Wissenschaft

Barbara Hallensleben: Keine systemische Benachteiligung von Frauen in der Theologie

Ziehen Frauen in der Theologie den Kürzeren? Die in Fribourg (Schweiz) lehrende Dogmatikerin Barbara Hallensleben stellt im Gegensatz zu einer kürzlich veröffentlichten Studie keine systemische Benachteiligung von Frauen in der akademischen Theologie fest.
Barbara Hallensleben
Foto: Privat | Barbara Hallensleben sieht Frauen als Anwältinnen akademischer Fragen.

Frau Professor Hallensleben, wie ist die statistische Unterrepräsentanz von Theologinnen in Fachpublikationen und bei akademischen Veranstaltungen zu bewerten?

Barbara Hallensleben
Foto: Privat | Barbara Hallensleben sieht Frauen als Anwältinnen akademischer Fragen.

Ich bin keine besondere Freundin von Statistiken. Sie täuschen Objektivität meist nur vor. Notgedrungen gehen sie ja immer aus einer bestimmten Vorauswahl der herausgefilterten und beleuchteten Elemente hervor. Hier beginnt meine Rückfrage: In der Regel sind wir heute mit Statistiken über Priestermangel und die schwindende Zahl der Gläubigen konfrontiert. Priorität hat heute eindeutig die Frage, wie der Glaube in der Gemeinschaft der Kirche für unsere heutige Zeit mit ihren zahllosen Überforderungen zum lebendigen Zeugnis wird. Dann kommt die Frage: Was trägt die Theologie dazu bei? Und erst dann folgt die Frage: Werden Frauen in dieser Aufgabe hinreichend ernstgenommen?

Welche Ergebnisse der Studie bedürfen aus Ihrer Sicht einer Diskussion?

Aus der Studie sollte keine Klagemauer werden, die uns nur aufhält. Ein Seitenblick reicht, dann können wir wieder konstruktiv und umso engagierter an die Arbeit gehen. Ich bin geneigt, diese Statistiken nicht als Momentaufnahme, sondern genetisch zu lesen. Zu meinen Lebzeiten haben sich umwälzende Änderungen vollzogen: Meine gute Freundin Dr. Dr. Barbara Albrecht (1927–2012) gehörte zu den ersten Frauen, die in Deutschland Philosophie und Theologie studiert haben. Sie war in vieler Hinsicht eine Pionierin. An einen Lehrstuhl war nicht zu denken. Hans Urs von Balthasar förderte sie anfänglich, um sie dann in eine ideologische „Verborgenheit“ zu senden; das macht mich bis heute traurig und zornig.

Ich selbst bin wohl die erste Theologin im deutschen Sprachraum, die in Dogmatik habilitiert wurde. Meine theologischen Lehrer haben mich dabei gefördert, und ich bin ihnen sehr dankbar. Heute sind wir an der Theologischen Fakultät in Fribourg vier Professorinnen, die zwei deutschsprachigen Lehrstühle für Dogmatik sind beide von Frauen besetzt. An allen Universitäten gibt es Gleichstellungsinstanzen, die über die angemessene Berücksichtigung von Frauen wachen.

Eine Kommentatorin der Studie spricht von einer systemischen Benachteiligung der Frauen in der wissenschaftlichen Theologie. Was ist davon zu halten?

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„Systemisch“ werden Frauen intensiv gefördert: In jeder Ausschreibung werden sie eigens zur Bewerbung aufgefordert. Es gibt eigene Stipendien für Frauen, auch unter Berücksichtigung ihrer besonderen Lebenssituation mit Familie und Kindern. Bei der Mitwirkung an einer Berufungskommission habe ich erlebt, dass Frauen, die „systemisch“ die Kriterien der Ausschreibung erfüllen, eingeladen werden müssen, selbst wenn sie dem Profil des Lehrstuhls weniger gut entsprechen. Das ging zu Lasten von qualifizierteren Kandidaten, so dass ich es als Frau eher peinlich fand.

