Allgegenwart der Information – süßes Gift für die Erinnerung

Gehören „Youtube“ und „Wikipedia“ in den Schrank der pessimistischen Kulturkritik?

Wird die menschliche Erinnerungskraft gestärkt oder wird sie geschwächt, wenn der Gegenstand des Erinnerns nicht mehr greifbar ist? Wird sie gestärkt, dann müsste es in Zeiten der zunehmenden Abrufbarkeit ganzer Bereiche der Wirklichkeit in Internet-Datensammlungen wie „Youtube“ und „Wikipedia“ um die Erinnerungskraft schlecht bestellt sein. Denn sehr viel von dem, was vergangene Zeiten prägte, lässt sich im führenden Videoportal im Netz, „Youtube“, nun vergegenwärtigen.

Autistische Erzählrituale

Hier ist eine unübersehbar große Menge an Clips und Filmchen vereint, von denen keines länger als zehn Minuten dauert: Emma und Molly mit Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer auf hoher See, Michael Kehlmanns Verfilmungen der Romane von Joseph Roth, der Kli-Kla-Klawitter-Bus, Queens „Bohemian Rhapsody“, Sissi und ihre gravierenden Probleme mit der Schwiegermutter, das Habemus Papam anlässlich der Wahl Benedikts XVI. am 19. April 2005, der sanfte Elvis Presley, der den Klassiker „Are you lonesome tonight“ vor lauter Lachen nicht mehr ordnungsgemäß zu Ende bringen kann, Pelés Traumtore und Diego Maradonnas „Hand Gottes“, die Pirouetten der RTL-Pannenwetterfee Maxi Biewer, der unsicher-streng in die Kamera blinzelnde Thomas Mann bei privaten Filmaufnahmen während eines Ferienaufenthalts, die wüste T-34-Panzer-Abwehrschlacht aus Joseph Vilsmaiers Filmepos „Stalingrad“ und noch unendlich mehr, darunter viele Sequenzen aus dem Genre des Kultfilms.

Vor gut vier Jahren wurde „Youtube“ in Kalifornien gegründet, wo es bis heute seinen Sitz hat. Dann kaufte der Suchmaschinenbetreiber „Google“ vor knapp drei Jahren das erfolgreiche Angebot für 1,5 Milliarden Dollar. Im vergangenen Jahr hatte „Youtube“ einen Marktanteil von rund drei Vierteln aller Zugriffe auf US-stämmige Videoportale. Angesichts der Eröffnung immer weiterer solcher Portale mit Bewegtbildern zeigt sich, dass das Fernsehen immer weiter als Nahsehen ins Internet wandert. Wäre dadurch im deutschen Sprachraum etwas verloren? Die Wiederholungsdichte fiktionaler Sendungen und Serien auf den herkömmlichen Sendern ist hierzulande ohnehin recht groß. Lange ist es noch nicht her, dass das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ Bezug nahm auf Aussagen Walter von Rossums und das altehrwürdige Format der „Tagesschau“ als „autistisches Erzählritual“ verspottete. Tatsächlich sind die Nachrichten des Tages am aktuellsten in Nachrichtenportalen wie „spiegel.de“ oder „sueddeutsche.de“, „bild.de“ und faz.net“ abzurufen. Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten bemühen sich redlich, mit eigenen Internet-Auftritten mitzuhalten. Das früher unterschätzte Gefühl, zur bundesrepublikanischen Fernseh-Community zu gehören, hat sich mit der explosionsartigen Vermehrung der Sender stetig verflüchtigt. Die ursprüngliche Intention von „Youtube“, allen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich selbst zu senden („broadcast yourself“), hat an Interesse verloren, was wohl am Fehlen professioneller Voraussetzungen liegt. Dafür bietet sich nun die Chance, noch individualisierter fernzusehen als dies seit der Einführung der Privaten schon möglich ist, denn anhand der ständigen Verweise auf eine große Zahl inhaltsverwandter Clips kann der Nutzer auf „Youtube“ bequem sein eigenes Programm gestalten. Heute, da „zapping“ und „channel hopping“ als abgenutzte Kampfbegriffe aus den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts („Wir amüsieren uns zu Tode“, Neil Postman) erscheinen, ist die fortschreitende Verkürzung der zeitlichen Einheiten bei der Informationsvermittlung in allen Bereichen ein wenig bewusstes, aber unumstößliches Fakt. Insofern liegt „Youtube“ mit seiner Vorgabe der Zehn-Minuten-Grenze für die Länge der Darbietungen durchaus im Trend. Längere Aufnahmen werden einfach gesplittet. So erfährt das von Günter Gaus mit Golo Mann („Zur Person“) geführte gut einstündige Interview aus dem Jahr 1965, anlässlich Golos 100. Geburtstag vor einigen Monaten an einem Samstag um 6.45 Uhr im „ZDF-Dokukanal“ platziert, immerhin erstmals nach Jahrzehnten wieder eine realistische Öffentlichkeit – in mehrere Clips zerlegt in „Youtube“. Keine Notwendigkeit also, das Phänomen Internet ausschließlich in den (Gift-)Schrank kulturpessimistischer Kritik zu verräumen.

