Würzburg

Begeistert euch!

Die Gleichförmigkeit unseres Konsumdaseins, die Künstlichkeit unserer virtuellen Realitäten und der Verwaltungscharakter unseres scheinbar abgesicherten Alltags wecken mitunter Frust und Aggressionen, aber auch die Sehnsucht nach echter Begeisterung. Gibt es Wege aus der existenziellen Gleichgültigkeit?

Raum für die Fülle
Keine Angst vor Langeweile: „Erst die Leere in unserem Inneren scheint Raum zu schaffen für die Fülle“ und Begeisterung wächst auf dem Boden kultivierten Nichtstuns. Foto: Adobe Stock

Wir alle sind schon Menschen begegnet, die eine geheimnisvolle Wirkung auf uns ausüben. Es sind eben nicht diese Energieverschlinger, die uns mit dem Gefühl zurücklassen, wie leergepumpt zu sein. Stattdessen entfachen sie binnen kurzer Zeit in uns ein Empfinden von Beseligung. Auf einmal ist uns, als würde unser Innenraum zu funkeln beginnen. Eine Heiterkeit flammt auf, das Leben fühlt sich leichtfüßiger an. Ich nenne solche Menschen Wachmacher, sie sind imstande, uns zu begeistern, unsere Lebensgeister zu wecken.

Zu meinem Glück kreuzen solche Wachmacher immer wieder meinen Weg. Und manche erklären mir sogar, worin diese geheimnisvolle Wirkung besteht. Der Diplom-Psychologe Ulrich Ott ist einer von ihnen. Er erforscht unsere Bewusstseinszustände an der Universität Gießen. Ott erzählte mir, dass er sich zum Feierabend während seiner Autofahrt nach Hause gerne eine spirituelle Übung genehmigte. „Achtsames Autofahren“ nannte er das. Das fing schon mit der Sitzhaltung an. Kaum krallte er sich verkrampft hinters Lenkrad, vergegenwärtigte er sich seine Verspannungen im Schulterbereich und atmete sie geradezu aus. Und siehe da: Je ruhiger, gelassener und innerlich freundlich gestimmt der Mann dahinbrauste – umso weniger Treibstoff verbrauchte er! „Wenn ich absolut achtsam fahre, verbraucht mein Diesel fünf Liter auf 100 Kilometer. Wenn ich verbissen rase, komme ich auf 6,5 Liter.“

Klingt seltsam? Es kommt noch besser. Am Eingang seines Heimatortes, in dem er aufgewachsen ist und heute mit Gattin und zwei Kindern wohnt, setzte Ott zu einer Reframing-Übung an. Ein simpler Wechsel der Perspektive: „Ich stelle mir jedes Mal vor, dass ich zum ersten Mal in dieses Dorf fahre. Ich sage mir: Ich kenne dieses Dorf gar nicht. Und dann schaue ich mich dort um, als ob ich in einer fremden Stadt wäre.“

Es braucht nicht viel, um den Alltag weniger langweilig zu machen

Wir lernen daraus, dass es nicht allzu viel braucht, um unseren Alltag weniger langweilig zu gestalten. Die graue Routine, das gewohnte Einerlei zu vertreiben, macht nicht nur wach und innerlich frei – es ist vor allem mit bescheidenen Bordmitteln zu bewerkstelligen. Nichts anderes ist Kreativität, unsere naturgegebene Schöpferkraft. Sie schmutzt nicht, kostet bloß ein wenig Aufmerksamkeit und ist allzeit zur Hand.

Ein anderer Muntermacher war der Philosoph Hans-Georg Gadamer. Er starb im biblischen Alter von 102 Jahren im März 2002. Ich traf ihn Monate zuvor, das Blitzen in seinen schon greisen Augen leuchtet bis heute in mir nach. Kreativität sei das Geheimnisvollste der Welt, sagte er mir. Enthüllt hat er mir dieses Mysterium nicht. Aber er inspirierte mich zu der Ahnung, dass Weisheit weniger mit den richtigen Antworten zu tun hat als mit den richtigen Fragen.

