Rom

Zuhause auf Roms Straßen

Wer obdachlos ist, lebt unsicher. Die Freiwilligen der christlichen Gemeinschaft Sant'Egidio unterstützen die Obdachlosen der italienischen Hauptstadt – nicht nur in Krisenzeiten.

Sant'Egidio hilft
Den Menschen in der Covid-19-Krise helfen. Das tut im Geist der christlichen Nächstenliebe die Gemeinschaft von Sant' Egidio. Foto: fb/Sant Egidio/Luciano Rosasco Foto: Foto:

Ein scheinbar normaler Montagabend Mitte Februar in Rom, gegen 21 Uhr. Die Freiwilligen der Gemeinschaft Sant'Egidio strömen aus und verteilen warme Mahlzeiten an Obdachlose. Niemand ahnt, wie schnell die Corona-Krise das Leben hier und im ganzen Land komplett verändern wird. Noch heißt es „Andiamo“ und zwei Gruppen ziehen mit Sant-Egidio-Beuteln unter dem Arm los, aus dem Pfarrhaus San Giuseppe im Stadtviertel Nomentano – San Lorenzo im Norden Roms. Ungefähr ein Dutzend junge Menschen kommen hier etwa zweimal wöchentlich zusammen.

Die Leute sind in Bewegung

Darunter die Studentin Matilde Napoli, 21 Jahre alt, klein, zierlich, langes braunes Haar und braune Augen; sie lernte Sant'Egidio über die Universität kennen. Ein Freiwilliger stellte dort die Gemeinschaft vor. Sie fühlte sich angesprochen, sie wollte helfen. Drei Jahre ist das her. An diesem Abend verschafft sie sich schnell einen Überblick, sie zückt ihr Handy und wählt eine Nummer: „Ciao Alberto*, wo bist du?“ Mit einigen Obdachlosen hat sie die Telefonnummer ausgetauscht und ruft auch mal an, wenn das Essen da ist, um herauszufinden, wo die Leute sind. „Manchmal ist es ein bisschen kompliziert, der Ort wird oft gewechselt, die Leute sind in Bewegung“, sagt Napoli.

Die Zeit zählt, denn auch Obdachlose wollen irgendwann Nachtruhe. Dass manche von ihnen ein Telefon haben, kann da sehr hilfreich sein. Doch auch zwischendurch telefoniert Napoli mit den Obdachlosen, die sie „Amici“, Freunde nennt. Fragt sie nach ihrem Befinden. Hört zu. Gibt Rat. Alberto kennt sie schon länger, sogar seinen Geburtstag feiern sie zusammen. Der siebzigjährige Langzeitobdachlose geriet in den üblichen Teufelskreis: Erst der Job weg, dann die Frau, bald das Haus und am Ende die Kinder. Obendrauf psychische Probleme. Heute Abend sieht sie ihn nicht. „Ich bin am Bahnhof Termini, wichtige Erledigungen“, klingt es aus dem Hörer.

Mehr als 8000 Menschen leben auf der Straße

Alberto ist einer von etwa 8 000 Menschen, die laut einer Schätzung des ISTAT, dem Institut für Statistik in Italien, in Rom auf der Straße leben. Die Dunkelziffer ist weit höher. Bereits 2014 nannte das ISTAT den Verlust des Arbeitsplatzes als einen der häufigsten Gründe für die Obdachlosigkeit, gefolgt von der Trennung vom Partner und den Kindern. Hinzu kommen gesundheitliche oder psychische Probleme. Genau sagen lässt es sich nicht, warum Menschen auf der Straße landen – die jeweiligen Schicksalsschläge, Charakter und Persönlichkeit sind letztlich immer individuell. Vittorio Infante bestätigt, dass die persönliche Geschichte für Obdachlosigkeit eine Schlüsselrolle spielt.

Er ist Psychiater, Psychotherapeut und Präsident der Abteilung für transkulturelle Psychiatrie der Italienischen Gesellschaft für Psychiatrie (SSPT): „Mehr als die Hälfte der Obdachlosen ist von psychischen Störungen betroffen“, sagt Infante. „Dabei handelt es sich um Persönlichkeitsstörungen, die von Borderline- bis hin zu sozialen Störungen reichen. Psychosen oder schwere Depressionen sind weitere Faktoren“, erklärt der Psychiater, der sich seit vielen Jahren mit kulturellen Pathologien und psychischen Störungen von Obdachlosen beschäftigt. Oft sind diese Menschen durch eine grundlegende Verletzlichkeit geprägt oder reagieren auf bestimmte Entwicklungen im Leben überfordert. Auslöser für das Abdriften an den Rand gibt es viele. Und alle beeinträchtigen das harte Leben auf der Straße zusätzlich.

Sant'Egidio hilft in der Not

An solch schweren Schicksalen setzt die Gemeinschaft Sant'Egidio an, die in Rom vielfältig präsent ist. Die Hilfsaktion „Essen auf der Straße“, in der sich Matilde Napoli engagiert, gibt es seit den 80er Jahren. Die Initiative entstand, um Obdachlosen zu helfen und niemanden auf der Straße sterben zu lassen, sagt Alessandro Moscetta, der die Initiative koordiniert und in der Öffentlichkeitsarbeit von Sant'Egidio tätig ist. Unermüdlich organisiert der Enddreißiger, der als Projektmanager in einer Bank arbeitet und seit 20 Jahren dabei ist, die Verteilrunden und stiftet Kooperationen mit externen Partnern. Für diese Hilfsaktion gibt es Vereinbarungen mit Kantinen in der Stadt, beispielsweise mit der Mensa der Universität La Sapienza. Ob ein warmes Essen oder Sandwiches – alles wird frisch zubereitet.

