Und noch immer gibt es Lepra

Welt-Lepra-Tag: Nur konsequente Hilfe kann Betroffenen helfen, die Krankheit einzudämmen. Von Reinhard Nixdorf
Foto: dpa | Stigmatisiert und oft dem Tode nah: Leprakranke sind auf Hilfe angewiesen.
Foto: dpa | Stigmatisiert und oft dem Tode nah: Leprakranke sind auf Hilfe angewiesen.

Schon von J?rgen 625 gehört? J?rgen 625 war eine junge Frau im mittelalterlichen Dänemark. Ihr Skelett wurde aus dem Friedhof St. J?rgensen ausgegraben und ist Teil einer riesigen Knochensammlung an der Universität Süddänemark. Teile ihres Skeletts haben Wissenschaftler aus Kiel, Lausanne und Tübingen untersucht.

J?rgen 625 fehlt ein Teil der Nase, die Knochen sehen aufgeraut aus. Denn J?rgen 625 hatte Lepra. Im Mittelalter litt in bestimmten Regionen Europa jeder Dreißigste an Lepra. An der Wende zum 16. Jahrhundert ging die Seuche plötzlich zurück. Um die Ursache herauszufinden, untersuchten die Forscher Knochen, entschlüsselten Erbinformationen des damaligen Lepra-Erregers und verglichen sie mit Proben heute Erkrankter. Ergebnis: Das Genom der mittelalterlichen Bakterienstämme ist praktisch identisch mit heutigen Erregern, seine Wirkungsweise hat sich kaum geändert. Ursache für den Rückgang der Lepra muss die stärkere Immunität des Menschen gewesen sein.

„Je mehr man von einem Erreger weiß, umso besser“, sagt Oswald Bellinger, medizinischer Berater bei der Deutschen Lepra und Tuberkulose-Hilfe (DAHW) gegenüber der Tagespost. Bilanz im Kampf gegen die Seuche anlässlich des morgigen Welt-Lepra-Tags: Noch immer gibt es über 200 000 Neuerkrankte: in Indien, Afrika, Brasilien und im Süden der USA. Offenbar entscheidet das Immunsystem darüber, wie Lepra wirkt: Ist die Immunantwort schlecht, befallen viele Lepra-Bakterien die Nervenbahnen und schädigen Nerven, Knochen und Fleisch: An den Extremitäten werden die Knochen dünner und ziehen sich zurück. Eine Art Auto-Amputation geht vor sich. An den verkürzten Fingern sieht man noch die Fingernagel, an den kurzen Zehen die Zehennägel. Doch auch wo die Immunantwort besser ist, richten Bakterien Schaden an: Betroffene Nervenzellen verlieren an Sensitivität. Erkrankte, die mit Feuer oder scharfen Gegenständen arbeiten, verletzen sich, weil sie nichts spüren und infizieren sich mit anderen Krankheiten.

Bis heute ist nicht exakt geklärt, wieso manche Menschen an Lepra erkranken und andere nicht, oder wie die Infektionswege aussehen: „Einige dieser Unbekannten lassen sich durch neue molekulargenetische Diagnostik besser untersuchen“, sagt Oswald Bellinger. „Voraussetzung dazu wäre allerdings, dass mehr Gelder für die Entwicklung besserer Untersuchungsmethoden und die Finanzierung von Forschungsvorhaben dafür bereitgestellt werden. So hat eine von der DAHW unterstützte Studie in Togo gezeigt, dass lebende Lepra-Bakterien in der Nasenschleimhaut von gesunden Familienangehörigen von Leprapatienten gefunden werden. Dies legt eine Tröpfcheninfektion nahe und erlaubt die Bedeutung von infektiösen Überträgern für die Epidemiologie der Lepra, und damit auch für deren Übertragung, zu untersuchen.“

