Breites Potpourri an Ländern, Parteien und Personen

Wenig Verständnis für Pius XII.: Heinrich August Winklers „Geschichte des Westens“ über die Zeit der Weltkriege. Von Stefan Meetschen

Die Großmacht USA in der Krise, Europa zerstritten über die Finanzen, unfähig zu einer gemeinsam abgestimmten Außen- und Innenpolitik. Es gibt zurzeit nicht viele Gründe, die oft beschworene Stärke oder Überlegenheit des Westens gegenüber anderen Kulturkreisen zu bestaunen. Auch ein Blick in die jüngere Geschichte liefert nicht unbedingt Entwarnung: Beschrieb der Historiker Heinrich August Winkler vor vier Jahren im ersten Teil seines mittlerweile auf drei Bände angelegten Monumentalwerkes „Geschichte des Westens“ noch die volle Bandbreite westlicher Errungenschaften, als da wären die Hinwendung zum Monotheismus, die Erfindung der Menschenrechte, die Entwicklung der repräsentativen Demokratie, so bietet der zweite Teil der „Geschichte des Westens“ eine ernüchternd wirkende Bestandsaufnahme der Jahre zwischen 1914 und 1945.

Stereotypen über die Kirche, die öfter wiederholt werden

Denn: Die Zeit der Weltkriege, die mittlerweile auch als Zeit des zweiten 30-jährigen Krieges bezeichnet wird, entpuppt sich bei Winkler, der mit seinem Buch „Der lange Weg nach Westen“ vor fast zehn Jahren als exzellenter Deuter des deutschen Sonderweges auch außerhalb der wissenschaftlichen Fachwelt berühmt wurde, einmal mehr als eine Periode gefährlicher Verstrickungen von damals neuen Ideologien mit instabilen Demokratien und der allzu leichtfertigen Bereitschaft, die eigenen Ideale und Werte, nach Winkler das „normative Projekt des Westens“, zu verraten. Was der deutsche Historiker in dem wiederum mehr als 1 300 Seiten umfassenden zweiten Teil nicht nur luzide analysiert, sondern auch äußerst verständlich erzählt und detailreich erläutert. Keine Kleinigkeit, wenn man bedenkt, was für ein breites Potpourri an Ländern, Parteien und Personen, kulturellen Strömungen und wirtschaftlichen Wechselbeziehungen Winkler einordnen muss. Mag der zweite Teil auch im Vergleich zum ersten Teil nicht mehrere Jahrhunderte umfassen.

Erst das Auftreten der Nazis und eines Mannes, der die systematische Judenvernichtung zum Haupt-Programm machte, führte auf Seiten der westlichen Verbündeten zu einer Revision ihres Verhältnisses zum Kommunismus russischer Prägung, „und schließlich zu einem Bündnis“ mit demselbigen. Wenn auch nur vorübergehend, um das besonders blutige „deutsche Kapitel“ zu beenden. Unter einseitiger Ausschaltung der ethischen Standards. Stalins brutale Okkupation der Länder Ostmitteleuropas – ein klarer Verstoß gegen das in der Atlantik-Charta von 1941 festgehaltene Selbstbestimmungsrecht der Völker – ausgerechnet die Repräsentanten der robustesten Demokratien, Churchill und Roosevelt, drückten dabei die Augen zu. Deutschland blieb nur die totale Kapitulation. Drei Monate später, als die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki fielen, wurden die westlichen Augen erneut geschlossen. Diesmal über die eigenen Vergehen, von Präsident Truman. „Als der amerikanische Präsident vom Bombenabwurf auf Hiroshima erfuhr, befand er sich auf hoher See – auf der Heimreise von der Potsdamer Konferenz in die Vereinigten Staaten. Er reagierte mit großer Erleichterung, ja Freude auf die Nachricht aus dem Fernen Osten. Die Entscheidung, Atombomben über Japan abzuwerfen, hatte Truman ohne moralische Skrupel getroffen.“ Großbritannien verzichtete auf Kritik.

