DER DICKE HUND: Hollywood und die Abtreibung

DER DICKE HUND: Ultrapolemische  Hetze auf 3sat

Kürzlich verabschiedete das Abgeordnetenhaus des US-Bundesstaates Georgia mit 92 gegen 78 Stimmen das Gesetz HB481: Ab dem 1. Januar 2020 soll demnach in Georgia unter Strafe stehen, Föten abzutreiben, bei denen ein Herzschlag feststellbar ist. Die Unterschrift des Gouverneurs fehlt zwar noch, aber sie gilt als sicher.

Insbesondere aus Hollywood ließen die Reaktionen nicht lange auf sich warten. So wandte sich Produzent und Investor Peter Chernin an Top-Produzenten aus den größten Hollywood-Studios, um Spenden einzusammeln. Sein Ziel: 15 Millionen Dollar zur Finanzierung einer Klage der „American Civil Liberties Union“ (ACLU) gegen das Antiabtreibungsgesetz zusammenzubekommen.

Selbstverständlich steht es jedermann frei, sein Geld zu dem Zweck zu spenden, den er für richtig hält. Etwas anderes ist es jedoch, Macht auszunutzen, um ein Gesetzgebungsverfahren zu beeinflussen. Denn als solche sind die kaum verbrämten Boykottdrohungen seitens großer Hollywood-Studios zu verstehen. So erklärte etwa Netflix-Generaldirektor Ted Sarandos: „Es gibt viele Frauen, die in Georgia an unseren Produktionen arbeiten, und deren Rechte, mit denen von Millionen anderer Frauen, durch dieses Gesetz stark beschnitten werden.“ Disney-Chef Bob Iger meinte, seinem Studio würde es „sehr schwerfallen“, in Georgia zu drehen, sollte das Gesetz in Kraft treten: „Viele, die für uns arbeiten, würden dort nicht arbeiten wollen, wir müssten darauf Rücksicht nehmen.“ Auch der Konzern WarnerMedia, zu dem HBO, TNT und CNN gehören, drohte mit einem Produktionsstopp.

Denn Georgia ist für Hollywood ein wichtiger Standort geworden. Nach Los Angeles und New York stellt der Bundesstaat das drittgrößte Filmzentrum in den Vereinigten Staaten dar. Voriges Jahr entstanden im „Südstaaten-Hollywood“ 455 Produktionen. Dafür gibt es einen einfachen Grund: die öffentliche Filmförderung, denn Produktionen können bis zu 30 Prozent ihrer Investitionen vom Staat zurückbekommen. Dafür standen 92 000 Menschen in Lohn und Brot – die nun ihre Arbeit verlieren würden, sollten die Hollywood-Großen ihre Boykottaufrufe in die Tat umsetzen, und aus Georgia wegziehen.

Das Antiabtreibungsgesetz hat allerdings keinerlei Auswirkungen auf den Filmsektor. Verständnis für den Boykott Hollywoods könnte man haben, sollte die neue Gesetzgebung Georgiens es verbieten, in Filmen eine positive Sicht der Abtreibung zu geben. Ein solches Verbot sieht das Gesetz HB481 jedoch nicht. Umgekehrt sind es die großen Studios, die dem Gesetzgeber in Georgia verbieten wollen, Gesetze zu verabschieden, mit denen sie nicht einverstanden sind. Damit bezwecken die Hollywood-Studios nichts anderes, als ihre Vorstellungen mit finanziellen Drohungen durchzusetzen.

Es ist bekannt, dass auf das klassische Hollywood-Studiosystem – mit Frank Capra und John Ford, um nur zwei bekannte Regisseure zu nennen – mit ihren konservativen Werten Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre ein „New Hollywood“ folgte, das eine „Liberalisierung“ beziehungsweise einen Linksruck mit sich brachte. Aus diesem linksliberalen Lager kamen früher die Boykottaufrufe gegen multinationale Konzerne, die mit ihrer Macht auf die Politik Einfluss nahmen. Dass aus derselben Ecke, aus der die Einmischung der (Industrie-)Konzerne in die Politik angeprangert wurde, nun Stimmen laut werden, dass (Hollywood-)Konzerne in die Gesetzgebungsverfahren einzelner US-Bundesstaaten eingreifen sollen, das ist ein dicker Hund.