Oder etwa doch? Eine erheblich größere Disziplin im Umgang als das oft gefällige „Youtube“ erfordert die Online-Enzyklopädie „Wikipedia“, da hier die Aufnahme der Informationen auf verschiedenen Ebenen, durch unkontrollierte Neugier motiviert, in eine dauernde Zirkelbewegung geraten kann. Denn die Informationen sind weitgehend beliebig verlinkt und häufig nicht sinnreich hierarchisiert. Dass dies beim formal weniger gebildeten Nutzer zu einem Informations-Blackout führen kann, bei dem alle aufgenommenen Details wie in einem Brei verschwimmen, erinnert an Tichenors, Donohues und Oliens Theorie der Wissenskluft („knowledge gap“), wonach bildungsferne Bevölkerungssegmente jeweils unterproportional von neuen Medienangeboten profitieren.

Belege für Authentizität

Immerhin: Positiv an der weltweiten Enzyklopädie im Netz mag sein, dass die meisten Artikel, nur einen Klick entfernt, in zahlreichen anderen Sprachen abrufbar sind. Das fördert eine lebensnahe Mehrsprachigkeit und kann eine große Hilfe bei der Übertragung idiomatischer Wendungen sein, die gerade erst entstanden sind und sich hier schnell finden lassen. „Schnell“ („Wiki“ auf Hawaiianisch) soll die Information in „Wikipedia“ fließen, aber leider nicht gründlich, was vor allem im Zusammenhang mit wissenschaftlichen Arbeiten, die Studenten unter Zeitdruck zusammengooglen und -wikipedisieren, bedenklich ist. Wie süßes Gift wirkt „Wikipedia“ mitunter: Es ist eine wiederkehrende Erfahrung, dass Zeitdruck den besten Vorsatz – „ist ja nur zur ersten Information“ – wanken lässt. Nicht zuletzt Journalisten beziehen gerne ihre Erst-, aber auch vertiefende Informationen aus „Wikipedia“, während dort wiederum häufig Zitate aus Tages- und Wochenzeitungen als Beleg für die Authentizität der Informationen bürgen sollen. Mit der Geschwindigkeit und Demokratisierung der schnellen Information – schließlich soll jeder Interessierte Daten in „Wikipedia“ eingeben können – ist es aber rasch vorbei, wenn Interessen Betroffener, die hier aufgeführt werden, in Konflikt geraten: Nach einigem Hin und Her werden dann ganze Artikeleinträge gesperrt, was eine weitere Bearbeitung unmöglich macht.

Datensammlungen entlasten

Es bedarf eines großen Aufwands, gegenüber der Stiftung in Florida, die hinter dem Angebot steht, den Schutz der eigenen Persönlichkeitsrechte gerichtlich durchzusetzen, wenn sie in der Wiki-Enzyklopädie berührt sind. Übrigens bleibt den Herausgebern traditionsschwerer gedruckter Enzyklopädien nach wiederholten Rabattschlachten nicht mehr viel Zeit, um effektive Abwehrmaßnahmen gegen das kostenlose Angebot zu finden.

Man braucht nicht gleich ein Anhänger der Verschwörungstheorie zu sein, wonach durch das Internet der „information overkill“ weltweit ins Werk gesetzt wird, um vor lauter einzelnen Informations-Bäumen den Wald der wesentlichen Problematik unserer Zeit nicht mehr zu sehen. Es ist aber realistischerweise auch nicht zu erhoffen, dass massenhaft Konsequenzen gezogen werden aus der Tatsache, dass sich wohl an keinem Ort des Universums Wahrheit und Unwahrheit näher sind als im Internet. Zu wünschen ist dann allerdings, dass wenigstens die Erinnerung an diese unheilvolle Nähe gestärkt wird, wenn denn durch die allgegenwärtige Erreichbarkeit der zu erinnernden Gegenstände in den vielen Datensammlungen die Erinnerungskraft tatsächlich auch entlastet wird.