Altes von Günter Grass

Es gibt Neues von Günter Grass. Er wird sich für die SPD im Wahlkampf engagieren, weil er eine schwarz-gelbe Koalition verhindern will, sagte der deutsche Literatur-Nobelpreisträger der „Frankfurter Rundschau“ und der „Berliner Zeitung“. Er gibt dort zwischen den Zeilen auch den Politikverdrossenheitsversteher und spricht die Bürger, die zunehmend nicht mehr an die Wahlurne gehen, von jeglicher eigener Verantwortung für die Verdrossenheit frei – schließlich könnten es die derzeit Regierenden nicht, also Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihr Kabinett, und sowieso hätten nur die „Lobbyisten“ das Sagen, und das spürten die Bürger. Zuletzt kündigte Grass noch an, dass er für sich in den kommenden Jahren auch einen assistierten Selbstmord nicht ausschließt. „Ich bin sehr schmerzempfindlich. Wenn ich die Diagnose bekäme, dass ich unheilbar krank bin, und wenn das mit körperlichen Schmerzen verbunden wäre, würde ich einen Weg suchen, das Leiden abzukürzen.“ Das habe er mit seiner Frau schon besprochen, so der 81-Jährige.

Ist es Altersstarrsinn, dass Günter Grass trotzig sich in einem imaginären sozialdemokratischen Paradies der Ära Willy Brandt der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts verbarrikadiert, wo alle diese Meinungen, die der Schriftsteller hier äußert, allgemein geteiltes fortschrittliches Glaubensgut gewesen waren? Ist es Überheblichkeit, mit einem Federstrich die Leistung der heutigen Politiker auszuradieren? Ist es Lust an der Provokation als unreflektiertes Ritual, also Rechthaberei, wenn der deutsche Großdenker meint, jetzt in alten gesunden Tagen großspurig seine Selbstbestimmung verkünden zu müssen, die er in drohenden siechen Tagen als Selbstmord wahrzunehmen gedenkt, wo doch gesellschaftlich ein Umdenken einsetzt – eine Ankündigung, kurze Zeit nachdem die Angehörigen des demenzkranken Walter Jens öffentlich dargelegt haben, warum ein anderer der großen Intellektuellen der Bundesrepublik leben will und soll, obwohl dieser sich früher hätte nicht vorstellen können, unter solchen Bedingungen leben zu wollen und auch schon eine dementsprechende Verfügung abgefasst hatte?

Ja, das alles ist es. Es ist Altersstarrsinn, Trotz, Rechthaberei und Überheblichkeit, die Günter Grass hier demonstriert, und insofern nichts Neues, sondern Altes, das er immer schon gelebt hat. Er ist ein Beispiel dafür, dass Intellektuelle nicht davor gefeit sind, ideologisch zu vergreisen und mahnendes Beispiel dafür, wie die Rolle des Intellektuellen in Deutschland heute – zwanzig Jahre nach dem Mauerfall, sechzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges – nicht mehr aussehen kann. Keine Spur von Neugier auf anderes als das immer schon gleich Gedachte ist bei Günter Grass zu erkennen – genau diese Neugier muss heute aber wieder das Erste sein, das Künstler wie einen Schriftsteller Günter Grass umtreiben sollte auf der Suche nach neuen, anderen Formen, um die allfälligen Krisenerscheinungen zur Sprache zu bringen. Sie müssen quer zu den Ideologien denken können, dürfen in keinem Lager endgültig zu Hause sein, müssen sich selbst ständig in Frage stellen, und sollten politisch und gesellschaftlich wirken, indem sie ihre Kunst, und eben nicht Politik oder Wahlwerbung oder Soziologie betreiben. Letzteres ist ein längst überholter Kunstbegriff – der „engagierte“ Künstler ist kein Parteikünstler, sondern ein Künstler, der unabhängig, frei und von außen der Gesellschaft den Spiegel vorhält.

Günter Grass scheint diese Kraft nicht mehr aufbringen zu wollen. Er wird reaktionär. Andere, jüngere Schriftsteller tun das. Sie sind progressiv. Juli Zeh etwa mit ihrem neuen Buch „Corpus delicti“ oder Daniel Kehlmann mit „ruhm“. Sie denken die Sterblichkeit und Endlichkeit des Menschen unter sich ändernden Bedingungen neu. Sie sind die Zukunft.