Corona

Präsenzunterricht ist nicht ersetzbar

Eine Studie der Frankfurter Goethe-Universität zeigt, dass coronabedingter Digitalunterricht wenig bringt.

In fünf Bundesländern sind die Schüler bereits in die Sommerferien gestartet; die anderen elf Bundesländer folgen im Juli. Es endet damit das Schuljahr 2020/21, das mit Schulschließungen fast ausschließlich im Zeichen von „Corona“ stand. Es ist aber nicht das einzige Schuljahr, auf das dies zutraf. Denn dem Corona-Schuljahr 2020/2021 war ja ab Februar/März 2020 ein halbes Corona-Schuljahr vorausgegangen. Damit hatte man eine hinreichend lange Beobachtungsphase, um über die Auswirkungen von „Corona“ auf die Entwicklung und Bildung junger Menschen reflektieren zu können. Zumindest „reflektieren“, denn wissenschaftliche Daten liegen dazu kaum vor. Nur nicht genauer hinschauen – das scheint das Motto der Schulpolitik und der Bildungsforschung zu sein.

Wackelige Bildungslaufbahn

Also schauen wir „nur“ mit Alltagsblick genauer hin! In diesen gut eineinhalb Corona-Schuljahren entfiel mindestens ein halbes bis dreiviertel Schuljahr an Präsenzunterricht. Bei Schülern der Grundschule mit schmaleren Wochenstundenplänen entspricht das in etwa 500 bis 600 Unterrichtsstunden, bei älteren Schülern entfielen zwischen 800 und 900 Unterrichtsstunden. Nur der geringere Teil dieser Stunden wurde aufgefangen durch „Distanzlernen“ („online-Homeschooling“) oder durch „Wechselunterricht“ in halbierten Klassen. Viele Leistungstests wurden in der Folge ersatzlos gestrichen. Nur die Abschlussprüfungen fanden regulär statt. Die Noten fielen gut wie eh und je aus, was angesichts des ausgefallenen Unterrichts nur damit zu erklären ist, dass die Ansprüche in Aufgabenstellung und Bewertungsmaßstäben abgesenkt wurden. Das geschah alles nachvollziehbar mit Rücksicht auf die Kinder und Jugendlichen, die ja nun als letzte schuld waren an all den Ausfällen. Aber die Basis für die weitere Bildungslaufbahn wurde damit wackeliger.

Laptops sind  nur Ergänzung

Eines hat „Corona“ aber auch gezeigt: Der klassische Unterricht in der Lehrer-Schüler- sowie der Schüler-Schüler-Interaktion ist als Präsenzunterricht weder qualitativ noch quantitativ ersetzbar durch häusliches Laptop, Telelearning, Teleteaching, Videokonferenzen und Co. Insofern geht die These, Deutschlands Schulen seien „Corona“ digital nicht gewachsen, am Problem vorbei. Hier nutzen die Digitalisierungs-Euphoriker „Corona“, allen voran die IT-Konzerne, als Trittbrett, um ihre seit Jahren gepredigten Visionen zu verwirklichen. Nein, es bleibt dabei, Laptops in der Hand von Schülern sind eine Ergänzung, aber kein Ersatz für schulisches Lernen.

Lesen Sie auch:

Faktum ist: Es gibt weltweit keine einzige Studie, die dem „digitalisierten“ Lernen irgendeinen Vorzug oder wenigstens eine Gleichwertigkeit einräumte. Sogar die IT-freundliche OECD gab sich zuweilen nachdenklich: „Wo Computer im Unterricht genutzt werden, sind ihre Auswirkungen auf die Leistung von Schülern bestenfalls gemischt.“ Länder, die viel in die Computerisierung des Unterrichts gesteckt haben (siehe Australien), schneiden bei Vergleichstests nicht besser ab. Interessantes kam schon vor Jahren aus dem ebenfalls IT-freundlichen Münchner IFO-Institut: Der Einsatz von Computern im Unterricht bringe im Durchschnitt keine besseren Ergebnisse in Mathematik und in den Naturwissenschaften, und er raube wichtige Unterrichtszeit. Wörtlich: „Ein positiver Effekt auf das Erlernen der Pisa-Basiskompetenzen ist nicht haltbar.“

Geringe Effekte durch webbasiertes Lernen

Und John Hattie, der „Papst“ der Unterrichts- und Instruktionsforschung? In Bezug auf digitale Medienangebote lässt sich aus seinen Metastudien festhalten, dass webbasiertes Lernen insgesamt eine relativ geringe Effektstärke aufweist. Die höchsten Effektstärken haben zwei Schüler-Faktoren: deren Selbsteinschätzung und deren kognitive Entwicklungsstufe. Geringe Effektstärken haben übrigens Freiarbeit und webbasiertes Lernen.

