Lernorte

Quo vadis Schulsystem?

Bei sich widersprechenden Bildungssystemen sollte man gleich katholisch lernen. In katholischen Schulen werden unterschiedliche pädagogische Ansätze erfolgreich verknüpft.
Kelvinside Academy in Glasgow
Foto: Kelvinside Academy | Die Kelvinside Academy in Glasgow folgt dem Erfahrungsschatz jedes einzelnen Schülers.

Wer sich die neuen Entwicklungen im Bereich des Schulsystems anschaut, reibt sich schon bald verwundert die Augen. Denn widersprüchlicher kann es wohl kaum werden. Zwei Beispiele. Die Kelvinside Academy in Glasgow hat die bisherigen klaren Strukturen in ihrer Schule vollkommen aufgelöst. Die Bibliothek mit Regalen voller Bücher gibt es nicht mehr. Stattdessen treten lesehungrige Schüler nun in einen an das Design von Silicon Valley gemahnenden „Denkraum“. Auch traditionelle Klassenzimmer mit Tisch- und Bankreihen denen ein Lehrerpult gegenübersteht gehören der Vergangenheit an. Die Kelvinside Academy verabschiedet sich damit von dem allgemein in teuren Privatschulen herrschenden Trend, mit einer gutsortierten Bibliothek und klaren Regeln zu werben und setzt stattdessen auf die große Freiheit des Lernens nach dem Lustprinzip. Die Schüler werden ermutigt, ihrem Gefühl zu folgen und dort zu lernen, wo sie sich gerade am wohlsten fühlen.

Die Schüler sollen in ihrem Leben aufblühen

Das gleiche Prinzip gilt für die Zusammenarbeit. Kevin mag Amanda nicht? Kein Problem. Dann müssen die beiden auch nicht in eine Gruppe. Denn nur glückliche Kinder lernen gut.

„Wir wollen, dass sie in jedem Bereich ihres Lebens aufblühen“, so Clare Sweeney, Schulleiterin der Eliteakademie. „Wenn ihr Kind eine Schule in Finnland oder Schweden besuchen würde, wäre seine Erfahrung eine ganz andere, weil der dortige Ansatz auf Spiel und Beziehungen basiert. Das ist auch der Schlüssel zu unserer Philosophie in der Kelvinside Academy“, so Sweeney. Ihre Schüler können beim Lernen nun auf weich gesteppten Bänken oder dem Fußboden sitzen oder in dem neuen Denkraum ihre Eindrücke an die Wände schreiben. Aufgabe der Lehrer ist es, den Spuren ihrer Schüler zu folgen und zu versuchen, jeden einzelnen auf ganz besondere Weise zu motivieren.

Strenge Regeln im College

Im Fernley College begegnet man hingegen einem vollkommen entgegengesetzten Ansatz. Hier herrscht ein Regiment mit rigiden Regeln, die Natalie Teece, die neue Schulleiterin des Colleges eingeführt hat. Den Schülern ist es nicht nur verboten, in den Stunden zu sprechen, auf den Gängen zu rennen, sich in Gruppen von mehr als zwei Schülern auf dem Gelände zu bewegen oder jemals aus dem Fenster zu sehen. Sie sind auch verpflichtet, ständig ein Lächeln auf dem Gesicht zu tragen und müssen eine Reihe von Pfiffen auswendig lernen, die als Befehlssignale vonseiten der Lehrer eingesetzt werden, beispielsweise wenn die Kinder sich in einer Reihe aufstellen sollen, die Pause oder die Mittagszeit beendet ist. Mehr noch: wenn sie mit dem Lehrer oder der Lehrerin sprechen, dürfen sie den Augenkontakt niemals unterbrechen und es ist ihnen strikt verboten, auch nur einen Stift in die Hand zu nehmen, bevor der diensthabende Pädagoge dies erlaubt hat.

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Wenn einem Schüler ein Stift hinunterfällt oder ein anderes Geräusch ertönt und ein anderer Schüler sich deswegen umdreht, hat dies Sanktionen zur Folge und wer während der Stunde zur Toilette muss, hat Pech gehabt, denn das ist ebenfalls verboten, es sei denn, die Schüler legen ein ärztliches Attest vor. Teece begründet die von ihr eingeführten Maßnahmen mit ihrer Beobachtung, dass Kinder aus Einwandererfamilien, in denen strenge Regeln herrschen wie beispielsweise die, dass man gemeinsam isst und bei Tisch nicht ohne Erlaubnis der Eltern aufsteht, zur Folge hätten, dass die Kinder bessere Schulleistungen zeigten und in ihren jeweiligen Berufen erfolgreicher agierten.

Lehrer und Schüler verstehen sich als Lernende

Zieht man eine Summe unter diese sehr unterschiedlichen Herangehensweisen kommt einem unwillkürlich das Erziehungskonzept katholischer Schulen in den Sinn. Denn sie verbinden mit großem Erfolg das Beste aus beiden Ansätzen und vermeiden zugleich die angesichts von deren Einseitigkeit zu erwartenden Fehlentwicklungen. Ein Beispiel für die gelungene Kombination aus freiem Lernen und die Persönlichkeit der Schüler performativ prägenden Disziplin ist das St. Peter's International College in Saint Pierre de Maillé. Es lässt sich deshalb besonders gut für einen Vergleich heranziehen, weil es auf dem klassischen englischen Schulsystem basiert und zugleich der Lehre der Kirche verpflichtet ist.

Die Schüler finden in diesem College verschiedene Lernorte vor, die sie in den Studienzeiten nutzen können. Die konzentrierte Lernatmosphäre wird außerdem durch Gebetszeiten vertieft und verstärkt. Gemeinsame Aktivitäten im Bereich der Musik und des Sports ermöglichen es den Schülern, ihre kooperativen Fähigkeiten auszubauen und werfen sie nicht auf sich selbst und ihre jeweiligen Befindlichkeiten zurück. Hier wird im Gegenteil die Leidenschaft für das Lernen ganz bewusst auf verschiedenen Ebenen geweckt, ohne dass die Lehrer dabei ihren Führungsanspruch aufgeben und sich radikal den Schülern und ihren jeweiligen Bedürfnissen anpassen. Das Motto des College ist „Tradition trifft Innovation“. Dabei ist es selbstverständlich, dass sich Lehrer und Schüler gleichermaßen als Lernende verstehen, es ist aber auch klar, dass alle sich den gesetzten Regeln anpassen.

Wurzeln in den Klosterschulen

Diese Mischung aus Regelhaftigkeit und Freiheit hat ihre Wurzeln in den Klosterschulen des Mittelalters und sie funktioniert, weil sie dem Menschen gemäßer ist als einseitige Extreme bis heute. Denn die Freiheit des Menschen wird zur Regellosigkeit, wenn sie der Formung entbehrt. Deshalb lernen die Schüler in St. Peters durchaus, kritische Fragen zu stellen, sie trainieren aber zuvor Logik und die Regeln von Argumentation und Kommunikation. Auf diese Weise und dank des Freiraums für Kreativität und Gemeinschaftserlebnisse ist das Lächeln auf ihren Gesichtern genuin.

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