Zuckerbrot und Peitsche für Kubas Kirche

Internationale Gesellschaft für Menschenrechte: Die Katholiken könnten aber ähnliche Rolle wie in Polen spielen. Von Carl-Heinz Pierk
Foto: KNA | Die Kathedrale von Havanna.
Foto: KNA | Die Kathedrale von Havanna.

Havanna (DT) Der März 2003 ist als „Schwarzer Frühling“ in die Geschichte Kubas eingegangen. In der größten Verhaftungswelle seit Jahrzehnten ließ Staatsführer Fidel Castro 90 Regimekritiker und Menschenrechtler festsetzen, darunter zahlreiche Journalisten und Schriftsteller. Der Vorwurf: Sie sollten gegen das 1999 erlassene „Gesetz zum Schutz der nationalen Unabhängigkeit und der Wirtschaft Kubas“ verstoßen haben, einen Gummiparagrafen zur Ausschaltung der Opposition und Sanktionierung der unabhängigen Medien. Die meisten Inhaftierten wurden zu langen Haftstrafen verurteilt.

Die katholische Kirche in Kuba hatte im vergangenen Jahr in direkten Gesprächen mit der Staatsführung um Präsident Raúl Castro die Freilassung eines großen Teils der politischen Häftlinge erreicht, die im Rahmen des „Schwarzen Frühlings“ 2003 verhaftet worden waren. In die Erleichterung über die wiedergewonnene Freiheit mischt sich für die kubanischen Menschenrechtler freilich auch ein bitterer Beigeschmack: Die Dissidenten beklagen die Schwächung der Opposition durch Zwangsausweisungen. Nach Angaben der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt sitzen in den Gefängnissen der Castro-Diktatur noch mindestens 68 Menschen aus politischen Gründen ein. Ohne Ausnahme litten die Häftlinge unter menschenunwürdigen Bedingungen. Das kubanische Regime spiele „Zuckerbrot und Peitsche“ mit dem Ausland. So versuche es einerseits durch Zwangsexilierung bekannter politischer Gefangenen den Eindruck einer Öffnung vorzugaukeln, während im Inneren Repression und Folter weitergingen.

Nicht erst seit der Freilassung der ersten politischen Gefangenen ist die katholische Kirche auf Kuba in den Fokus des Interesses getreten. Sie gilt inzwischen als Katalysator für den Wandel. Der Erzbischof von Havanna, Kardinal Jaime Ortega, spielt eine Schlüsselrolle zwischen Regierung und Oppositionellen. Bisher hatte sich die katholische Kirche im Hintergrund gehalten. Das ist seit einigen Monaten vorbei, denn gleich mehrfach haben die Bischöfe öffentlich Reformen angemahnt und vor Konflikten gewarnt. In einer schriftlichen Erklärung mahnte kürzlich Kardinal Jaime Ortega, dass jegliche Art von Gewalt gegen hilflose Personen auf keine Weise zu rechtfertigen sei. Er reagierte damit auf den Hilferuf der „Damen in Weiß“. Ortega hatte sich auf deren Bitte mit den Frauen getroffen, die immer wieder das Ziel von Übergriffen des kubanischen Einparteien-Regimes sind. So wurden 22 Mitglieder der Bürgerrechtsgruppe am 8. September verhaftet und geschlagen, für mehrere Stunden festgehalten und schließlich an verschiedenen Orten abgesetzt. Nach Angaben der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte hatten die Frauen im ostkubanischen El Cobre an einer Messe zu Ehren der Schutzpatronin Kubas teilgenommen und dort Blumen verteilt. Etwa zur gleichen Zeit seien in Havanna mindestens vier Dissidenten festgenommen worden, die mit Spruchbändern an einer Prozession zu Ehren der Schutzpatronin Kubas teilgenommen hätten.

Dennoch will die katholische Kirche in Kuba ihren Kurs des Dialogs mit der kommunistischen Regierung in Havanna fortsetzen. Die einst engen Fesseln für die katholische Kirche sind etwas gelockert. Kardinal Ortega führte vor kurzem eine Prozession zum Marienheiligtum von Cobre an und lobte die aktuellen politischen Reformprozesse auf Kuba: „Wir atmen eine Atmosphäre des Wandels. Bitten wir die heilige Jungfrau, dass sie sich fortsetzt.“ Es war die erste offiziell erlaubte Prozession seit über fünfzig Jahren. IGFM-Vorstandssprecher Martin Lessenthin wertete die Äußerungen des Kardinals als „einen ersten politischen Höhepunkt“. Mittelfristig gesehen könnte die katholische Kirche in Kuba eine vergleichbare Rolle spielen wie im Polen der 80er Jahre, meinte er gegenüber dieser Zeitung.

Zudem nährte der Kardinal Spekulationen über einen möglichen Besuch von Papst Benedikt XVI. auf Kuba. Die kubanische Kirche habe den Heiligen Vater eingeladen, und der Papst habe nicht Nein gesagt, sagte Ortega dem TV-Sender Univision: „Ich war mit ihm in der Sommerresidenz in Castel Gandolfo, und er sagte mir: Wenn Gott will.“ Ein bedeutender Anlass bietet sich an: Das 30 Zentimeter große Gnadenbild der Heiligen Jungfrau von Cobre, der „Virgen de la caridad“, wird im kommenden Jahr 400 Jahre alt. Die Bischöfe Kubas hatten in ihrer Botschaft zum Beginn der Vorbereitungszeit erklärt, als „Mutter aller Kubaner” sei sie eine „Fackel der Hoffnung und die Verheißung einer besseren Zukunft”. 1916 wurde die Jungfrau von Cobre von Papst Benedikt XV. zur Schutzpatronin Kubas ernannt. Papst Johannes Paul II. krönte die Jungfrau von Cobre am 24. Februar 1998 und erklärte sie zur „Mutter der Versöhnung” für Kuba.

Staat und Kirche in Kuba haben sich seit dem Besuch von Papst Johannes Paul II. im Januar 1998 aufeinander zubewegt. Die Kirche beobachte, dass „der christliche Glaube wieder wertgeschätzt wird“, hatte Kardinal Ortega in einer gut besuchten Messe zu Ehren der Jungfrau der Mildtätigkeit gesagt, deren Bild seit August vergangenen Jahres bis zum kommenden 30. Dezember eine Pilgerfahrt durch den Inselstaat unternimmt. Die Diözesen des Landes haben 2012 zum Jubiläumsjahr erklärt und hoffen, dass zahlreiche Pilger aus dem In- und Ausland zum Wallfahrtsort Santuario del Cobre in der Nähe von Santiago de Cuba kommen. An ihrer Spitze der Papst.

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