Wenn Männer mit schwanger gehen ...

... können Väter Beschwerden wie ihre Partnerin entwickeln Von Claudia-Maria Dambacher

Würzburg (DT) Es ist mehr als nur eine romantische Vorstellung: Manche Männer entwickeln während der Schwangerschaften ihrer Partnerinnen heftigere Symptome als diese selbst. Nicht nur Fälle „solidarischer Gewichtszunahme“ sind bekannt, sondern auch solche, die darüber weit hinausgehen. Bisweilen leiden Partner schwangerer Frauen unter Bauchschmerzen, Stressattacken, Kopfschmerzen, ein anderes Mal überfällt sie ein Gefühl von Panik. Ob es sich nun um eigenwillige Interpretationen oder tatsächliche Beschwerden handelt – in jedem Fall hat das Phänomen einen Namen. Männliche Schwangerschaftsbeschwerden werden unter dem Begriff „Couvade-Syndrom“ zusammengefasst.

Als „Couvade“ – vom französischen „couver“, das übersetzt austragen oder brüten heißt – bezeichnet die Ethnologie spezielle Verhaltensweisen werdender Väter rund um die Geburt ihrer Kinder. Bekannt wurde der Begriff in den vergangenen Jahren durch das Couvade-Syndrom. Im Gegensatz zum Phänomen der Couvade an sich ist dieses allerdings wissenschaftlich schwer greifbar.

„Ob jemand Kopfschmerzen, die er vielleicht auch sonst gehabt hätte, direkt mit einer angehenden Vaterschaft in Verbindung bringt, ist letztlich Auslegungssache“, sagt der Kasseler Ethnologe Jürgen Kunz. „Außer Frage steht allerdings, dass häufig besondere männliche Verhaltensweisen mit der Schwangerschaft der Partnerin verknüpft sind.“ Die Männer der Urabunna in Zentralaustralien dürfen beispielsweise während der ersten drei bis vier Monate der Schwangerschaft ihrer Partnerin kein Großwild jagen. Bei den Yagua ist es dem Ehemann die ersten zwei Tage nach der Geburt seines Kindes untersagt, die Hängematte zu verlassen. Weitere acht Tage darf er keine Pflanzen schneiden, nicht singen, Flöte spielen oder eine Trommel schlagen. Und den Männern der Yuma im Südwesten der USA ist es nicht erlaubt, während der Schwangerschaft ihrer Frauen tote Tiere anzusehen – was die Jagd natürlich enorm erschwert.

Rund um diese Verhaltensweisen der Couvade sieht Jürgen Kunz eine spannende Analogie zum aufgeklärten und vor allem emanzipierten Westeuropa unserer Zeit. „Mir fällt auf, dass Männer heute ihr Verhalten dramatisch verändern, sobald ihre Partnerinnen in der Nähe sind“, sagt Jürgen Kunz. „Und viele legen sich selbst Tabus auf, sobald ihre Frau schwanger ist: Sie verzichten bereitwillig auf Sport, Abende mit Freunden, den Sportwagen.“ Solche Handlungsweisen, so seine These, gibt es in patriarchalen Gesellschaften praktisch nicht. Was den deutschen Paaren unserer Zeit und Paaren indigener Stammeskulturen gemein ist, sei gewissermaßen die Partnerschaften auf Augenhöhe. Trennungen und Scheidungen seien in beiden Kulturen auch von Seiten der Frauen möglich. Und in dem Maß, in dem dies der Fall ist, legen Männer offensichtlich mehr Wert darauf, Zeit mit ihren schwangeren Frauen zu verbringen.

„Wir wissen mittlerweile, dass das an den weiblichen Sexualduftstoffen, den Pheromonen, liegt“, erklärt Jürgen Kunz. „Diese verändern den Hormonhaushalt der Männer – umso mehr, je mehr sie sich in der Nähe ihrer Partnerinnen aufhalten.“ Studien zeigten, dass sich Männer durch diese hormonelle Veränderung väterlicher verhalten und beispielsweise auf das Schreien von Babys intensiver reagieren.

„Dadurch wird das alles doch sehr logisch“, folgert der Ethnologe. „Die Natur macht uns quasi Verhaltensvorschläge.“ Je labiler die Beziehungsstrukturen in einer Gesellschaft sind, umso wichtiger ist es für Frauen, dass eine enge Vater-Kind-Beziehung aufgebaut wird – und dafür sorgen sie unbewusst durch ihre Pheromone. Ihre Männer werden anhänglicher und finden dafür durchaus auch Erklärungen: Hierzulande mag es die vermeintliche Bedürftigkeit ihrer Frauen sein, bei den Stämmen Südamerikas sind es die Naturgeister, die durch ein Jagdverzicht besänftigt werden müssen. Der eigentliche Grund aber sind wie so oft die Hormone. Besonders stark verändert sich der männliche Hormonhaushalt denn auch in Fällen, in denen werdende Mütter auf kein großes soziales Netzwerk zurückgreifen können. Sie schütten besonders viele Pheromone aus, weil sie in besonderem Maß auf den Vater des Kindes angewiesen sind. Dass mit den Hormonschwankungen der angehenden Väter auch das ein oder andere körperliche Symptom einhergeht, ist nicht weiter verwunderlich. „Es hat sich aber gezeigt, dass die Beschwerden stark kulturgebundene Phänomene sind“, räumt Jürgen Kunz ein. „US-Studien kamen zu ganz anderen Ergebnissen als italienische oder deutsche.“ Einen wichtigen Einfluss auf die Befindlichkeit „schwangerer Männer“ hat jedoch überall die soziale Situation. Vorangegangene Fehlgeburten oder Zukunftssorgen verursachen nicht nur bei werdenden Müttern körperlichen Stress. Männer, die sich dagegen in ihrer Beziehung und Lebenssituation sehr sicher sind, sind eher selten „mitschwanger“.

Doch auch für diejenigen, die klare Symptome zeigen, gilt: Im Gegensatz zu Frauen, die ihre Schwangerschaftsbeschwerden mit Freundinnen, in Selbsthilfegruppen und Internetforen im Detail besprechen, wird das „Couvarde-Syndrom“ selten thematisiert. „Ich spiele Fußball“, erzählt Jürgen Kunz. „Wenn da ein werdender Vater aus Krankheitsgründen einmal nicht zum Training kommt, dann kommt schon mal der ein oder andere Spruch. Aber das war's dann auch.“

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