Brauchtum und Corona

Ein guter Start ins Neue Jahr

Was passiert mit dem Brauchtum in Corona-Zeiten? Traditionen wie Sternsingen oder „Schnörzen“ am Martinstag in der Pandemie lebendig zu halten ist eine Herausforderung.

Wir wünschen euch ein fröhliches Jahr: Caspar, Melchior und Balthasar!“ – mit diesem beliebten Lied tauchten Jahr für Jahr um das Hochfest der Erscheinung des Herrn buntverkleidete Kinder vor unserer Tür am Berliner Stadtrand auf. Ihr Ruf: „Christus mansionem benedicat – Christus segne dieses Haus!“ gab uns all die Jahre ein Gefühl von Schutz und Wohlbehütetheit. „Das war immer ein guter Start ins neue Jahr“, waren sich alle einig.

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Nur, wie sollte das im Lockdown gehen? Wie kann man trotz all der großen Einschränkungen einen Teil der Traditionen retten? Was passiert mit den Passionsspielen in manchen Gegenden Deutschlands vor allem im Süden, was mit den Martinsgruppen vor allem im Rheinland, was mit den Teufels- oder Dämonenaustreibungen im alemannischen Südwesten? Gehört das katholische Brauchtum zu den Opfern der Corona-Krise?

Sinn des Brauchtums

Ein Sinn dieses Brauchtums ist es, die Erinnerung durch eine Darstellung zu erleichtern und zu illustrieren und zwar so, dass auch Kinder die Ereignisse vor vielen hundert Jahren verstehen und nachvollziehen können. Hier können Eltern nachhelfen, indem sie auf den Kern der Botschaft des Brauchtums hinweisen und ihn vorübergehend – die Krise kann ja nicht ewig dauern, die Botschaft schon – durch andere Aktivitäten wachhalten.

Bei der Sternsinger-Tradition zum Beispiel lautet die zentrale Botschaft so: „Gott ist Mensch geworden, um die Sorgen und Nöte aller Menschen zu teilen.“ Das gaben die kleinen Sternsinger immer mit auf den Weg. Sicher, diese Botschaft lässt sich abstrakt auch digital und via Internet verbreiten. Aber wer noch kleine Kinder im Haus hat, weiß um die Grenzen des virtuellen Lebens. Und um die Wirkung von realen Sinneseindrücken durch Bilder, Stimmen und Melodien. Sie lassen sich an den großen Augen und dem staunend offenen Mund sehen.

Backen für die Könige

Bleiben wir beim Beispiel der Sternsinger: Schon am Vorabend des Feiertages – von dem man hier im Osten Deutschlands nur etwas merkt, wenn die Kinder auf eine der 25 katholischen Schulen in Trägerschaft des Erzbistums Berlin gehen und damit nach den Weihnachtsferien zusätzlich einen Tag schulfrei haben – backte meine Frau einen Dreikönigskuchen. Dieses traditionelle, süße Hefegebäck mit Rosinen oder Schokoladenstückchen hat seinen Ursprung in Süddeutschland und der Schweiz. Eingebacken wird eine Mandel. Wer die gebrannte Überraschung in seinem Stück Kuchen zum Frühstück findet, bekommt eine goldene Krone und darf diese den ganzen Tag lang tragen. Ob Zufall oder nicht: Bei uns fand das Nesthäkchen, die siebenjährige Lorenza die süße, braune Mandel. Einen ganzen Tag lang war sie nun eine stolze Königin. Viel Hofstaat gab es für sie leider nicht mehr, da ihre älteren Geschwister wegen Corona erst gar nicht anreisen durften oder schon wieder zurück auf dem Weg zu ihren Studienorten waren.

Beten und Gaben bringen

Der Dreikönigskuchen ist noch innerfamiliär machbar. Aber er sollte nicht das einzige Highlight an diesem katholischen Feiertag bleiben. Am frühen Nachmittag schnürten Tochter und Vater ihre Rucksäcke mit etwas Obst, Wasser und süßem Proviant, zogen wetterfestes Schuhwerk und regenschützende Kleidung an und machten sich zu Fuß in die etwa vier Kilometer entfernte Pfarrkirche St. Bonifatius in Erkner. Es ging immer am östlich von Berlin gelegenen 67 Hektar großen Flakensee entlang. Der etwa zwei Kilometer lange und 750 Meter breite See ist Teil einer Binnenwasserstraße, auf dem Schleppkähne Zement bis nach Berlin und Polen verschiffen.

Fast durchgängig gibt es einen schmalen Trampelpfad am Ufer. Nach einer Rast mit herrlichem Blick über den See erreichten die Grundschülerin und ihr Papa das Gotteshaus. Beide knieten in der leeren Kirche vor dem Altar und der handgeschnitzten Krippe nieder und sprachen ein gemeinsames Vaterunser. Lorenza stellte ihr selbstgebasteltes Spendenkästchen mit einigen Münzen zum Christkind, so dass sie auch in diesem Jahr ihren kleinen Anteil an der Adveniat-Weihnachtskollekte für die arme Landbevölkerung in Südamerika leistete. Eine mitgebrachte Kerze wurde noch entzündet, bevor die zwei Pilger wieder nach Hause aufbrachen.

„Wir kommen aus dem Morgenland“

Mittlerweile dämmerte es bereits, so dass der Heimweg durch den dunklen Wald zu einem eigenen Abenteuer wurde. Hier und da gab es weiße Schneeinseln, welche die Orientierung erleichterten. Aber ansonsten war es stockfinster. Um sich Mut zu machen, sangen Vater und Tochter das eine oder andere Weihnachtslied in die Dunkelheit hinein, so auch: „Wir kommen daher aus dem Morgenland, wir kommen geführt von Gottes Hand. Wir wünschen euch ein fröhliches Jahr: Caspar, Melchior und Balthasar!“.

 

Solche Eindrücke bleiben, ja graben sich tief in das Gedächtnis ein. Aus dem Buchregal holte Lorenza nach dem Abendbrot noch einen prächtigen Bildband über „Die Heiligen Drei Könige: Mythos, Kunst und Kult“ sowie ein Kinderbuch mit der Weihnachtsgeschichte hervor. „Heute lese ich dir etwas vor, Papi“, beschloss das Sternsingermädchen. Und bevor alle nach diesem ungewöhnlichen aber einprägsamen Dreikönigstag mit der abschließenden kleinen Hauslesung über die drei Weisen aus dem Morgenland zu Bett gingen, setzte das Kind seine goldene Krone ab. „Das war ein schöner Tag“, sagte sie mit strahlenden Kinderaugen. Der Vater war erschöpft aber zufrieden, er hatte mitten in der Corona-Krise ein Stück Brauchtum gerettet, jedenfalls für diese Familie.

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