Türchen um Türchen

Eine kleine Geschichte der Adventskalender: Wie man den Kindern die Zeit bis Heiligabend verkürzte. Von Karl-Heinz Wiedner
Foto: KNA | Kinder freuen sich besonders über die kleine Überraschung jeden Tag.
Foto: KNA | Kinder freuen sich besonders über die kleine Überraschung jeden Tag.

Lang ist's her, als gläubige Christen mit dem Begriff „Adventus“ in erster Linie die Vorbereitung auf die Ankunft des Erlösers, auf das Fest der Geburt Christi verbanden. Die Vorweihnachtszeit leitete zugleich das neue Kirchenjahr ein. Heiligenfeste wie Andreastag, Barbaratag, Nikolaus, Luzia oder Thomastag gliedern die erwartungsvolle Zeit vielerorts noch heute, auch wenn adventliches und weihnachtliches Gedankengut von Jahr zu Jahr mehr und immer früher durch kommerzielle Inhalte ersetzt wird. Kirchliches und weltliches Brauchtum zielten einst darauf ab, die Gläubigen in Erwartungshaltung zu versetzen, die Zeit der weihnachtlichen Fastenzeit von Martini bis zum Christfest zu verkürzen.

Schrecklich lang erschienen vor allem immer den Kindern die Wochen vor Heiligabend. Bis ins 17. Jahrhundert hinein lassen sich die eigentlichen Ursprünge des Adventskalenders zurückverfolgen. So wurden in religiösen Familien „im Dezember 24 Bilder nach und nach an die Wand gehängt. Einfach, aber nicht weniger effektvoll, war eine andere Variante: 24 an die Wand oder Türe gemalte Kreidestriche, von denen die Kinder täglich einen wegwischen durften – sogenannte Strichkalender. Oder es wurden – vor allem in katholischen Regionen – Strohhalme in die noch leere Krippe gelegt, immer ein neuer Halm für jeden Tag bis Heilig Abend“, wie aus der Geschichte des Adventskalenders des Richard Sellmer Verlages in Stuttgart nachzuvollziehen ist.

Volkskundler erwähnen das spätmittelalterliche sogenannte „Klausenholz“, das als volksfrommer Gebetszählbrauch bei Kindern auf dem Lande, vor allem sowohl im Württembergischen wie auch im Badischen sowie im angrenzenden Ausland noch um 1900 zur adventlichen Abwechslung gehörte. Nach jedem Gebet und Vaterunser, nach einer guten Tat, versahen Buben und Mädchen einen Holzstecken mit einer Kerbe und übergaben ihn schließlich zum Beweis ihres gottesfürchtigen, braven Verhaltens dem Nikolaus. Vorweihnachtliche Zeitmesser waren auch selbst gebastelte „Uhren“ mit in 24 Felder aufgeteilten Zifferblättern. Auch Kerzen benutzte man vielerorts ebenfalls zur Tagezählung: ein dickes Adventslicht durfte jeden Tag bis zur nächsten Markierung abbrennen. Oberkirchenrat Johann Hinrich von Wichern ließ neben dem ersten Adventskranz im größten Berliner Waisenhaus als „Kalender“ bis Heiligabend für jeden Tag eine Kerze mehr entzünden.

Bezeugt sind erste selbst hergestellte Vorläufer der Adventskalender aus dem Jahr 1851. Am bekanntesten wurde der, den die schwäbische Pfarrersfrau Lang aus Maulbronn im Jahre 1883 für ihren Sohn Gerhard anfertigte. Sie nähte 24 kleine Gebäckstücke auf einen Karton und versüßte ihm das Warten aufs Christkind. Gerhard Lang griff als Teilhaber der lithografischen Anstalt „Reichhold & Lang“ in Schwabing sein Kindheitserlebnis auf und druckte ab 1908 den „Münchener Weihnachts-Kalender“. Die Kekse ersetzte er durch farbenprächtige Zeichnungen, die man ausschneiden und auf Kalenderfelder kleben konnte. Hinterklebte Kalender mit zu öffnenden Fensterchen kamen nach 1920 in Mode und wurden in diesem Betrieb schließlich in 30 Motiven herausgegeben. Daneben fertigte die badische Sankt Johannis Druckerei religiöse Adventskalender, in deren Fensterchen statt Bildern Bibelverse zu finden waren. Aus der seinerzeit in Dresden ansässigen Süßwarenfabrik „Petzold & Aulhorn“ stammten erste mit Schokolade gefüllte Kalender.

In der Nachkriegszeit konnte der Adventskalender wieder an seinem Erfolg anknüpfen: 1946 produzierte der Stuttgarter Verleger Richard Sellmer – anfangs in seinem Wohnzimmer – als erstes Motiv „Die kleine Stadt“ vollständig von Hand und stellte den Kalender auf der Frankfurter Messe aus. Amerikanische Einkäufer wurden erstmals auf diesen deutschen Brauch zur Adventszeit aufmerksam und importierten fortan Adventskalender aus Stuttgart-Rohr. Präsident Eisenhower und First Lady Nixon gehörten zu den Kalenderliebhabern, jedes Jahr wurde in den USA eine Adventskalender-Königin gekürt. Man begann das Programm um zahlreiche, recht aufwändig gestaltete Adventskalender zu erweitern, auf Krippen aus Karton auszudehnen und beliefert inzwischen über 30 Länder. Neben den USA sind darunter Kunden in Australien, Japan, Namibia, Neuseeland und Ungarn. Bis 1950 wurden Adventskalender hauptsächlich in Handarbeit produziert – Arbeiten, die heute moderne Maschinen verrichten. Nach dem Tode von Richard Sellmer übernahm dessen Sohn Till die Geschäftsleitung und rationalisierte die Herstellung, um größere Stückzahlen zu erzielen.

Jahr für Jahr verlassen einige Millionen Adventskalender die Stuttgarter Firma; auch der inzwischen im Verlag tätige Enkel Frank Sellmer legt Wert darauf, die vorweihnachtliche Tradition des Adventskalenders zu erhalten und die inzwischen über 100 verschiedenen Motive dem breiten Publikum näherzubringen.

Bei diesem in Deutschland einzigen Spezialisten für die adventlichen Zeitmesser „weihnachtet“ es das ganze Jahr über. 1989 wurde nach einem Motiv des Sortiments gar ein Adventskalender von über 12 Metern Höhe gefertigt, 1998 konnte man mit dem Erlös des Kalenders „Alt Stuttgart“ die Stiftskirche renovieren.

Die Motive des Bildhintergrundes mögen Modeeinflüssen unterworfen sein und den religiösen Bezug oft verloren haben, aber für Kinder und viele Erwachsene ist das Öffnen eines Adventskalendertürchens im Dezember auch heute noch ein ganz besonderes Ritual. Wie der Tannenbaum zu Heiligabend, gehört der Adventskalender zu einer netten Tradition, die brauchtumsmäßig auf das Klausenholz zurückzuführen ist und vor rund einhundert Jahren in längst vergessener Form im Schwäbischen einen neuen Ursprung fand.

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