Doch in unserer Gesellschaft ist das System selbst zur Benachteiligung des Menschen geworden. Vielleicht haben Frauen einen gesünderen Sinn der Auflehnung gegen das Systemische als solches? Hier sind wir wieder bei unseren Ausgangsfragen: Unsere Theologischen Fakultäten sind – verstärkt durch das Bologna-System – zu Produktionsstätten von Diplomierten geworden. Theologie erfordert einen organischen Lernprozess, der die ganze Persönlichkeit einbezieht und am besten im engen Kontakt mit dem kirchlichen Leben erfolgen sollte. Die theologische Ausbildung als solche steht vor der grundsätzlichen Frage ihrer Konzeption. Frauen könnten sich zu Anwältinnen dieser Frage machen.

Dieselbe Kommentatorin scheint mir gerade in diesem Zusammenhang in ihrem Plädoyer inkonsequent; ich lese: „Das Argument, Frauen sähen Dinge anders, behindere letztlich Wissenschaft und Forschung.“ Wenn Frauen Dinge nicht anders sehen – warum soll ich dann auf eine Frauenquote achten? Wenn die Theologie selbst daran mitwirkt, eine Theologie der Geschlechter auf eine gender-fluide Anthropologie zu reduzieren – ist es dann nicht konsequenter, sich gleichzeitig für alle sogenannten hetero-normativen Gruppierungen einzusetzen?

Inwieweit trifft die These einer Theologin zu, dass Theologieprofessorinnen so viele Anfragen erhalten, dass sie fast auswählen müssen, was sie zusagen können?

Das gilt heute für jeden engagierten Professor genauso wie für jede engagierte Professorin. Nicht alle Anfragen, die ich erhalte, beziehen sich auf die Tatsache, dass ich ein Thema als Frau behandle; ich freue mich, wenn ich einfach in meinen Forschungsbereichen als Gesprächspartnerin gefragt bin. In diesem Zusammenhang enthält die Studie übrigens die interessante „Beobachtung, dass in den Konferenzen der Frauenanteil statistisch steigt, je stärker die Formate praxis- und erfahrungsbezogen sind (im Sinne der Workshops)“ – mit der merkwürdigen Schlussfolgerung: „Frauen sind offensichtlich eher für die insofern weniger gewichtigen Teile der Konferenz gefragt.“ Lautet heute nicht gerade der einhellige Wunsch, die Theologie möge praxis- und erfahrungsbezogener werden? Geht es also vielleicht um eine grundlegende Anfrage an die Konzeption des Theologiestudiums selbst? Wenn die Studierendenzahlen weiter sinken, dann brauchen wir nicht mehr Theologieprofessorinnen, weil insgesamt weniger Ausbildungsstätten nötig sind. Wenn wir aber das durchaus vorhandene Potenzial von jungen Leuten für eine theologische Ausbildung gewinnen wollen, dann müssen wir über neue „praxis- und erfahrungsbezogene“ Wege der Ausbildung nachdenken, die durchaus nicht weniger „wissenschaftlich“ sein müssen.

Was halten Sie von dem Vorschlag, eine Frauenquote einzuführen – keine akademische Tagung/Arbeitsgemeinschaft ohne Referentin?

Als „systemische Anforderung“: nichts! Als Aufmerksamkeit für die Pluralität und Komplementarität der Perspektiven: wichtig, aber unverkrampft!

Warum verteilen sich die Frauen so unproportional über die theologischen Disziplinen? Warum befasst sich nur so selten eine Frau mit Patristik und nur wenige mit Dogmatik?