Zu Gadamers Studenten gehörte einst Rainer Holm-Hadulla. Heute ist er Professor für Psychotherapie an der Universität Heidelberg und erforscht die menschliche Kreativität. Auch für ihn bleibt das Schöpferische ein Rätsel, ein Gedankenblitz, den wir nie vollends verstehen werden. Aber wir können diesen Blitzeinschlag erfahren und diese Erfahrung herbeiführen.

Aber wie? Indem wir uns auf etwas einlassen, indem wir lernen, uns in eine Sache ganz zu verlieren, beschreibt es Holm-Hadulla. „Talent ist nur ein Faktor. Hinzu kommen Motivation und Persönlichkeit. Die Motivation ist das Interesse an einer Sache, der man sich ganz hingibt.“ Einfach, weil uns die Sache selbst gefangen nimmt. „Wir nennen das auch intrinsische Motivation, also ein Antrieb von innen heraus.“ Der Rest ist eine Frage der Persönlichkeit. Also „Neugier, Leidenschaft und oft auch Ehrgeiz – im Sinne des Beantwortetwerdens. Diese Sehnsucht, anerkannt und wahrgenommen zu werden.“ Eine wichtige Triebkraft für Kreativität, meint Holm-Hadulla.

„Das Leben vollzieht sich in Gegensätzen.
Womöglich ist dieses Sichöffnen für das Widersprüchliche
ein Schlüssel zum Lebendigsein, zum
Schöpferischen? Das Einfallstor für die Intuition?“

Von den großen Kreativen, den Künstlern, können wir uns abgucken, wie wichtig Hartnäckigkeit ist. Frustrationstoleranz nennen es die Psychologen. Nehmerqualitäten würden wir sagen. Um einstecken zu können, brauchen wir Hingabefähigkeit, Fantasie und Selbstvertrauen. Zerrissen von inneren Zweifeln sind wir alle zwischenzeitlich, selbst die genialsten Geister. Aber sie wussten immer auch um eine tiefe Wahrheit in ihrem Innersten, an die sie glauben konnten. Solcherlei Glaubensgewissheit macht den Künstler zum harten Arbeiter. Picasso zum Beispiel. Ein minutiöser Zeichner – stundenlang. Und wiederum, so der Kreativitätsforscher Holm-Hadulla: „All das muss gepaart sein mit Flexibilität, einer biegsamen Zähigkeit.“

Es scheint, als hätten kreative Menschen in einer paradoxen Welt Quartier genommen. In einem Leben voller Widersprüche. Wen wundert’s? Die Wahrheit, behaupten die Buddhisten, ist paradox. Das Leben vollzieht sich in Gegensätzen. Womöglich ist dieses Sichöffnen für das Widersprüchliche ein Schlüssel zum Lebendigsein, zum Schöpferischen? Das Einfallstor für die Intuition?

Alles ganz geheimnisvolle Dinge, da hat der große alte Gadamer wohl recht gehabt. Und dennoch: „Um dieses Geheimnis herum gibt es doch einiges, was wir beeinflussen können“, sagt Holm-Hadulla. Durch Achtsamkeit nämlich.

So hat es mir der Diplom-Psychologe Ulrich Ott erklärt: „Zwischen dem Stimulus, der durch die Situation auf uns einwirkt, und unsere Reaktion darauf, die normalerweise automatisch erfolgt, wird durch die Achtsamkeit eine Lücke geschaltet. In dieser Lücke zwischen Reiz und Reaktion werden uns Freiheitsgrade eröffnet. Eingefahrene Reaktionsmuster werden aufgelockert, wir werden regelrecht dekonditioniert.“ Dann sind wir keine Reiz-Reaktions-Roboter mehr, die wie ausgeliefert durch willfährige Geschehnisse irrlichtern. „Stattdessen können wir als bewusste Wesen mit einem großen Spektrum an Erfahrungen und Möglichkeiten auf jeweilige Situationen angemessen reagieren. Wir erfahren den gegenwärtigen Moment lebendig. Wir sind ganz da.“

Langeweile als Pestilenz einer reizüberfluteten Epoche

Vermutlich ist die Langeweile nur deshalb zur Pestilenz unserer reizüberfluteten Epoche geworden, weil wir uns der Widersprüchlichkeit verschließen. Das haben wir dem Rationalismus der Aufklärung zu verdanken, der die Logik zum Götzen erhob. Logik ist die Sucht nach Vernichtung von Ungereimtheiten. In den funktionalen Bereichen unseres Lebens leistet sie zweifellos wertvolle Dienste. Außerhalb der technokratischen Sphäre kann sie zum Fluch werden. Und da ein Großteil unseres alltäglichen Erlebens von Emotionen und Stimmungen regiert wird, kann unsere antrainierte Sachlichkeit für innere Verödung sorgen. Aus gutem Grund wird die Acedia, die Trägheit des Herzens, zu den Sieben Todsünden gezählt. Eine innere Mattigkeit als Frevel wider den Heiligen Geist, ohne den wir niemals ganz Mensch sind.

