Aus eisiger Nacht ins helle Licht

Das Stadtmuseum Halle zeigt Eberhard Zwickers meisterhafte Fotos des Apostelzyklus aus dem Dom zu Halle. Von Werner Häussner

Jakobus der Jüngere in der Fotoausstellung über den Apostelzyklus in Halle „Gesichter der Renaissance“. Foto: Eberhard Zwicker (Kunstschätzeverlag)
Jakobus der Jüngere in der Fotoausstellung über den Apostelzyklus in Halle „Gesichter der Renaissance“. Foto: Eberhard Zwicker (Kunstschätzeverlag)

Diese Gesichter haben es in sich: fein geschnittene Lippen, ausdrucksvolle Augenpartien, sorgsam modellierte Wangen. Eine zerfurchte Stirn, eine kräftige Nase. Oder die weichen Züge eines jugendlichen Antlitzes in spannungsvollem Kontrast zu der fast schon resignierten Haltung eines alten Mannes. Gebildet hat diese Gesichter wohl der Mainzer Bildhauer Peter Schroh, ein Meister der späten, in die Renaissance führenden Gotik. Aufgenommen hat sie ein Meister aus Halle, der nach dem Krieg in Unterfranken eine Karriere als Fotograf gemacht hat: Eberhard Zwicker. Ausgestellt sind die künstlerisch bedeutsamen Schwarzweiß-Fotografien jetzt erstmals im Stadtmuseum Halle.

„Gesichter der Renaissance“ heißt die Fotoschau, die bis 19. Januar 2014 den Apostelzyklus im Dom zu Halle dem Betrachter nahe bringt. Die Skulpturen, am Originalstandort in luftiger Höhe sonst nur mit Mühe und schon gar nicht im Detail zu betrachten, rücken in den meisterlich beleuchteten Aufsichten des Würzburger Fotografen dem Betrachter im Detail vor Augen: die sorgsam ausgearbeiteten Bärte der Jünger, der fast schon psychologische Blick auf das Mienenspiel. Und die frappierende Individualität, die in ihrer Dramatik mit den Bildwerken von Schrohs Zeitgenossen Tilman Riemenschneider gleichzieht. Unter all den spätgotischen deutschen Skulpturkünstlern – von Hans Multscher aus Ulm über Heinrich Brabender in Münster bis zu Veit Stoß und Schrohs Lehrer Hans Backoffen in Nürnberg – kann sich der Mainzer anstandslos behaupten. Um 1520 holte ihn der kunstsinnige Kardinal Albrecht von Brandenburg nach Halle.

Zwicker schafft es, die knorrigen Gesichter der Apostel durch Licht und Perspektive lebendig und ausdrucksstark in Szene zu setzen. Der 1915 in Halle geborene Fotograf floh 1948 aus der damaligen „Ostzone“ und baute sich in Gerchsheim bei Würzburg eine neue Existenz auf. Seine qualitätvollen, sensiblen Kunstfotos zierten in den folgenden Jahrzehnten viele Bildbände, Fotobücher, Reiseführer, oder waren als Postkarten zu erwerben.

1999 starb Eberhard Zwicker, ohne dass die Fotos aus dem Dom zu Halle wieder aus dem Archiv heraus ins Licht der Öffentlichkeit gefunden hätten. Es war der Tochter des Fotografen, Dorothea Zwicker-Berberich vorbehalten, den Schatz wieder an den Ort zu bringen, wo die Bilder vor gut 65 Jahren, in kalten Winternächten 1947 entstanden. Die damalige Ausrüstung, eine Holzkamera von 1898 mit einem Steinheil-Messingobjektiv, ist in der Schau im Stadtmuseum Halle zu sehen.

Mit dieser altertümlichen Plattenkamera schuf Eberhard Zwicker, unterstützt von seiner jungen Frau Katharina, die Fotos in den eisigen Januarnächten des Nachkriegsjahres 1947. Nicht, weil er einen Auftrag an Land gezogen hätte. Sondern aus purer Begeisterung, wie die 92-jährige Witwe des Fotografen festgehalten hat. Nur wer sich in die Not des bitteren Winters 1946/47 zurückversetzen kann, wird ermessen können, was das hieß: Wie organisiert man ein Gerüst, um an die Skulpturen heranzukommen? Woher kommt der Strom für die einzige verfügbare Jupiterlampe?

In Nächten, in denen die Temperaturen bis zu minus dreißig Grad erreichten, arbeitete das Ehepaar Zwicker nach Mitternacht stundenlang im eisigen Dom: Rauf aufs Gerüst, Kamera ausrichten, Platten einlegen. In völliger Dunkelheit wieder neun Meter nach unten klettern, warten, bis die Schwingungen abgeklungen waren. Lampe an, belichten.

Rührend sind die Schilderungen von Katharina Zwicker zu lesen: „Wenn wir nach zwei bis drei Stunden Nachtarbeit mit sechs bis zehn belichteten Glasplatten – oder nur zwei bis drei Stück – heimgingen, weil die Stadtwerke den Strom abgestellt hatten, dann mussten wir heimlaufen, zitternd, trippelnd, frierend, eifrig die Hände reibend, damit sie uns nicht erfroren.“ Zu Hause bei einer Verwandten erwartete sie ein kaltes Haus, aber wenigstens ein gewärmtes Bett.

Den rund 150 Fotos – 35 davon sind im Format 70 mal 100 Zentimeter in der Ausstellung zu sehen – sieht man diese Mühe nicht an. Sie sind perfekt ins Licht gerückt, das die markanten Gesichtszüge verlebendigt: Das geneigte, erschöpft wirkende Gesicht Jakobus der Jüngeren, der kraftvolle Charakterkopf Simons mit seinem wie Flammen um Kinn und Backen züngelnden Barthaaren, die Nachdenklichkeit im Blick des Apostels Matthias, der energische Blick Jakobus des Älteren, die vergeistigte Aura um Paulus mit dem Buch in der Hand, die sinnende Versenkung des jugendlichen Johannes.

„Die Figuren beeindruckten durch die hohe Individualität der Gestalten und die große Emotionalität“, so das Urteil des Kunsthistorikers Tilman Kossatz, Konservator am Martin von Wagner Museum der Universität Würzburg. Er ist auch der Herausgeber eines Bildbandes mit den Zwicker’schen Fotografien, der 2014 erscheint und in der Ausstellung für 69 Euro vorzubestellen ist. Eine Postkartenserie ist bereits im Stadtmuseum Halle erhältlich.

Stadtmuseum Halle, Telefon: 03 45– 2 21 30 30, www.halle.de