Potsdam

Als die DDR sich auflöste

Der Fall der Berliner Mauer führte die Ostdeutschen in eine Zeit des Nicht-mehr und Noch-nicht. Eine persönliche Erinnerung.

30 Jahre Mauerfall am 9. November 1989
Menschen auf der Berliner Mauer vor dem Brandenburger Tor in der Nacht vom 9. auf den 10.11.1989 Foto: Peter Kneffel (dpa)

Ein unscheinbares, beiläufig hingeworfenes Wort löste die Explosion aus. Es hieß „sofort“ und war die Antwort auf die Frage eines Journalisten, ab wann die neue freizügige Reiseregelung gelten sollte. Der das Wort aussprach, wusste nicht, was er sagte. Er war nur das Medium. Sechs Buchstaben rasten an diesem späten Novemberabend 1989 durch den Äther – in Wohnzimmer, Redaktionen, Betriebe. Sie luden sich auf zu einem rotierenden riesigen Feuerball, der kurz vor Mitternacht barst und das ganze Land in gleißendes Licht tauchte.

Von diesem Augenblick an war nichts mehr, wie es gewesen war. Von einer ungeheuren Wucht ergriffen, wirbelten die Menschen durch unbekannte Räume, geblendet und benommen, mit vor Staunen weit aufgerissenen Augen und Mündern, schreiend, weinend, stammelnd.

Auch wer in dieser Nacht schlief, spürte das Beben in seinen Träumen, das Kind wie der Greis, und wurde beim Erwachen in den Sog des Lichtsturms hineingerissen. Es gab kein Vorher und kein Nachher, nur das sich ins Ewige weitende Jetzt. Nicht der klügste, kühlste Kopf hätte Worte für das gefunden, was jedem Einzelnen widerfuhr und gleich ihm Millionen. Alle herkömmlichen Begriffe versagten, Argumente verstummten. Die Welt von gestern versank in ein Schwarzes Loch.

Das Licht der Explosion erhellte ein wüstes Land

Wie lange dieser zeitlose Zustand nach irdischer Zeit andauerte, erlebte wohl jeder anders. Die einen schlugen bald auf dem harten Boden der Gegenwart auf, andere schwebten noch eine Weile, ehe sie abstürzten oder sanft landeten. Aber alle irrten durch ihnen unbekanntes Terrain. Dichter Nebel lag über Wasser und Land. Keiner wusste, was die Zukunft bringen würde, und viele wussten nicht einmal recht, was sie wollen sollten.

Das Land löste sich auf. Institutionen verschwanden, neue rätselhafte Firmenschilder klammerten sich an den bröckelnden Putz der Häuser. Menschen kamen, Menschen gingen auf Nimmerwiedersehen. Potsdam schien Stunde um Stunde mehr zu zerfallen. Einstige Luxusgüter wurden für Spottpreise verschleudert, mit ihnen konkurrierten Billigwaren, vor allem Autos, aus dem Westen. Die Leute kauften, was das Zeug hielt. Ihre Ersparnisse drohten sich durch die angekündigte Einführung der Deutschen Mark im Juli ohnehin auf die Hälfte zu verringern. Ost-Mark, West-Mark, ein Gewirr wie auf einem orientalischen Basar. Die Stadt war ein einziger Ramschladen. Gerüchte, Zukunftsängste, Enthüllungsgeschichten jagten durch die Straßen, sprangen die Menschen an, verunsicherten sie.

Die Stadt schien noch grauer und zerstörter als vor dem Mauerfall

Ich ging durch eine Stadt, in der ich seit vierundzwanzig Jahren lebte, und sah sie mit anderen Augen. Sie schien noch grauer und zerstörter als vor dem Mauerfall. Die Spuren der Einschüsse in den Mauerwänden aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs, die schadhaften Straßen, die desolaten Dächer … Im Vorübergehen hörte ich westliche Besucher, die endlich ungehindert die noch bestehende Grenze passieren durften, laut Erstaunen oder Missfallen über die allgemeine Verwahrlosung äußern.