Weshalb es schon erstaunt, dass Winkler keinen Grund sieht, den Leitfaden seines Monumentalwerkes etwas kritischer zu hinterfragen. Kann man angesichts eines solchen Verhaltens noch von einem „normativen Projekt“ sprechen? Die Einzigartigkeit der westlichen Werte im Zuge von Französischer Revolution und Aufklärung loben? „In Europa überlebten die westlichen Werte den Zweiten Weltkrieg nur, weil der neue Westen in Gestalt Amerikas und der britischen Dominions den freiheitlichen Kräften des alten Kontinents zu Hilfe gekommen waren.“ Angesichts der ethischen Aussetzer und Kompromisse der Amerikaner und Engländer wirkt Winklers Konzept insgesamt ein wenig bemüht, wenn nicht sogar teleologisch. Die Geschichte des Westens, präsentiert als eine säkularisierte Heilsgeschichte trotz all der Janusköpfigkeit bei Protagonisten und Parteien, das macht nachdenklich. Ist eine solche Perspektive bei allem Respekt vor Winklers enormem Wissen und Fleiß nicht doch ein weltfernes Konstrukt? Darf man der Demokratie tatsächlich eine derart sakrale Weihe verleihen? Zweifel sind erlaubt.

Kritisch muss man, trotz des unbestreitbaren Sachverstandes und der gigantischen Gelehrsamkeit Winklers, denn auch die Art und Weise bewerten, wie er die Rolle von Papst Pius XII. darstellt. „Auch im Vatikan war man über das, was die Deutschen den Juden antaten, gut informiert. (…) Doch Papst Pius XII. wollte das „Dritte Reich“ nicht öffentlich anprangern, weil er in diesem Fall Repressalien gegenüber den Katholiken im Reich und im deutsch beherrschten Europa befürchtete und seit jeher im Bolschewismus eine größere Gefahr sah als im Nationalsozialismus. (…) Der Pontifex agierte durchgängig als Diplomat, für den das Interesse der katholischen Kirche, so wie er es verstand, absoluten Vorrang vor humanitären Folgerungen hatte, die andere aus der christlichen Botschaft ableiten mochten.“

Das sind böse Stereotype, die durch Wiederholung nicht richtiger werden. Es kann einem derart belesenen Historiker doch nicht entgangen sein, unter welchen diplomatischen und völkerrechtlichen Rahmenzwängen der Papst damals agieren musste und dass die Zurückhaltung gerade den „humanitären Folgerungen“ geschuldet war. Er war kein Apparatschik, für den es nur das Projekt Ruhe gab unter Missachtung der humanitären Sorgen. Zwar erwähnt Winkler die Weihnachtsbotschaft von 1942, in welcher der Papst seine Solidarität mit den aufgrund ihrer nationalen und rassischen Zugehörigkeit Verfolgten ausdrückte, angeblich „relativierte“ er diese Anspielung aber, indem er „im gleichen Atemzug auch die Opfer des Luftkrieges nannte“. Ferner: „Zur Deportation der römischen Juden im Oktober 1943 äußerte sich Pius XII. nicht.“ Auch hier gilt leider: Bei allem Bestreben nach historischer Objektivität, das Bild des Papstes zeichnet Winkler zu dunkel, verständnislos. Die menschlichen Opfer in eine „relativierte“ Beziehung zu stellen, ist problematisch.

Zumal, wenn der im spanischen Bürgerkrieg als sozialistischer Journalist agierende Willy Brandt mit seinen Aussagen über den POUM, eine kleine links-kommunistische Partei, die scharfe Kritik am Stalinismus übte, als neutral-gemäßigter Beobachter zitiert wird. „In seinen Berichten kritisierte er die Politik des POUM als ultralinks und sektiererisch und darum als weithin falsch.“ Damit lagen Brandt und Stalin ziemlich eng beieinander. Das anscheinend größere Problem, die größere Bedrohung für die Werte des Westens sieht Winkler aber woanders, nämlich bei der (zu) engen Allianz zwischen der Kirche in Spanien und dem Franco-Regime. Auch hier wird die kirchliche Position nicht gut erläutert. Sogar der Vatikan gerät unter Faschismus-Verdacht: „Am 28. August folgte die offizielle Anerkennung der Behörden von Burgos als Regierung Spaniens durch den Vatikan.“

Trotz dieser Schwächen bei kirchlichen Themen kann man dieses Buch insgesamt aber nur empfehlen.

Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens. Die Zeit der Weltkriege 1914–1945. Verlag C.H. Beck, 2011,

1 350 Seiten, EUR 39,95