Musik

Profis brauchen einen Plan B

Die Pandemie bietet Prüfsteine für die künftigen Bildungs- und Berufschancen junger Berufsmusiker.
Coronavirus - Aktionstag Theater und Orchester
Foto: dpa | Ein Lebenszeichen in schwierigen Zeiten: Auf dem Kirchturm der Dresdner Kreuzkirche statt in der Philharmonie musizierten diese Bläser während der Pandemie.

Wer den jungen Mann, der einen schweren Heizkörper aus dem Baumarkt trägt, sieht, würde nicht vermuten, dass er am selben Abend als strahlender Tenor auf der Opernbühne stehen wird. Dass er selbst umfassend Hand anlegt beim Bau und der Einrichtung des kleinen Hauses, das er für seine junge Familie gekauft hat, hat gute Gründe. Denn der begabte Südkoreaner, der an der Catholic University im Fach Operngesang ausgebildet wurde, ist einer von vielen, die an deutschen Bühnen in einem prekären Arbeitsverhältnis angestellt sind. Die traurigen Fakten hinter dem schönen Schein sind schnell aufgezählt. Das Bruttogehalt für einen Opernchorsänger beträgt in Deutschland durchschnittlich 2600 Euro. Allerdings wird es nicht durchgängig gezahlt. Denn die Anstellung gilt jeweils nur für eine Spielzeit, mithin für elf Monate. Weihnachts- oder Urlaubsgeld? Fehlanzeige. Stattdessen erfolgt Jahr für Jahr die Kündigung im Sommer, die eine erhebliche Ersparnis für den Anstellungsträger und eine ebenso große Unsicherheit für die Ensemblemitglieder darstellt. Denn eine Garantie auf Wiedereinstellung gibt es nicht. Das war schon vor der Pandemie so.

Bangen um die Zukunft

Aber nun bangen viele Chorsänger, Solisten und Orchestermusiker noch mehr als zuvor um ihre Zukunft. Keine guten Vorzeichen, wenn man sein Leben unter einen Notenschlüssel stellen und ein Musikstudium aufnehmen will. Wer dies tut, hat in der Regel schon ein gerüttelt Maß an Ausgaben getätigt. Jahrelanger Musikunterricht, die Anschaffung eines oder mehrerer Instrumente und die in der Regel kostspieligen Notenausgaben, die man seit 1989 nicht mehr kostengünstig bei einem Besuch in Ostberlin erwerben kann, schlagen mit mehreren Zehntausend Euro zu Buche, bevor man überhaupt die Aufnahmeprüfung bestanden hat. Und all das, um später, wenn man Glück hat, einen Platz in einem kleinen Orchester zu erhalten oder an der Musikschule für ein sehr überschaubares Gehalt Unterricht zu geben? Erquicklich war die finanzielle Lage von Musikern schon vor der Pandemie nicht. Doch seit Covid stehen die Zeichen auf Sturm.

Bedrohte Freiberufler

Besonders drastisch ist die Lage bei den Freiberuflern. Denn bei ihnen sind nicht nur sämtliche Einnahmen weggebrochen, sie haben auch nicht im gleichen Maße von den staatlichen Maßnahmen profitiert. Während bei Festangestellten das Kurzarbeitergeld griff und das Hauptproblem die Frage nach dem Umgang mit der ungewohnten freien Zeit war, ging es vielen Freiberuflern buchstäblich an die Substanz. Für die Zukunft des Kulturbetriebs befürchten manche größere Einbrüche.

Stephanie und Christoph Haas vom renommierten Stuttgarter Ensemble Cosmedin sind realistisch: „Durch die Pandemie und ihre Folgen sind die öffentlichen Kassen ausgeblutet. Das blühende Kulturleben der vergangenen Jahre wird wohl eine glückliche Epoche bleiben, an die sich die Älteren dankbar erinnern werden“, sagen sie. Zugleich konstatierten sie atmosphärische Veränderungen bei den wenigen Gelegenheiten, zu konzertieren oder im Echo auf ihre CD-Einspielungen wie Anima, einem Projekt, das die ausgerichtete Seele thematisiert: Unsere Hörer wurden noch aufmerksamer, noch dankbarer für eine Musik, die nicht laut nach Aufmerksamkeit schreit, sondern beschenkt mit klingender Stille.“

Die beiden Musiker nutzten die erzwungene Pause, die die Pandemie im Konzertleben setzte, probten, entwickelten wie mit der CD Anima Neues. Anne Sophie Mutter, die Crowdfunding für finanziell bedürftige Musiker betreibt, befürchtet, dass sich vor allem in Ländern wie den USA, wo auch die Gehälter von festangestellten Musikern während der Pandemie komplett weggebrochen sind, nun weit weniger begabte junge Musiker für ein professionelles Studium entscheiden werden.

Das innere Feuer

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Andere, wie der Konzertmeister der Hofer Symphoniker und Lehrbeauftragte an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar, Lorenzo Lucca, sind überzeugt: Bei Musik geht es um Berufung und die ist wie ein inneres Feuer, das sich auch durch widrige Umstände nicht ersticken lässt. Zwar ist Skepsis angebracht, sagen Stephanie und Christoph Haas: „Schon vor der Pandemie gab es mehr blendend ausgebildete junge Musiker als entsprechende Engagements.“ Aber sie fügen hinzu: „Es gibt nach wie vor diese Bereitschaft zum Risiko, diesen unbedingten Wunsch zur Musik. Wer wollte da abraten?“ Dennoch: einen Plan B zu haben, ist für eine gesicherte Existenz als Musiker auf jeden Fall hilfreich. Viele Kirchenmusikstudenten belegen deshalb schon seit einigen Jahren parallel das Fach Schulmusik, und beleben so die alte Kombination des Lehrer-Organisten wieder oder bemühen sich um eine begleitende Anstellung an einer Musikschule.

Beides ist sinnvoll und notwendig, denn die Planungen für die professionelle Versorgung mit Kirchenmusik zeigen klar, dass die Vielzahl der derzeit bestehenden Stellen nicht erhalten bleiben wird. Manch eine Gemeinde, die heute eine hauptamtliche Stelle anbieten kann, wird dies nach Weggang der Amtsinhabers nicht mehr tun können oder wollen. Für die Gemeinden hat dies Konsequenzen. Denn Kirchenmusiker binden durch regelmäßige Gruppenarbeit in Kinder-, Jugend-, Kirchenchören, Choralscholen, Instrumentalgruppen und Bands oft weit mehr Menschen als Gemeindereferentinnen, die 500 Euro pro Monat mehr für ihre Arbeit erhalten oder Pastoralreferenten, denen 1000 Euro pro Monat mehr zugeteilt werden. Ob das sinnvoll ist, bleibt eine berechtigte Frage. Denn die Musik im Gottesdienst ist, wie die Erfahrung des auferlegten Schweigens in der Pandemie überdeutlich gezeigt hat, ein essenzielles Element des gelebten Glaubens.

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