Würzburg

Angriff auf die Transzendenz

Was Nietzsches „Wille zur Macht“ mit den Synodalen Weg zu tun hat.

Notre-Dame nach dem Brand
So schrecklich die Verwüstung durch das Feuer für Notre Dame auch war, noch zerstörerischer wirkt in der Kirche der katholische Nihilismus. Foto: dpa

Der Katholizismus, so sieht es aus, ist seiner selbst müde geworden. In Deutschland, aber natürlich nicht nur dort, sind deutliche Auflösungserscheinungen zu beobachten: Hirten, Priester, Ordensfrauen und Laien wollen ganz neue Wege gehen. Und sie stützen sich dabei auf moderne Werte, zeitgemäße Wert-Setzungen. Doch was steckt wirklich dahinter? Ist es noch der Wille zur Metaphysik oder doch nur der bloße Wille zur Macht, zum Machterhalt, der sich ja irgendwie äußern will?

Das tut er zum Beispiel bei synodalen Veranstaltungen. Es wird bewertet und gewertet, was nicht heißen muss, dass das Beschlossene wertvoll sei. Wer nämlich die Transzendenz des Heiligen aufgibt zugunsten angeblicher Werte, macht sich zum Vollstrecker des Nihilismus. Das wusste schon Friedrich Nietzsche. Hellsichtig sah der Pfarrerssohn Ende des 19. Jahrhunderts, wie die Metaphysik ihren letzten Begriff erreicht, den des Wertes, und wie sie dann zusammenbricht. Man kann den Eindruck gewinnen, dass sich dieses Ereignis in diesen Tagen endgültig vollzieht. Nun auch auf dem katholischen Feld.

„Unausgesprochen wird Christus, der lediglich Männer zu Aposteln
bestimmte und die Ehelosigkeit pries, ein Wissens- und Weisheits-Defizit unterstellt”

Symptomatisch dafür ist die Flucht in das Allgemeine, die Menschlichkeit im römischen Kirchenraum. Denn: Wer die Auflösung des Zölibats, die Öffnung des Priestertums für Frauen und die Anerkennung aller sexuellen Verhaltensformen postuliert, stützt sich nicht mehr auf transzendente, absolute Werte, sondern lediglich auf „Gendergerechtigkeit“. Eine Idee, welche Metaphysik endgültig zur Weltanschauung degradiert, wenn nicht sogar zur Ideologie. Unausgesprochen wird Christus, der lediglich Männer zu Aposteln bestimmte und die Ehelosigkeit pries, damit ein Wissens- und Weisheits-Defizit unterstellt. Eine Organisation, die ihrem Religionsstifter und Gott in einem so wesentlichen Wert widerspricht, zieht sich selbst das Fundament weg. So wie es die protestantischen Gemeinschaften schon länger praktizieren.

Was das Agieren mit Werten in der Kirche so gefährlich macht, ist aber noch etwas anderes. „Der Gesichtspunkt des ,Werts‘ ist der Gesichtspunkt von Erhaltungs, Steigerungs-Bedingungen in Hinsicht auf komplexe Gebilde von relativer Dauer des Lebens innerhalb des Werdens“, schreibt Nietzsche. Sprich: Werte unterliegen selbst Bedingungen, sind also immer bedingte Werte eines machenschaftlich-berechnenden Denkens, wie es dann in der Auslegung bei Heidegger heißt. Der Wert ist also, O-Ton Nietzsche, „das höchste Quantum Macht, das der Mensch sich einzuleiben vermag – der Mensch: nicht die Menschheit! Die Menschheit ist viel eher noch ein Mittel, ein Ziel. Es handelt sich um den Typus: die Menschheit ist bloß das Versuchsmaterial, der ungeheure Überschuss des Missratenen: ein Trümmerfeld.“

Das religiöse Trümmerfeld eines falsch verstandenen Katholizismus kann man nun besichtigen. Nichts Menschliches deutet darauf hin, dass dieses Trümmerfeld in den nächsten Jahren kleiner werden wird. Im Gegenteil: Ist es nach dem subjektiv-anthropologischen turn der Theologie der 50er, 60er und 70er Jahre nicht stetig gewachsen?

Die Frage nach der Schöpfung verändert sich

Doch woher kommt die Bewegung des Willens zur Macht und seine Wertsetzung eigentlich? Der Wille zur Macht ist für Nietzsche nichts Psychologisches, auch nichts Romantisches, das sich mit Bösartigem trifft. In „Also sprach Zarathustra“ heißt es in „Von der Selbst-Überwindung”: „Wo ich Lebendiges fand, da fand ich Willen zur Macht; und noch im Willen des Dienenden fand ich noch den Willen, Herr zu sein“ – nicht Herr über den Herrn, aber über den Gegenstand, den er beherrscht und sich dadurch vom Herrn unentbehrlich macht. Wollen ist Herrsein-Wollen über das Seiende, das damit Gegenstand von „Machenschaften“ ist, wie Heidegger später sagen wird.

