„Unser Geschenk an die Region“

Die „Lebendige Krippenweihnacht“ im Brandenburgischen Paretz berührt besonders Nicht-Gläubige in der Diaspora. Von Rocco Thiede
Foto: KNA | Spontan dabei im weißen Kleid mit Engelsflügeln.
Foto: KNA | Spontan dabei im weißen Kleid mit Engelsflügeln.

„Die Hirten an der Krippen sind und beten an das Kind...“, singt der Laienchor in die dunkle Sternennacht. Fackeln erhellen die Szene auf dem Vierseithof, den zuvor zwei Kinder als Maria und Josef verkleidet auf einem Holzkarren erreichten. Zwei kleine braune Pferde, flankiert von einem Esel, ziehen eine Holzkarre. Auf ihr liegt das Jesuskind, welches nicht, wie oft bei ähnlichen Aufführungen, eine Puppe, sondern ein strampelndes Baby ist. Andere Kinder sind als Hirten verkleidet und laufen dem Tross voran. Es duftet nach Holzfackeln, Tieren, Stroh und Heu. In der Ferne, jenseits des Hofes, warten Schafe und Kälber, die von Zeit zu Zeit lautstark mähen und muhen.

Zum 12. Mal findet vor den Toren Potsdams die „Paretzer Dorfweihnacht“ mit einem lebendigen Krippenspiel statt. Dieser Höhepunkt in der Adventszeit zieht von Jahr zu Jahr immer mehr Hauptstädter und Gäste aus den benachbarten Bundesländern in das kleine brandenburgische Dorf.

Besonders Kunstfreunden ist das gut 40 Kilometer von Berlin entfernte Paretz an der Havel durch einen Sommersitz des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. und seiner Frau Königin Luise bekannt. In das nach dem Mauerfall liebevoll restaurierte Schloss und seinen Park kommen vom Frühjahr bis zum Herbst mittlerweile Touristen aus ganz Deutschland. Doch zur Adventszeit zieht es einen ganz besonderen Besucherstrom in die Havelniederung mit seinen knapp 400 Einwohnern: Große und kleine Menschen wollen das „Lebendige Krippenspiel“ erleben, das in dieser Form eine einmalige Institution im Osten Deutschlands sein dürfte.

„Hört zu, hört zu, wir künden Euch an, was Gott für unsere Welt getan. Überm Stall der helle Stern, zeigt Euch die Geburt des Herrn. Geht los, geht los und eilt zu dem Kind. Steht nicht herum und lauft los geschwind. Dieses Kind bringt ganz allein Frieden in die Welt hinein“, spricht laut und deutlich ein kleines Mädchen in ein Mikrofon. Große und kleine Menschen lauschen andächtig der Aufführung, die nur hin und wieder vom „Ii-a-Ii-a“ des alten Esels unterbrochen wird. Engagiert tragen die kleinen Laienschauspieler ihre Texte vor. „Wacht auf, wacht auf. Was kann das nur sein? Um uns herum ist ein heller Schein. Schaut euch doch den Himmel an! Seht, das werden Engel sein …“, verkündet ein Schulbub dem Publikum.

Um eine möglichst authentische Atmosphäre der Ereignisse um die Geburt Jesu zu erreichen, startet das lebendige Krippenspiel erst kurz vor Einbruch der Dunkelheit um 16 Uhr vor dem Schloss. Von hier setzen sich Maria und Josef – musikalisch begleitet von einem Chor der evangelischen Grundschule Potsdam sowie der Gruppe „Ketziner Havelklänge“ – in Bewegung.

Ideengeber und Initiator des Krippenspiels ist die Familie Hipp. Sie zog vor über einem Jahrzehnt aus Bayern in den Osten Deutschlands. Vater Markus Hipp ist katholisch und berichtet, wie alles begann: „Meine Frau kommt ursprünglich aus München und betrieb dort einen Reiterhof. Dort war die Stallweihnacht eine alte Tradition.“ Mit einer kleinen Stallweihnacht hat auch in Paretz alles begonnen. Erst kamen nur die Reiterkinder aus dem Dorf und der Umgebung sowie einige Freunde. „Und weil’s allen so gefallen hat, haben wir es dann im zweiten Jahr mit den Vereinen hier im Dorf organisiert und das Krippenspiel etwas erweitert“, erzählt Markus Hipp. „Jedes Jahr“, schwärmt er, „wird die Geschichte an irgendeiner Stelle weiter geschrieben und alles etwas schöner.“

Die Protagonisten dieser lebendigen Krippenweihnacht sind fast ausnahmslos Kinder aus dem Ort und der Nachbarschaft. Schon an den Adventswochenenden vorher wird eifrig geprobt. Am Ende beteiligen sich etwa 20 bis 30 Kinder, weil einige auch spontan mit einem weißen Kleid und Engelsflügeln kommen und aktiv dabei sein wollen. „Manche spielen dann auch ein paar Jahre mit, so dass wir nicht immer ganz von vorn anfangen müssen“, erklärt Markus Hipp.