Bringt uns das entschlüsselte Lepra-Genom dem Ziel eines Lepra-Impfstoffs näher? „Leider nur einen kleinen Schritt“, sagt Oswald Bellinger. „Bei der geringen Bedeutung der Lepra in Ländern, die sich teure Impfstoffe leisten können, ist das Interesse der Impfstoffentwickler leider sehr gering. Lepra ist heute mehr denn je eine Armutskrankheit.“ Schon aufgrund ihrer finanziellen Lage sind unterentwickelte Länder kaum in der Lage, gegen Lepra zu kämpfen. Würden Lepra-Hilfsorganisationen ihre Unterstützung zurückziehen, gäbe es überhaupt keinen mehr, der gegen Lepra kämpft. „Hauptproblem ist die frühzeitige Erkennung der Krankheit“, sagt Oswald Bellinger. „Sie wird oft nicht rechtzeitig erkannt, sodass bei Diagnosestellung schon unwiderruflich Nervenschäden, Gewebezerstörung und Funktionsverlust von Gliedmaßen aufgetreten sind.“

Stigmatisierung von Leprakranken in der Dritten Welt verschlechtert ihre Chance auf Heilung und Rehabilitation. Unter Initiative der DAHW wurde vor vierzig Jahren ein Antibiotika-Mix entwickelt, mit dem sich Lepra heilen lässt – vorausgesetzt, sie wird frühzeitig erkannt und Erkrankte halten konsequent die Therapie ein. „Das Segensreiche an Antibiotika wird bei kaum einer anderen Krankheit so deutlich wie bei der Lepra“, sagt Oswald Bellinger. „Während bei anderen Krankheiten, wie der Tuberkulose in Europa, der Rückgang der Erkrankungszahlen schon vor der Antibiotika-Ära mit Verbesserung der Hygiene und der allgemeinen Lebensbedingungen im ausgehenden neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert eintrat, konnte bei Lepra erst durch die Einführung der Kombinationstherapie ein dramatischer Rückgang der Erkrankungszahlen erreicht werden und damit nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO vierzehn Millionen Menschen innerhalb der letzten zwanzig Jahre geheilt werden.“ Durch die Kombination von mehreren Medikamenten werde verhindert, „dass sich der langsam wachsende und vermehrende Erreger an ein Medikament ,anpasst‘ und gegenüber diesem Medikament resistent wird“, so Bellinger. „Dies führt dazu, dass sich anfangs zwar die Krankheitssymptome bessern, die Erreger aber nicht vollständig aus dem Körper entfernt werden können und einzelne Erreger gegenüber diesem Medikament unempfänglich werden und dann (durch Selektion) sich im Körper trotz Medikation ausbreiten können. Eine Kombinationstherapie von Anfang an verhindert dies.“

Indes hat die Weltgesundheitsorganisation WHO im Jahr 2000 aufgrund des Rückgangs der Kranken Lepra vorschnell für eliminiert erklärt – ein Rückschlag im Kampf gegen die Seuche. „Die Definition der WHO: ,wenn weniger als 1/10 000 der gesamten Bevölkerung in einem Jahr am Lepra erkrankt, gilt die Lepra dort als eliminiert‘, hat dazu geführt, dass 119 der 122 Länder nun Lepra als kein Gesundheitsproblem mehr ansehen und ihre Aktivitäten in der Leprabekämpfung deutlich zurückgefahren haben“, sagt Oswald Bellinger. Erfahrungen der DAHW in ihren Projekten zeigten aber, dass sich Lepra auch bei einer Erkrankungsrate von 1/10 000 ausbreiten kann. „In einigen Ländern ist der Rückgang der Neuerkrankungszahlen weniger geworden, ja in einzelnen Länder zeigt sich sogar wieder ein leichter Anstieg, insbesondere bei Kindern.“

Denn, warnt der DAHW-Experte: „Eliminiert nach WHO-Definition bedeutet leider nicht ausgerottet. Durch diese Definition wurde ein falsches Signal gesetzt mit der Konsequenz, dass staatliche und internationale Gelder nun zur Leprabekämpfung nicht mehr in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen.“ Leprapatienten seien zunehmend auf nichtstaatliche Organisationen angewiesen: „Daher ist die DAHW und ihre internationalen Partner innerhalb der ILEP ((The International Federation of Anti-Leprosy Associations) trotz der erfreulichen Rückgangs der Erkrankungszahlen weiterhin gefordert, sich für eine Welt ohne Lepra zu engagieren.“

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