An Glaube und Familie festhalten

Mehr als drei Millionen Menschen haben das Adenauerhaus Rhöndorf seit 1967 besichtigt. Von Ansgar Lange

Konrad Adenauer
Bleibendes Vorbild: Der frühere Kanzler Konrad Adenauer. Foto: dpa
Konrad Adenauer
Bleibendes Vorbild: Der frühere Kanzler Konrad Adenauer. Foto: dpa

Der Wettstreit um den Parteivorsitz hat der CDU neues Leben eingehaucht. Endlich gab es wieder Überraschungsmomente, endlich wurden wieder Emotionen geweckt, so die Gefühlslage vieler Mitglieder und interessierter Bürger. Da manche Kritiker von der CDU spöttisch als „Kanzlerwahlverein“ sprechen – hier mag auch eine Prise Neid durchschimmern – stellt sich nun automatisch die Frage: Kann AKK auch Kanzlerin?

Denn es ist zu einer Art Naturgesetz geworden, dass die Parteivorsitzenden der Union zugleich auch nach der Kanzlerschaft greifen. In diesem Fall muss das aber nicht so sein. Ohne Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz oder Jens Spahn zu nahe zu treten, wird man konstatieren müssen: An das Format des bundesrepublikanischen „Gründungskanzlers“ Konrad Adenauer reichen sie alle (noch) nicht her-an. Ein sehr schöner Bildband bietet nun die Gelegenheit, sich noch einmal lesend in Leben und Werk sowie die Gedankenwelt des Kanzlers aus Rhöndorf zu vertiefen.

Noch ein Buch über Adenauer? Manche werden sagen, das Leben des ersten Bundeskanzlers sei auserzählt. Doch der vorliegende Band ist ein ganz besonderes Buch. Der Bonner Historiker Jürgen Peter Schmied, Autor der Standardbiographie über den Publizisten Sebastian Haffner und Mitarbeiter der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus, wirft in leicht verständlicher Sprache einen Blick auch auf das private Leben des ersten Bundeskanzlers.

Schmied hat die Dauerausstellung „Konrad Adenauer 1876–1967. Rheinländer, Deutscher, Europäer“ kuratiert. Auf rund 190 Seiten schildern Schmied und die Geschäftsführerin der Stiftung, Corinna Franz, die wichtigsten politischen Stationen im Leben Adenauers: Er beginnt mit seiner Jugend im Kaiserreich und endet mit Adenauers Arbeit an seinen Lebenserinnerungen im stilvollen Pavillon im Garten seines Hauses in Rhöndorf. Mehr als drei Millionen Menschen aus aller Welt haben das Adenauerhaus Rhöndorf seit 1967 besichtigt. Zwei weitere Kapitel beschreiben das Wohnhaus und den Garten sowie die Arbeit der Stiftung.

Der Text lässt sich mühelos an einem Leseabend konsumieren. Sehr schöne Bildaufnahmen aus Adenauers privatem und beruflichem Leben machen den Band auch zu einem wahren Augenschmaus, der zu längerem Verweilen einlädt.

Selbst diejenigen, die vielleicht die monumentale doppelbändige Biographie aus der Feder des verstorbenen Zeithistorikers Hans-Peter Schwarz studiert haben, werden Neues entdecken. Und all jene, die keinen wissenschaftlichen Blick auf den Mann werfen möchten, der den moralischen Wiederaufstieg und die wirtschaftliche Genesung Westdeutschlands nach 1945 erst wieder möglich gemacht hat, werden sich erfreuen am privaten Adenauer: dem Gartenfreund und Bocciaspieler, dem rheinischen Familienpatriarchen und katholischen Christen, dem Krimileser mit einer Vorliebe für Agatha Christie und Edgar Wallace.

Familie und Religion nahmen einen besonderen Stellenwert im Leben des früheren Kölner Oberbürgermeisters ein. „Jeden Sonntag besuchte der Kanzler, sofern er in Rhöndorf weilte, den Gottesdienst in der Pfarrkirche St. Mariä Heimsuchung. Noch heute erinnert in dem Gotteshaus eine Plakette an den Sitzplatz des berühmten Gemeindemitglieds“, schreibt Schmied. Auch auf Reisen sei der gläubige Katholik seiner Sonntagspflicht nachgekommen.

Wie sehr ihm die Feier der heiligen Messe trotz aller anstrengenden Amtsgeschäfte am Herzen lag, zeigt ein Brief, der in dem Band abgebildet ist. Am 17. Juli 1960 kritisierte Adenauer den Geistlichen „scharf wegen dessen Predigt und der nachlässigen Form des Gottesdienstes am Vormittag“.

Wer nach der Lektüre und dem Augenschmaus der viele historischen Abbildungen auf den Geschmack gekommen ist, sollte einmal nach Rhöndorf nahe Bonn fahren und das Haus aufsuchen, in dem Adenauer die letzten 30 Jahre seines langen Lebens verbracht hat. Es ist nahezu unverändert erhalten.

– Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus (Hg.): Konrad Adenauer. Der Kanzler aus Rhöndorf. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2018, 192 Seiten, ISBN 978-3-8062-

3788-7, 19,95 Euro an der Museumskasse. Im Buchhandel kann das Buch für 25,95 Euro bestellt werden.

Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus, Bad Honnef-Rhöndorf. Ausstellung: Di.–So 10 bis 16.30 Uhr.

– Führungen durch Wohnhaus und Garten für Einzelbesucher von 10 bis 16 Uhr zu jeder vollen Stunde.

www.adenauerhaus.de