Seine Frau Claudia ist seit vielen Jahren eine passionierte Reiterin. Die gelernte Krankengymnastin betreibt als Unternehmerin den „Storchenhof“ als Herberge mit angeschlossenem Landwirtschaftsbetrieb. Sie ergänzt die Ausführungen ihres Mannes: „Am Anfang haben wir hier alles ganz einfach gemacht, ohne Beleuchtungstechnik und Mikrofone.“ Aber als in einem Jahr fast 800 Menschen dabei sein wollten, mussten sie technisch aufrüsten.

Claudia und Markus Hipp haben zusammen vier Kinder. Mutter Claudia schwärmt: „Ich bin gottfroh, dass die eigenen Kinder noch mitmachen.“ Der 16-jährige Sohn Leon ist schon das sechste Mal dabei und berichtet stolz: „Ich war jetzt zwei Jahre lang für die Technik verantwortlich. Sonst war ich immer der Josef, den hat heute mein Bruder gespielt.“ „Zum Glück findet sich auch immer ein Baby als Jesuskind“, ergänzt seine Mutter. Mittlerweile melden sich einige Mütter schon im Oktober und November per E-Mail bei ihr und bieten ihren Nachwuchs für das Krippenspiel an.

Das Publikum hat bei der Aufführung glänzende Augen und ist durchweg begeistert. So wie Christina Kotzone mit ihrer fünfjährigen Tochter Laura, die heute, wie auch bereits vor fünf Jahren dabei war. „Wir kommen aus der Gegend um Dalgow und meine Tochter war schon mal das Jesuskind und spielt heute einen Engel“, sagt sie. Auch das ist eine Besonderheit in Paretz: Das Jesuskind muss nicht immer ein kleiner Junge sein.

Für die beteiligten Eltern der Kinder spielen nicht zwingend Motive der frühreligiösen Erziehung eine Rolle. Das bestätigt Dirk Schneider, Vater zweier kleiner Kinder: „Unser Sohn Mika ist vor zwei Jahren ebenfalls schon das Christkind gewesen und unsere drei Monate alte Lucie ist es in diesem Jahr. Es ist für uns eher ein schöner Event, da wir weniger religiös unterwegs sind“, sagt Schneider.

Anders ist es für Franziska Helmar aus Birkenwerda bei Berlin, die zum ersten Mal mit ihren zwei Kindern beim Krippenspiel in Paretz zuschaut und von sich sagt, „christlich orientiert“ zu sein. „Wir sind alle schwer begeistert und es kann einem gerade mit Kindern zu dieser Jahreszeit nichts Besseres passieren, als so ein Krippenspiel zu erleben. Das ist eine ideale Vorbereitung auf Weihnachten, vielleicht auch für Familien, die davon inhaltlich weiter entfernt sind. Ich finde es unglaublich, was der Ort hier auf die Beine gestellt hat.“

Der Aufwand für die Vorbereitungen zum Krippenspiel ist nicht gering: Die Technik muss organisiert werden, wie Beleuchtung oder Ton, und Kleider werden genäht. Einige Kulissen ergänzen das historische Flair des alten Bauernhofes von Familie Hipp. Aber wer kommt finanziell für das Krippenspiel auf, für das am Ende lediglich eine kleine Spende erbeten wird? Gibt es Mittel von der Gemeinde, der Kirche, dem Land Brandenburg oder einer Regionalförderung? Markus Hipp, der wochentags als Geschäftsführer einer großen Stiftung in Berlin arbeitet und auch international viel unterwegs ist, stellt klar: „Nein, das ist quasi unser Weihnachtsgeschenk hier an die Region. Das machen wir einfach so, weil es uns Freude macht. Und wir schauen auch, dass es eine rein gemeinnützige Sache bleibt.“

Als auswärtiger Besucher fragt man sich natürlich, wie die Unterstützung einer solch aufwendigen Veranstaltung, zum Beispiel durch die christlichen Kirchen läuft. „Der evangelische Kirchenchor wirkt traditionell mit“, bestätigt Claudia Hipp. Und wie reagieren in einer religionsfernen Region, wie es das Land Brandenburg nun einmal ist, die Menschen auf die Weihnachtsgeschichte aus dem Neuen Testament? „Zwar ist es hier sehr atheistisch geprägt – wir leben halt in einer Diaspora – aber es wird gerade von denen, die Weihnachten nicht in eine Kirche gehen, vielleicht eher angenommen“, meint Claudia Hipp. Und sie berichtet von einer jungen Mutter, die sie einst fragte, ob sie ihr einmal das Buch ausborgen könne, in dem so eine tolle Geschichte nachzulesen ist: „Im ersten Moment war ich ganz kurz erschrocken! Dann habe ich ihr die Bibel gegeben.“ Nach zwei Wochen kam die junge Frau wieder und bedankte sich. Obendrein gab sie zu, jetzt endlich auch den Sinn der schönen Lieder zu verstehen, die sie in Paretz hörte: „Ihr Kinderlein kommet“ oder „Stille Nacht, heilige Nacht“.

Die nächste Paretzer Dorfweihnacht findet am Sonntag, den 3. Advent, statt

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