Gewiss gehört die Fähigkeit zum Umgang mit neuen Informationstechniken heute zu den Kulturtechniken. Das Bildungssystem muss deshalb junge Menschen darauf vorbereiten. Im Vordergrund darf aber nicht das technische „Handling“ stehen. Dieses lernen Heranwachsende in kürzester Zeit, und sie bringen die dafür notwendigen „Handgriffe“ in der Regel „von draußen“ mit. Es kommt auf die Dosis an, zumal in einer Zeit, in der Heranwachsende täglich gerade eben noch fünfzehn Minuten mit Lesen verbringen.

Medienkonsum steuern

Ein überdimensionieter Einsatz neuer Informationstechniken provoziert jedenfalls Schäden, die umso gravierender ausfallen, je früher dieser Einsatz in der Entwicklung der Kinder beginnt. Vor einem Einsatz des Computers etwa in der Grundschule ist deshalb zu warnen, zumal die damalige Suchtbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, 2017 eine Studie vorgestellt hat, in die 80 Kinderärzte ihre Erfahrungen mit dem Medienkonsum von 6 000 Kindern einbrachten. Eines der Ergebnisse lautet, dass jeder sechste Jugendliche sogar nach eigener Einschätzung Probleme hat, seinen digitalen Medienkonsum selbstbestimmt zu kontrollieren, und dass davon ein Teil therapiebedürftig ist.

Im Zusammenhang mit „Corona“ haben nun Forscher der Frankfurter Goethe-Universität und der Universität Oslo mit Blick auf das Jahr 2020 insgesamt 601 Studien ausgewertet, die sie weltweit zu den Folgen der coronabedingten Schulschließungen fanden. Das Ergebnis ist keine Überraschung: Man fand heraus, dass der digital getragene, so genannte Distanzunterricht fast überhaupt keinen Lerngewinn brachte.

Probleme bei Bildungsfernen

Besonders große Kompetenzeinbußen waren demnach bei Heranwachsenden aus bildungsfernen Elternhäusern zu beobachten, und dies umso mehr, je jünger die Schüler sind. Wörtlich heißt es in der Studie, die übrigens nur in englischer Sprache vorliegt, obwohl die Frankfurter Uni federführend war: „The findings indicate a considerably negative effect of school closures on student achievement specifically in younger students and students from families with low socioeconomic status.“

Andreas Frey von der Uni Frankfurt/Main sagte darüber hinaus: „Die durchschnittliche Kompetenzentwicklung während der Schulschließungen im Frühjahr 2020 ist als Stagnation mit Tendenz zu Kompetenzeinbußen zu bezeichnen.“ Und weiter: Der Erfolg des Distanzunterrichts „liegt damit im Bereich der Effekte von Sommerferien“. Das ist eine mehr als interpretationsfähige Aussage, deren Brisanz sich Professor Frey offenbar gar nicht bewusst gemacht hat. Denn seit Jahren gibt es immer wieder Untersuchungen, die belegen, dass es während der Sommerferien zu einem gewissen Abfall des Intelligenz-Quotienten (IQ) kommt, weil die intellektuelle Stimulation fehlt. Und auch Lehrer wissen, dass sie zu Beginn eines neuen Schuljahres nicht auf dem Niveau aufbauen können, das die Schüler am Ende des vorausgehenden Schuljahres hatten. Allerdings gebe es, so Forscher Andreas Frey, erste Anhaltspunkte dafür, dass sich die Online-Lehre vielerorts verbessert. Die Forscher aus Frankfurt und Oslo können von der naiven Vision einer Digitalisierung von Schule also nicht lassen. So als sei das das Allheilmittel.

