Autorennen aus dem Computer

„Speed Racer“ zeigt eine hervorragende Kombination von computergenerierten Bildern mit real verfilmten Szenen

Mit ihrem Regiedebüt „Matrix“ (1999) feierten die Brüder Andy und Larry Wachowski einen überwältigenden Erfolg: Der Film etablierte nicht bloß eine ganz neue Kino-Ästhetik; „Matrix“ kleidete darüber hinaus die uralte Frage nach der Realität dessen, was wir Wirklichkeit nennen, in ein modernes Gewand.

Umso enttäuschter reagierte die Filmwelt auf die Fortsetzungen, die vier Jahre später in die Kinos kamen. Im Vergleich zum „Original“ nahmen sich die zwei weiteren „Matrix“-Filme redundant in der Aussage und ermüdend in der Inszenierung aus. Seitdem haben die Wachowski-Brüder zwar andere Filme produziert und Drehbücher geschrieben. Regie hatten sie in den letzten fünf Jahren aber nicht mehr geführt.

Für ihren Neubeginn haben sich Larry und Andy Wachowski eine Comicserie aus den späten sechziger Jahren ausgesucht, die ursprünglich aus Japan kommt, aber in den Vereinigten Staaten etliche Veränderungen erfuhr, und unter dem Namen „Speed Racer“ dort offenbar als „populärer Klassiker“ gilt.

Nach einem bunten Vorspann beginnt „Speed Racer“, als der gleichnamige Held (Nicholas Elia) etwa zehn Jahre alt ist. In der Schule kann er sich zum Verdruss seiner Mutter (Susan Sarandon) kaum konzentrieren, weil er dauernd an Autorennen denken muss. Kein Wunder, denn sein Bruder Rex Racer (Scott Porter) ist nicht nur der Star im Rennstall von Vater Pops Racer (John Goodman) „Racer Motors“, sondern wohl der größte Rennfahrer seiner Zeit. Eines Tages aber verlässt Rex den Familienbetrieb, um für einen größeren Rennstall zu fahren. Kurz darauf verunglückt Rex bei einem Autorennen tödlich.

Als Jahre später Speed (nun von Emile Hirsch dargestellt) selbst Autorennen zu fahren anfängt, entwickelt für ihn sein Vater den Boliden „Mach 5“. Bald fährt er allen Konkurrenten davon, so dass einer der Großen im Renngeschäft auf ihn aufmerksam wird: Royalton (Roger Allam), der cholerische Firmenchef von Royalton Industries macht ihm ein überaus verlockendes Angebot.

Als Speed jedoch der Verlockung widersteht, hat er sich nicht nur einen mächtigen Feind gemacht. Darüber hinaus entdeckt der junge Rennfahrer die dunkle Seite des Rennsports: Bei den Autorennen geht es den Mächtigen vor allem um Profitmaximierung. Dafür sind sie bereit, Rennfahrer zu kaufen, zu erpressen oder einzuschüchtern. Auch ihm droht Royalton: Sollte Speed nicht zu ihm wechseln, wird der junge Fahrer kein Rennen mehr gewinnen.

Um gegen dieses Korruptionsnetz anzukämpfen, zählt Speed allerdings nicht nur auf die ganze Familie und seine Freundin Trixie (Christina Ricci), sondern auch auf die Hilfe seines einstigen Rivalen, des zwielichtigen Racer X (Matthew Fox), und auf die Unterstützung durch Inspector Detector (Benno Fürmann) von der Rennaufsicht „CIB“.

In „Matrix“ hatten die Wachowski-Brüder einen Spezialeffekt namens „Bullet Time“ etabliert, der aus in Zeitlupe dahingleitenden Kugeln und einer eigenwilligen Kombination von superschnellem Schnitt und Zeitdehnung bestand. Dadurch besaßen sie eine wohlüberdachte Möglichkeit, den comichaften Kampf in „reale“ Bilder umzusetzen.

Diese Spezialeffekte, die ganz neue Sehgewohnheiten ins Kino brachten, wenden die Regisseure in „Speed Racer“ ebenfalls an. So fahren Autos nicht nur auf- und über-, sondern auch ineinander – ein weiterer Computertrick, den der Zuschauer aus „Matrix“ kennt. Die Wachowski-Brüder setzen diese Tricks allerdings wohldosiert ein, sodass sich der Verdacht der Selbstbezüglichkeit oder gar -verliebtheit letztlich nicht einstellt.

Weniger spektakulär, aber genauso folgerichtig fällt der meisterhafte Umgang mit den comic-artigen Bewegungen und der ebenfalls der comic-eigenen Ästhetik verpflichteten Aufeinanderfolge von Großaufnahmen aus. „Speed Racer“ wird zur Referenz in der Umsetzung eines Comics für die Leinwand. Insbesondere überzeugt die Kombination von computergenerierten Bildern mit real verfilmten Szenen.

Die ebenfalls genretypische Figurenüberzeichnung betrifft nicht nur die besonders hässlichen Bösen, wobei hier der deutsche Waldemar Kobus heraussticht, sondern auch etwa Speeds nervigen kleinen Bruder Sprite (Paulie Litt) und seinen Affen, der an den legendären Schimpansen Cheeta erinnert.

„Speed Racer“ spielt ebenfalls genreüblich auf der Klaviatur der Anspielungen auf bekannte Persönlichkeiten (Bill Gates) oder etwa auch auf die Literatur- und Filmgeschichte: „Casa-Cristo“ etwa heißt die große Rallye, bei der es zur finalen Entscheidung kommt.

Die Tiefe von „Matrix“, die als philosophisches Kino angesehen wurde, erreicht zwar „Speed Racer“ nicht. Aber über die vom Film propagierten Familienwerte hin-aus nehmen die Regisseure durchaus auch kritisch Stellung zur Macht der Großkonzerne, zur Manipulation der Medien und zur Profitgier im (Renn-)Sport.