Warschau

Angst vor Fahnen?

Berlin, Paris, Warschau: Was aktuelle Feiern und Demonstrationen enthüllen.

30. Jahrestag Mauerfall - Feier am Brandenburger Tor
30 Jahre Mauerfall: In Berlin feierte man ohne Nationalsymbole. Foto: dpa

Als deutschsprachiger Belgier habe ich ein gespaltenes Verhältnis zu jeder Art Nationalismus. Dachte ich bisher. Die DG, wie die 70 000 Einwohner zählende „Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens“ liebevoll genannt wird, ist viel zu klein, um eine über Dorfromantik hinausgehende Identität aufzubauen, Belgien ist … – nun ja, was ist Belgien überhaupt außer einem Fragezeichen? –, und die EU ist ohnehin seit einigen Jahren dabei, sich in so vollendeter Weise von ihrer eigenen Identität zu distanzieren, dass sie eines Tages als Totengräber des Abendlandes in die Geschichte eingehen könnte.

Umso erstaunlicher die Entwicklung meiner Gefühle, seit ich nach Warschau gezogen bin und regelmäßig zum Zeugen eines Patriotismus werde, der in Westeuropa längst ausgestorben scheint – wie in dieser Woche, als ich mit einem meiner Söhne am jährlichen Unabhängigkeitsmarsch vom 11. November teilnahm. „Nationalistisch“, „chauvinistisch“, „rechtsextrem“ – das sind die Worte, mit denen jene Feierlichkeit in den westlichen Qualitätsmedien belegt wird. Ich selbst habe nur eine große Familienfeier sehen können: Viele Eltern mit Kindern, Jugendliche, Ordensschwestern, einige Veteranen, Geistliche, hier und da tatsächlich auch ein paar bierschwingende Glatzen – ein Querschnitt durch die ganze Gesellschaft, friedlich vereint unter Fahne und Rosenkranzbanner nicht nur im Glück, endlich der Fremdbestimmung entronnen zu sein, sondern auch in der Liebe zu ihrer polnischen Kultur. Freilich, der Marsch wird seit Jahren von ultra-konservativen Organisationen ausgerichtet, ist aber mit einer Viertelmillion Teilnehmer längst zum Volksfest geworden, auf dem sich Politiker verschiedenster Couleur sehen lassen, was ein wenig an die chinesische Maxime „Drei Wege, ein Ziel“ erinnert. Denn patriotisch sind die Polen alle; nie käme hier jemand auf den Gedanken, die eigene Identität aufzugeben, nur weil sich der Gegner auch darauf beruft.

Die Europäer wissen, wie die Deutschen sind

Der Kontrast zu den Berliner Feierlichkeiten vom 9. November könnte größer nicht sein. Während Warschau in ein Meer aus Weiß und Rot getaucht wird, befand sich bezeichnenderweise bei der Feier zum 30. Jahrestag des Mauerfalls keine einzige deutsche Fahne, dafür aber bescheidenerweise gleich die Erdkugel. Nun wissen natürlich alle Europäer außer den Deutschen, dass letztere manchmal etwas eigenartig sind, wenn es um ihre Geschichte geht („don't mention the war“…) – aber das schlug in den Augen vieler Beobachter dem Fass doch den Boden aus (sofern dies nicht ohnehin schon durch die geradezu schockierend dumme Nicht-Erwähnung der USA als Akteur der Wiedervereinigung durch den deutschen Außenminister geschehen war). Die Botschaft der Feier sollte wohl versöhnlich-europäisch und gewohnt moralinhaltig sein. November 1918, 1938, 1989: Alles Übel habe irgendwie mit Grenzen und Hass zu tun; der Kampf gegen den Kommunismus sei auch irgendwie ein „Kampf gegen rechts“ gewesen; und gerade die deutsche Schuld verpflichte irgendwie zu einer besonderen Verantwortung nicht nur im In-, sondern auch im Ausland.

"Genau zwischen dem Tag der deutschen Einheit
und der polnischen Unabhängigkeitsfeier stellte sich
die größte Linkspartei des Landes mit einer Großdemonstration
offen in den Dienst des „Kampfes gegen die Islamophobie ... "

 

Mit Blick auf die konkrete Umsetzung dieser Ziele könnte man diese Haltung freilich psychologisch bösartigerweise als Überkompensation betrachten: Aus Angst vor Nationalismus werden Fahnenschwenker mit deutscher Gründlichkeit ausgegrenzt; an den Holocaust wird erinnert, indem man sich im Überlebenskampf Israels auf die muslimische Seite stellt; aus Furcht vor Rassismus werden jene Bürger, die die falsche Partei wählen, aus öffentlichen wie privaten Einrichtungen vertrieben; im Kampf um Toleranz ist der Terrorismus der einen Seite bloße Einzeltat, der der anderen aber immer ein Symptom, dem man sogar mit Denunziations-Hotlines begegnet; und im Namen der Wiedergutmachung deutscher Schuld wird den Nachbarstaaten schulmeisterlich erneut die eigene „Umvolkung“ abverlangt, um ein Unwort zu gebrauchen. All das könnte schon fast – sub specie aeternitatis – tragikomisch sein, wenn ein Blick noch weiter nach Westen, nach Paris, nicht den ganzen Ernst der Lage aufzeigen würde: Genau zwischen dem Tag der deutschen Einheit und der polnischen Unabhängigkeitsfeier stellte sich die größte Linkspartei des Landes mit einer Großdemonstration offen in den Dienst des „Kampfes gegen die Islamophobie“, von der angeblich die größte Gefahr gegen die vom Aufstand der Gelbwesten zerrissene Pariser Republik ausgehe. Hier ist das in Berlin beschworene Programm Wirklichkeit geworden: Aus der vorübergehenden Selbst-Entgrenzung ist die klare Parteinahme für die demographisch stärkste und kinderreichste Parallelgesellschaft jener Republik geworden, deren Laizismus auf der einen Seite das jüdisch-christliche Erbe systematisch untergräbt und den mittlerweile fast täglichen Anschlägen auf Kirchen und Friedhöfen ein blindes Auge zuwendet, auf der anderen Seite die Kinder der „diversité“ nach Kräften hofiert und in ihrer Aussicht bestärkt, bald auch offiziell zur staatstragenden Kraft zu werden.

Dann endlich dürfte wohl jene tragische Entwicklung abgeschlossen sein, welche den Stolz auf das Eigene durch den Selbsthass, und den Selbsthass durch die Idealisierung des Fremden zu ersetzen versucht – nur um am Ende in der Selbstabschaffung zu münden. Eigentlich bin ich ganz froh, in Warschau zu leben.

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