Besonders ausgeprägt dürften die Rückstände übrigens in den Grundschulen sein, weil dort im Beisein der Lehrerin – zu 95 Prozent sind es Frauen! – die Grundlagen der Kulturtechniken gelegt werden. Den geringeren Schaden hatten bislang Kinder bildungsbeflissener Eltern. Denn dort geben Mütter und Väter den Hilfslehrer. Am größten könnten die Versäumnisse in „bildungsfernen“ Häusern sein, zumal dort, wo die Eltern kaum Deutsch sprechen.

Soziale Folgen

Nun, neu ist an dieser Studie jedenfalls nichts. Weniger noch: Die Studie berücksichtigt nur die kognitiven Entwicklungen, nicht die sozialen. Schließlich ist Schule neben reiner Stoffvermittlung innerhalb und außerhalb des Unterrichts vor allem auch ein Ort der Begegnung und des sozialen Lernens. Corona-Folge? An geschätzt 100 der knapp 200 Schultage pro Jahr hatten Schüler keinen „live“-Kontakt mit Mitschülern. Jugend- und Sportgruppen gab es obendrein nicht mehr. Also auch kaum noch Kontakte mit Gleichaltrigen, wenn man davon absieht, dass sich die Heranwachsenden privat teilweise mit nur einem Altersgenossen treffen durften.

Für die soziale, psychische und motorische Entwicklung hat das Folgen. Kinderärzte und Kinderpsychologen beobachten jetzt schon bei bis zu 50 Prozent der Kinder Verhaltensauffälligkeiten. Bei diesen Kindern greifen Ängste, Apathie, Aggressionen, adipöse Entwicklungen, Depressionen, Konzentrationsstörungen, Schuldgefühle um sich. Ein Teil der Kinder vereinsamt, zum Teil auch deshalb, weil sie sich noch mehr als zuvor im „Netz“ verlieren. Krankenkassen und Suchtexperten gehen davon aus, dass die Gaming- und Internetzeiten Heranwachsender mit „Corona“ bereits beim ersten Lockdown um bis zu 75 Prozent angestiegen sind. Man ist zwar in den „social media“ präsent, aber man wird zum digitalisierten Masseneremiten.

Resilienz der Kinder stärken

All dies sind Deprivationsfolgen. Mit Deprivationen sind unfreiwillige Entbehrungen gemeint: als soziale Deprivationen wegen fehlender Kontakte, als sensorische Deprivationen wegen fehlender Anreize, als motorische Deprivation wegen Bewegungsmangels, vor allem aber als emotionale Deprivation wegen des Fehlens an emotional geprägter Interaktion mit Gleichaltrigen. Das Ausmaß dieser Folgen hängt davon ab, wie umsichtig Eltern damit umgehen und inwieweit es ihnen gelingt, die Resilienz der Kinder zu stärken, das heißt, ihre psychische Kraft zu mobilisieren.

Ergo: Zu realer Schule und Präsenzunterricht gibt es keine gleichwertige Alternative, zumal wissenschaftlich umstritten ist, ob Schulschließungen überhaupt irgendeine Auswirkung auf das Infektionsgeschehen hatten. Deshalb müssen sich die politisch und medizinisch Verantwortlichen endlich ins Zeug legen, damit das Schuljahr 2021/22 wieder ein halbwegs normales wird. Die Sommerpause 2021 bietet Zeit, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Die Sommerpause 2021 darf jedenfalls nicht wieder wie bereits die Sommerpause 2020 verschlafen werden.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Islamunterricht
Islamkunde
„Mohammed ist liebevoll“ Premium Inhalt
Bayern führt islamischen Unterricht als Wahlpflichtfach ein. Daraus kann eine Alternative zu den Unterweisungen der Koranschulen werden.
19.07.2021, 15  Uhr
Josef Kraus
Themen & Autoren
Josef Kraus Allgemeine (nicht fachgebundene) Universitäten Covid-19 Daten und Datentechnik Grundschulen Hilfslehrerinnen und -lehrer Informationstechnik Johann Wolfgang Goethe-Universität Josef Kraus Kinder und Jugendliche Marlene Mortler Notebooks Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Professoren Präsenzunterricht Regierungseinrichtungen der Bundesrepublik Deutschland Schulen Schulpolitik Schülerinnen und Schüler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

Kirche