Die Leute hatten ja recht, aber ihre Worte schmerzten mich, als sei ich schuld am Aussehen dieser geschundenen Stadt. Die Kritiker konnten nicht wissen, wie viel Kraft und Nerven es gekostet hatte, einen Sack Zement oder ein paar Ziegel zu beschaffen; wie idealistische Hobby-Handwerker in ihrer Freizeit versucht hatten, den Verfall zu stoppen. Aus, vorbei, das Gestern zählte nicht mehr. Das Licht der Explosion erhellte ein wüstes Land.

Besucher liefen über die mit hohem Arbeitsaufwand und geringen finanziellen Mitteln gepflegten Wiesen der Parks, grillten vor den Schlössern, woran ein Einheimischer zu DDR-Zeiten nicht einmal zu denken gewagt hätte. Alte Parkwächter, die freundlich darauf hinwiesen, dass dies nicht gestattet sei, lachte man aus oder beschimpfte sie als Stasi-Leute.

Eine Mauer hinderte daran, die Welt zu bereisen

Man kam in dieser Zeit des Nicht mehr und Noch nicht auf den Straßen mit Wildfremden schnell ins Gespräch, redete aufeinander ein und aneinander vorbei. Auf dem Busbahnhof neben der katholischen Kirche begegnete ich einem Ehepaar aus Mannheim, beide Anfang Siebzig. Sie freuten sich, endlich Potsdam kennengelernt zu haben und entsetzten sich über den Verfall der Häuser und die „Armut“ der Menschen. Sie erzählten, sie seien 1945 aus dem Sudetenland vertrieben worden, mit nichts als ihrer Kleidung auf dem Leib: „Wir haben hart arbeiten müssen, Deutschland aus den Trümmern aufgebaut, und es hat eine Weile gedauert, bis wir uns etwas leisten konnten. Inzwischen besitzen wir ein Haus, aus den Kindern ist etwas geworden, und wir haben ein schönes Stück von der Welt gesehen. Die Leute hier müssen nun endlich auch richtig arbeiten, ehe sie sich etwas leisten können.“ An ihren Worten war nichts falsch und alles falsch.

„Meine Mutter“, erwiderte ich, „die etwa in Ihrem Alter ist, wurde mit mir als Kleinkind ebenfalls mit nichts als ihren Kleidern auf dem Leib aus dem Sudetenland vertrieben und landete in der Ostzone. Sie hat vierzig Jahre lang hart gearbeitet, auf den Feldern der Bauern, als Kellnerin, Buchhalterin und schließlich jahrzehntelang in Zwölf-Stunden-Schichten als Arbeiterin im Chemiewerk. Sie wohnt heute in einer Einzimmerwohnung einer Plattenbausiedlung, die Welt konnte sie nie bereisen, weil eine Mauer sie daran hinderte, aber sie hat alles dafür getan, dass aus mir ein anständiger Mensch wird. Was werfen Sie ihr vor?“ Ich war wütend und verletzt.

Besucher von fernher stellten sich ein. Alle wollten sie die ehemalige deutsch-deutsche Grenze zwischen Potsdam und Westberlin besichtigen. Marianne kam aus Rom, Rainer und Margret reisten aus Stockholm an, Bekannte aus Westdeutschland, Holland, Frankreich, England ... Rainer rief beim Anblick der noch stehenden Wachtürme der Grenzanlagen an der Glienicker Brücke: „Mein Gott, das sieht ja aus wie Bilder vom KZ!“

Ich erschrak und zuckte dann mit den Schultern. Was sollte ich sagen? Ich hatte die Grenzanlagen ja nie von westlicher Seite aus gesehen. Größer als mein Erschrecken war das Schuldgefühl, mit dem ich Rainers Beobachtung zur Kenntnis nahm. Hätte ich als Gefangene, als die ich mich aber nicht achtundzwanzig Jahre lang vierundzwanzig Stunden täglich gefühlt hatte, noch mehr aufbegehren sollen und können? Das freie Europa hatte sich mit diesen Wachtürmen, Mauern, Sprengfallen und Stacheldraht abgefunden, ohne sich schuldig zu fühlen. Warum fühlte ich mich schuldig und nicht die aus dem Westen nach Potsdam strömenden Touristen und Freunde?