Die kirchliche Hierarchie mit ihrer klaren Machtordnung kam diesem menschlichen Wollen entgegen, auch wenn die Hierarchie im Lichte des Übernatürlichen immer „auf dem Kopf“ stand. Getreu des Jesus-Wortes: „Der Größte unter euch soll euer Diener sein. (Matthäus 23, 11) Wenn man das Transzendente, das Heilige aber abwertet, ist für eine solche Haltung des Dienens kein Grund mehr. Der Altar gehört allen. Jede und jeder nimmt die Stelle des Höchsten ein. Eine relativistische Hybris, die auf dem Credo der Postmoderne fußt, das Nietzsche ebenfalls voraussah (und nicht schuf, wie ihm oft unterstellt wird): „Gott ist tot.“

„Dass wir nicht unsere ,Wünschbarkeiten‘
zu Richtern über das Sein machen!“
Friedrich Nietzsche

Es ist geradezu unheimlich, wie präzise Nietzsche die degenerierte Metaphysik der Gegenwart als „System von Wertschätzungen“ und „Wünschbarkeiten“ beschrieben und kritisiert hat. „Dass wir nicht unsere ,Wünschbarkeiten‘ zu Richtern über das Sein machen!“, warnte er. Nun, bei Maria 2.0 und ähnlichen Initiativen sind diese fromm garnierten Wünschbarkeiten zu besichtigen. Oder ist das zu pessimistisch gedacht? Handelt es sich nicht um Symptome eines katholischen Nihilismus?

Heidegger deutet Nietzsches Auffassung der Metaphysik, die durch das Christentum ihre besondere Prägung bekommen hat, so: „Wenn der kirchlich-christliche Glaube ermattet und seine weltliche Herrschaft einbüßt, verschwindet nicht schon die Herrschaft dieses Gottes. Vielmehr verkleidet sich seine Gestalt, sein Anspruch verhärtet sich in der Unkenntlichkeit. An die Stelle der Autorität Gottes und der Kirche tritt die Autorität des Gewissens, die Herrschaft der Vernunft, der Gott des geschichtlichen Fortschritts, der soziale Instinkt.“

In diesem Zustand der Verweltlichung benutzt der Geist die Sprachen der Maske, um von seinem Wesen abzulenken. Heidegger hat es im Sinne Nietzsches auf den Punkt gebracht: „Ob dieser ,Geist‘ nun biologisch oder spirituell, ob ,seelisch‘ oder ,stofflich‘ gefasst wird, ob hier ,Materialismus‘ vorliegt, oder ob er widerlegt und abgelegt wird, ist das Belangloseste des Belanglosen innerhalb der unbedingten Loslassung der Macht in ihr Wesen: die reine Machenschaft.“

Natürlich darf man im Raum der „Machenschaft“ nicht Fairness erwarten. Nur eines: Erkenntlichkeit. Diese totale neue Wertsetzung mit der Aufhebung alles bisher Gültigen und lieb Gewonnenen ist für Nietzsche der Nihilismus. Gerade durch die Wertsetzung des Willens zur Macht wird alles Seiende wertlos. Nietzsche erkannte den „extremen Nihilismus“, der keine „ewigen Wahrheiten an sich“ gelten lassen will – er hätte wohl kaum erwarten können, dass diese Auffassung sogar in der Kirche selber geäußert wird. Erst in der Umwertung aller Werte werden Werte überhaupt als Werte gedacht. Platons Ideen waren keine Werte, auch das Mittelalter kannte sie nicht. Umwertung heißt daher bei Nietzsche, dass an die Stelle des alten Metaphysischen etwas Neues gesetzt wird.

Der Überkatholik setzt sich eigene Regeln und Gebote

Die Entwertung des höchsten Metaphysischen ist für Nietzsche – das gilt es zu betonen – das Werk des Menschen. In der „Fröhlichen Wissenschaft“ ist es klar ausgesprochen: „Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. ,Wohin ist Gott?‘ rief er, ,ich will es Euch sagen! Wir haben ihn getötet – ihr und ich! Wir Alle sind seine Mörder!‘“

Doch wie sieht Nietzsche weiter diese Tat? Was bleibt dem Menschen noch zu tun? „Mit welchem Wasser können wir uns reinigen? Welche Sühnefeiern, welche heiligen Speisen werden wir erfinden müssen?“ Und dann die entscheidende Frage: „Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns?“ Der tolle Mensch gibt die Antwort: „Es gab nie eine größere Tat – und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte als alle Geschichte bisher war.“ Und man erzählte noch, heißt es weiter, dass der tolle Mensch in verschiedene Kirchen eingedrungen sei und das Requiem aeternam deo angestimmt habe.

Der tolle Mensch ist der Übermensch, selbst ein Produkt des Willens zur Macht. Auf die heutige Situation übersetzt: der Überkatholik, der sich eigene Gebote und Regeln setzt. Toll ist der Übermensch, weil er aus der bisherigen metaphysischen Stellung des Menschen herausgerückt ist, verrückt ist. Er nimmt aber nicht die Stellung Gottes ein, das kann er nicht, bleibt er doch ganz Mensch. Wie seine Wertsetzung neue Werte setzt, so lässt er den metaphysischen Ort Gottes leer und nimmt eine neue Stelle ein; das heißt, er fragt nicht mehr nach der Welt als Geschaffener, sondern sieht andere Gründe des Seienden. Das können der Welt immanente Gründe sein, oder eine neue Subjektivität, wie sie sich in der Philosophie der Neuzeit angekündigt hat.

Auf keinen Fall gehört der tolle Mensch in der beschriebene Szene zu den einfach herumstehenden Ungläubigen, die Gott nicht mehr suchen, weil sie ihn nicht mehr denken können und das Denken durch das Geschwätz ersetzt haben. Der tolle Mensch ist gespalten. Er ist Vollstrecker und verzweifelt Suchender. Warum sollte er sonst ein Requiem anstimmen? Doch: Kann er zu Gott, den er getötet hat, zurückfinden? In der Konzeption Nietzsches kaum, denn er ist eben selbst Teil des Seins-Verständnisses als Wille zur Macht, den er als Wertsetzung auffasst.

Nach Heidegger hätte Nietzsche das Sein aus dem Sein selbst erfragen müssen. So bleibt dem Menschen nur, die dunkle Zeit betend durchzustehen in der Hoffnung auf das Licht, das auch der toll gewordene Mensch nicht auslöschen kann.

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