühen.“ Obwohl es sich bei dem Angeschriebenen nicht um den Schulkameraden handelt – denn das war sein Bruder Werner, der für die KPD im Reichstag saß und von den Nationalsozialisten 1940 im Konzentrationslager Buchenwald ermordet wurde – antwortet der 1897 in Berlin Geborene am 8. April: „Es hat mich bewegt, Ihre Handschrift zu sehen, denn ich habe zwei Bücher von Ihnen sehr aufmerksam studiert.“

Wie es so geht, wenn ein von seiner Familie her deutschnational geprägter Jude, der aus Protest gegen sein assimiliertes Elternhaus 1923 nach Palästina auswandert und Zionist wird und ein „Goi“, der in den zwanziger Jahren die jüdische Assimilierung ebenfalls ablehnt und die zionistische Bewegung bewundert, als nunmehr achtzigjährige Geistesköpfe erstmals miteinander ins Gespräch kommen, werden im weiteren Verlauf der insgesamt elf Schreiben die zwischen 1975 und 1981 hin und her gehen, Erinnerungen ausgetauscht, die – auch das liegt in der überragenden intellektuellen Bedeutung beider Herren begründet – durchaus ihren Beitrag zur Erhellung des einen oder anderen zeitgeschichtlichen Details beitragen.

So möchte der Herausgeber der „Gesammelten Schriften“ Walter Benjamins wissen, ob Ernst Jünger – wie Scholem aus einem „alten Brief Th. Adornos“ an ihn zitiert – zu jenen in Paris stationierten Offizieren in den „Kreisen des deutschen Generalstabs“ gehörte, die den Plan hatten, Benjamin „zu retten“ – der auf der Flucht vor der Gestapo durch Frankreich irrte und Ende September 1940 nahe der spanischen Grenze vermutlich durch Selbstmord ums Leben kam – „indem man ihn als Pfleger in ein Lazarett hätte stecken wollen“. Jüngers Antwort darauf ist denkbar knapp: „Danke für Ihre Zeilen. Der erwähnte Vorgang ist möglich, obwohl ich mich dessen nicht erinnere. Das Jahr 1940 war von Ereignissen und Begegnungen überfrachtet.“ Ja, so war er, der Herr Jünger. Nachgeholte Selbstentlastung ist seine Sache nie gewesen.

Allerdings war der Wilflinger, so scheint es, über Vergangenes und Privates hinaus an Scholem, dem Inhaber eines Lehrstuhls zur Erforschung der jüdischen Mystik an der Hebräischen Universität Jerusalem und dessen Kenntnis der Kabbala interessiert: „Gestern sah ich Sie im Bildschirm; die Sendung hatte sich wegen eines Fußballspiels verzögert bis tief in die Nacht. Sie berührten ein Problem, das mich von Kind auf beunruhigt hat – ich meine die Unvollkommenheit der Welt. Ich sehe, dass die Kabbala es, wenngleich nicht gelöst, doch einleuchtend begründet hat, jedenfalls besser als durch die Vertreibung aus dem Paradies.“ Worauf er die Antwort erhält: „Der kühne Gedanke von der wesentlichen Unvollkommenheit jeder Schöpfung ist vor fast 500 Jahren, zuerst von einem spanischen Kabbalisten der Generation der Vertreibung aus Spanien, so kühn formuliert worden.“

Elf Briefe sind für Jünger und Scholem, die jeder für sich ein riesiges Briefarchiv hinterlassen haben – wobei das jüngersche in weiten Teilen noch unerschlossen ist – eine Angelegenheit von eher geringerem Gewicht. Doch für linke Jüngerverächter wird es nun wirklich eng. Denn nach Klaus Mann, Erich Maria Remarque, Erich Mühsam, Paul Celan und Hannah Arendt gehört mit Gershom Scholem nun eine weitere ihrer Ikonen in den Kreis jener, die Ernst Jünger aus sehr vielfältigen Gründen geschätzt und Kontakt zu ihm gesucht haben.

Detlev Schöttke und Sebastian Kleinschmidt offenbarten am Ende der Editionspräsentation dann schließlich doch noch, worauf ihr Sinneswandel vom „Saulus zum Paulus“ beruht. Kleinschmidt gab an, Jünger mit Gewinn „von hinten nach vorn“ gelesen zu haben; also das Alterswerk zuerst, und Schöttke haben die „Strahlungen“ gefallen. Allein der Suhrkamp-Mann Sparr wurde ob dieser Beichten immer schmallippiger und war bemüht, gegen Jünger Stimmung zu machen. Mal rutschte ihm ein „der Vertreter des Nationalsozialismus in Paris“ heraus, mal ein „immer wenn es opportun war, ist Jünger von seinen nationalistischen Positionen abgerückt“. Was beides leicht widerlegbarer Unsinn ist. Sparr zeigte sich auch dann unbeeindruckt, als seine Gesprächspartner darauf hinwiesen, dass Jünger von 1895 bis 1998 fast 103 Jahre gelebt habe, und sein breitangelegtes Werk weit mehr enthielte, als seine, wenn man so will, nationalbolschewistischen Schriften aus den zwanziger Jahren.

Wer aber war Ernst Jünger denn nun? Sich selbst hat der Langlebige als Krieger, Anarch, Waldgänger gesehen. Noch mit Hundert hat er ein Buch veröffentlicht. Jünger hat Käfer gesammelt und Sanduhren. Wie die Natur bei den Käfern auf kleinstem Raum wahre Wunderwerke vollbringt und eine Form geschaffen hat, die unverändert oft schon seit Jahrmillionen existiert, hat ihn ebenso fasziniert, wie das Verrinnen der Zeit. Mit 101 ist der Mann mit den vielen Eigenschaften zur römisch-katholischen Kirche übergetreten, hat also als Uralter erstmals die Heilige Kommunion empfangen. Ein solches Leben ist auch mit hochdifferenzierten Sensoren auf keinen bündigen Nenner zu bringen, und mit linken Holzhammerparolen schon gar nicht.