„Mensch, eben waren wir noch am Arsch der Welt, und jetzt sind wir im Zentrum!“

Immer wieder kam der 11. November in den Sinn. Am Vorabend war die Glienicker Brücke nach Westberlin geöffnet worden. Auf der Berliner Straße schob sich ein unablässiger Strom von Fußgängern und Fahrzeugen in Richtung Brücke. Die Nebenstraßen waren von parkenden Autos verstopft. Zwei Jungen spielten zwischen den Autos Fangen, und einer schrie lustvoll und aus Leibeskräften: „Mensch, eben waren wir noch am Arsch der Welt, und jetzt sind wir im Zentrum!“

Die Autoschlange bewegte sich nur Zentimeter um Zentimeter über die Brücke, noch war eine Spur für die Alliierten gesperrt. Ein einsamer russischer Posten beobachtete mit weit aufgerissenen Augen das Geschehen. Die einst gefürchteten Vopos trugen Blumen in den Knopflöchern ihrer Uniformen und lächelten bei ihren vergeblichen Versuchen, die „Dokumente“ zu kontrollieren.

Von fröhlichen Menschen eingezwängt, wurden Lonny und ich über die Brücke geschoben. Wir sahen nicht den Boden unter den Füßen, nicht das Brückengeländer, nicht die Landschaft rechts und links von der Brücke. Wie hielt sie, die achtundzwanzig Jahre Sperrgebiet gewesen war, diesen Ansturm von Menschen und Fahrzeugen nur aus?

Hundert Westmark und einem Beutel voller Einkäufe

Als uns der Menschenstrom ans andere Ufer gespült hatte, schlugen wir den Uferweg am Jungfernsee ein. Wir hatten keine Lust, uns in einen der Busse nach Westberlin zu quetschen. Das von der Bundesregierung jedem DDR-Bürger versprochene Begrüßungsgeld lockte uns nicht, nicht an diesem Tage. Was sollten wir mit hundert Westmark und einem Beutel voller Einkäufe in einem Augenblick, da das Wort des Psalmisten Wirklichkeit wurde: „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, werden wir sein wie die Träumenden ...“ Auf dem Jungfernsee und der Havel zogen noch vereinzelt Segler und Kanuten ihre Bahn. Jenseits des Wassers grüßten die majestätische Ruine des Belvederes auf dem Pfingstberg, das sanft geschwungene Ufer des Neuen Gartens, die Sacrower Heilandskirche. Durch das gelbe Buchenlaub leuchtete ein klarblauer Himmel. Wir setzten uns auf eine Bank am Wasser, wortlos, wie schon den ganzen Weg zuvor.

Diese Mauer hätte nicht so lange bestehen können, wären die Deutschen in Ost und West ein freiheitsliebendes Volk gewesen, dachte ich damals und: Vielleicht ist der Fall der Mauer weniger unser Verdienst als eine Gnade der Geschichte, wenn es so etwas gibt; eine unerwartete, unverdiente Chance zur wirklichen Freiheit.

Als wir über die Brücke zurückgingen, spiegelte sich ein voller Mond im Wasser, über Potsdam loderte die Abendröte. Als stiege die Freude der Menschen zum Himmel und ergieße sich von dort über sie.

Aktuell ist von ihr das Buch „Im Zwielicht der Freiheit – Potsdam ist mehr als Sanssouci“ (fe-Medienverlag, Kisslegg 2019), dem dieser Text entnommen ist, erschienen.