Beständigkeit schafft Vertrauen

Sant'Egidio setzt auf Beständigkeit, um ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Menschen auf der Straße aufzubauen. Die Besuche der Freiwilligen, die einem freundschaftlichen Akt gleichen, erfreuen auch die Signora Elisabetta*. Jeden Abend sitzt sie am selben Platz eines Krankenhausgeländes in Rom. Mit ihren 80 Jahren zählt sie hier zu den Urgesteinen. Vielleicht ist sie immer hier, weil ihr die Nähe des Krankenhauses das Gefühl gibt, im Ernstfall schon am richtigen Ort zu sein.

Sie trägt einen schwarzen ausgebeulten Jogginganzug, die Flecken sind nicht zu übersehen. Ihr weißes, üppiges Haar reicht ihr bis zum Kinn. Den mitgebrachten Essensbeutel inspiziert sie genau. Munter plaudert sie von der Woche und über das Essen. Und wie zur Entschuldigung für ihr Aussehen ergänzt sie, dass ihr ein paar Ordensschwestern zwei Hosen abgenommen hätten, ohne sie zurückzubringen. Auch ihre letzte Dusche liegt schon länger zurück, sagt sie. Die Freiwilligen von Sant'Egidio sind vorbereitet. Neben Mahlzeiten verteilen sie auch Dusch-Bons. Einige Kirchengemeinden ermöglichen es den Obdachlosen zu duschen. Manchmal gibt es Einladungen zum Mittagessen. Oder sie bekommen das Büchlein „Rom, wo?“, in dem sie Tipps finden, wo sie essen, duschen oder schlafen können.

Es fehlt an Strukturen

All das ist zwar eine große Hilfe, aber nur ein Tropfen auf einem heißen Stein. Denn es fehlt an Strukturen, an Aufnahmeeinrichtungen und Wohnmöglichkeiten. Besonders deutlich zeigte sich das mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie. Was bislang für viele auf der Straße schon ein ständiger Kampf ums Überleben war, mündete in eine dramatische Notsituation. Die Option „Ich-bleibe-Zuhause“ gilt für Alberto, Elisabetta und die anderen nicht, da die Straße ihr Zuhause ist. Die Anlaufstellen mit Betten sind unzureichend, wie Emiliano Monteverde, Stadtrat für Sozial-, Gesundheits- und Sportpolitik im ersten Bezirk, angesichts der Krise sagt: „Ganzjährig gibt es etwa 750 Betten für Obdachlose in der Stadt, im Winter wird aufgestockt auf etwa 1 100.“

Die Herausforderung im Umgang mit COVID-19 bestehe darin, neue Räume zu öffnen, in denen die auf der Straße verbliebenen Menschen Schutz finden und ganztags bleiben können, ergänzt Monteverde. Einige Aufnahmezentren in der Stadt (in der Via Guicciardini, in der Via Sabotino, im Binario 95 am Bahnhof Termini, bei der Caritas) sind ganztags für die Obdachlosen geöffnet. Auch für die „Amici“ von Sant'Egidio gibt es einen Lichtblick: Ein Hostel der Stadt, das seit Beginn der Krise leer steht, stellte einige seiner Zimmer den Obdachlosen zur Verfügung. Alberto hat einen dieser Plätze. Vorerst bis Ende Mai dürfen er und die anderen hier bleiben. Über eine Verlängerung wird mit den Inhabern verhandelt.

Welle der Solidarität

Besonders schwer war es für die Obdachlosen, während der Ausgangssperre an Lebensmittel zu kommen. Bars und Cafés waren geschlossen. Menschen, die sonst halfen, waren hinter verschlossenen Türen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten ist es Sant'Egidio gelungen, über Spenden und das Aktivieren nachbarschaftlicher Netzwerke die Lebensmittelversorgung aufrecht zu erhalten. Eine Welle der Solidarität entstand: Viele Familien haben daheim warme Mahlzeiten gekocht, die dann auf den abendlichen Runden verteilt wurden. Die Bereitschaft zu helfen war hoch, die Touren konnten erhöht werden.

Neben der „Autocertificazione“ erhielten die Freiwilligen ein Dokument von Sant'Egidio, um sich ausweisen zu können sowie Masken und Desinfektionsmittel. Matilde Napoli betont dennoch: „Wir müssen sehr vorsichtig sein, vielleicht haben sie eine geringere Immunabwehr als wir, sie sind stärker gefährdet.“ Zumindest, bis sich die Lage entspannt, denn es ist noch zu früh, von einer Rückkehr zur Normalität zu sprechen, sagt Napoli. Wie sich die „Phase 2“ nach dem Lockdown entwickelt, bleibt abzuwarten.

* Die Namen der Obdachlosen wurden von der Redaktion geändert.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Hier kostenlos erhalten!