Auch hier möchte ich mit einer Entwicklungsperspektive antworten: Von dem ersten Interesse an einem Fach über die Masterarbeit, die Promotion, die Habilitation bis zur Berufung auf einen Lehrstuhl liegen viele Jahre und manchmal die verschlungenen Wege einer persönlichen Biographie. Wenn ich an den Fakultäten die Konstellation unter den wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sehe, dann sind hier Frauen in allen Disziplinen engagiert. Für die Patristik gibt es einfach weniger explizite Lehrstühle, an denen Forschungsförderung möglich ist. In der Dogmatik mag in Deutschland die traditionelle Erwartung einer Besetzung dieses Faches mit einem Priester eine Rolle spielen. Auf längere Sicht wird sich die Verteilung ausgleichen.

Täuscht der Eindruck, dass die an vielen theologischen Fakultäten dominierende feministische Grundhaltung die potenziellen Kandidaturen für die theologische Forschung negativ beeinflusst?

Der „Feminismus“ ist im Grunde durch die Genderstudien längst abgelöst und grundsätzlich hinterfragt worden. Im Feminismus ging es – zumindest der Intention nach – um Frauenförderung. Aber zwischen einem Egalitätsfeminismus a la Simone de Beauvoir und einem Differenzfeminismus gemäß Luce Irigaray klaffen Welten! Der Preis der Universität Fribourg für Genderstudien kann nun selbstverständlich auch an einen Mann vergeben werden. Die bekannte und umstrittene „Feministin“ Judith Butler fordert „die Möglichkeit, aus feministischer Perspektive über den Zwang nachzudenken, ein Subjekt des Feminismus zu konstruieren“ (Das Unbehagen der Geschlechter, 21), und will die Frage den politischen Machtkonstellationen entziehen, die diesen Diskurs allererst produzieren. Sie hält es für nötig, „der Domestizierung der Geschlechter- oder Frauenstudien an der Universität zu widerstehen“ durch eine „inter- und postdisziplinäre Serie von Diskursen“ (ebd. 13). Noch radikaler formuliert es der zurzeit neu entdeckte katholische Denker Ivan Illich mit seinen radikalen Analysen: Die Schule macht dumm, die Medizin macht krank, der Feminismus schadet den Frauen. Seine These lautet, etwas zugespitzt: Solange die systemischen Bedingungen des kapitalistischen Nationalstaates herrschen, wird die Diskriminierung der Frauen zunehmen. – Wenn wir also schon über die systemische Benachteiligung der Frauen nachdenken, dann bitte auf dem neuesten Stand der Debatte und im Hinblick auf alle Frauen, nicht nur Theologieprofessorinnen!

Was geben Sie Ihren Studentinnen der Theologie als Ermutigung mit auf den Weg, und was wollen Sie unseren Leserinnen mit auf den Weg geben?

Meine Studentinnen sind in der Tat oft entmutigt. Sie erhoffen sich ja nach dem abgeschlossenen Studium eine gewisse berufliche Sicherheit und Stabilität. Ich habe Verständnis für die Unruhe – und erinnere mich persönlich an ähnliche Gefühle –, wenn bei gleicher oder besserer Ausbildung und Qualifikation plausible Berufungs- und Berufswege fehlen. Die „hauptamtlichen“ Frauen, in welcher Aufgabe auch immer, sind wichtig als geistliche Ermutigung für die Vielfalt der Berufungen von Frauen im Volk Gottes. Im Licht unserer Berufung bedeutet es nicht „mehr“, Theologieprofessorin zu sein als irgendeinen anderen Beruf auszuüben und/oder Mutter zu sein; die verschleierte Muslimin und die Flüchtlingsfrau in Angst um ihre Familie dürfen in unserer Aufmerksamkeit nicht fehlen.

Eines ist klar: Die Anfragen der Frauen heute sind ein Zeichen der Zeit, und es bereitet sich ein neuer Schritt für die Kirche vor: „Seht her, nun mache ich etwas Neues. / Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?“ (Jesaja 43, 19). In einer solchen Zeit braucht es Kundschafterinnen auf dem Weg in die Zukunft. Sie brauchen Mut, Geduld und eine beharrliche Unterscheidung der Geister.

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01.08.2021, 09  Uhr
José García
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