Dabei ist für den üblen Leumund der Langeweile weniger eine Ereignisarmut des Alltags verantwortlich, als vielmehr das allzu verbreitete menschliche Unvermögen, sich für etwas zu begeistern. Dieses Handicap wähnen die Psychologen bereits in früher Kindheit vorbereitet. Das Wort Interesse sagt schon alles: inter-esse ist lateinisch und bedeutet dazwischen sein. Interesse ist somit auf Wechselseitigkeit angewiesen. Je mehr wohlwollende Aufmerksamkeit der Weltneuling von seiner Umgebung, seinen Mitmenschen erfährt, umso lebhafter spielt das Kind den Ball zurück und entwickelt seine freudvolle Anteilnahme an der Welt.

Gebricht es dem Weltneuling hingegen an derlei Zuwendung oder wird ihm vor allem Angst, Misstrauen, Unfreundlichkeit oder Unsicherheit entgegengebracht, stehen seine Chancen gut, zu einem antriebsarmen Menschen heranzuwachsen, in dem sich die fatale existenzielle Gleichgültigkeit breit macht. Heilbar, sagt uns die klassische Theologie, ist die Acedia allein durch den Glauben. Und was ist der Glaube anderes als die bejahende Aufmerksamkeit für die Schöpfung?

„Wer die Furcht vor der Langeweile
überwunden und das Nichtstun kultiviert hat,
kann sich im Wortsinne selbst begeistern.
Und damit andere ebenfalls“

Aber auch die geistig regsamen Zeitgenossen bleiben von der Langeweile nicht verschont. Gut so! Denn erst die Leere in unserem Inneren scheint Raum zu schaffen für die Fülle. Manchmal sitze ich im Schrebergarten von Freunden ganz allein vor der Laube. Und tue nichts. Ich schaue den Zweigen im Wind zu. Seltsamerweise schaffe ich es dort nie, mich zu langweilen. Stattdessen ereilen mich die anmutigsten Fragen: Wovon träumen wohl die Vögel? Haben Schnecken ein Gewissen? Hat ein Igel Humor? Können Eichhörnchen sich langweilen?

Wissenschaftler haben dieses Phänomen natürlich längst untersucht und herausgefunden, dass Menschen sich in reizarmen Situationen vortrefflich selbst stimulieren können. Sensorische Deprivation nennen die Fachleute den Zustand, wenn nichts los ist. Und je weniger Außenreize die Versuchspersonen wahrnehmen, desto wilder schießen ihre Gedanken und Fantasien. Manche Probanden beginnen zu halluzinieren, andere erleben ekstatische Zustände. Womöglich hat selbst der Allmächtige aus lauter Langeweile die Welt erschaffen. Nicht ohne den kreativen Funken der Langeweile in die Schöpfung miteinzubauen. Ist nicht alle menschliche Kultur und Zivilisation ein Zeugnis der nie versiegenden Macht der Langeweile? Denkbar auch, dass das Einerlei unserer Gegenwart mit ihren Haftpflichtversicherungen, Castingshows und Bürointrigen bloß ein neuerlicher Anlauf ist zu künftigen Großtaten der Menschheit.

Wer die Furcht vor der Langeweile überwunden und das Nichtstun kultiviert hat, kann sich im Wortsinne selbst begeistern. Und damit andere ebenfalls. Erst dann spürt er die Fülle des Lebens, für die es keine Worte gibt, die unbändige Kraft der Natur, die allenthalben die Welt erblühen lässt. Und die mich an einen Zaubersatz des englischen Schriftstellers Gilbert Keith Chesterton erinnert: „Den gesamten Kosmos durchzieht eine gespannte und heimliche Feststimmung.“