„Tue ich das für andere oder für mich selbst?“

Zeugen des Alltags: Geschäftsfrau Mechthild van Schelve lebt den Glauben im Kontakt mit ihren Kundinnen. Von Gerd Felder
Foto: Felder | Geschäftsfrau in Münsters Innenstadt und überzeugte Katholikin: Mechthild van Schelve, Inhaberin eines Damen-Oberbekleidungsgeschäfts.
Foto: Felder | Geschäftsfrau in Münsters Innenstadt und überzeugte Katholikin: Mechthild van Schelve, Inhaberin eines Damen-Oberbekleidungsgeschäfts.

Münster (DT) Ihre äußere Erscheinung ist so nobel und distinguiert wie ihr Auftreten insgesamt: Mechthild van Schelve wirkt zurückhaltend, fast schüchtern und strahlt doch eine vornehme Haltung aus, ohne dabei arrogant oder überheblich zu sein. Die 68-Jährige ist Inhaberin eines Damenmodengeschäfts gleich um die Ecke von Münsters berühmtem Prinzipalmarkt – und ist zugleich ehrenamtlich als Lektorin und Kommunionhelferin am Kirchort Herz Jesu aktiv, der zu der Großpfarrei St. Mauritz im Süden der Bischofs- und Universitätsstadt gehört. Die Geschäftsfrau trägt ihre christliche Überzeugung nicht demonstrativ vor sich her, und doch schimmert diese Grundhaltung durch und ist bei ihr ständig spürbar. „Dabei empfinde ich mich trotz meines Gottvertrauens eher als laue Christin, wenn ich sehe, wie stark andere sich in das Gemeindeleben einbringen“, urteilt sie selbstkritisch.

In der Familie spielte der Glaube keine Rolle

1949 im Dorf Dackmar bei Warendorf geboren, wuchs die kleine Mechthild nicht, wie man vielleicht erwarten könnte, in einer stark katholisch geprägten Familie auf. „Mein Vater kam aus Dresden und war evangelisch, meine westfälische Mutter war katholisch“, berichtet sie. „Ebenso wie mein älterer Bruder wurde ich katholisch getauft und ging zur Kommunion, aber der Glaube spielte bei uns keine Rolle.“ Sonntags wurden die beiden Kinder von ihren Eltern in die Messe geschickt, die sie selbst nicht besuchten. Auf einen festen katholischen Glauben traf Mechthild einzig und allein bei ihrer Großmutter mütterlicherseits. Sie besuchte die Fürstin-von-Gallitzin-Realschule und machte anschließend eine Ausbildung zur Bürokauffrau bei ihrer Tante Margret Junglas, die damals das Damenoberbekleidungsgeschäft führte. Schon mit 17 Jahren heiratete sie einen evangelischen Mann und wurde mit 18 Jahren Mutter, doch nach sechs Jahren wurde die Ehe bereits geschieden. Nach einem Intermezzo im evangelischen Kindergarten in Greven bei Münster lernte sie ihren zweiten Mann, „einen Katholiken bis auf die Knochen“, kennen und heiratete ihn im Jahr 1974. Damit tat sich ein anderes Betätigungsfeld auf: Das Ehepaar übernahm den ABC-Schützenhof, eine renommierte Gaststätte, in der sich zeitweise alles, was Rang und Namen hatte – Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Sport – ein Stelldichein gab. 30 Jahre führte das Ehepaar den renommierten Gastronomiebetrieb, der für seine Veranstaltungen und Events bekannt war. „Wenn man einen solchen Betrieb leitet, bekommt man große Menschenkenntnis“, resümiert die Geschäftsfrau. Wurde ihre christliche Haltung dabei vielleicht manchmal auf eine harte Probe gestellt? Mechthild van Schelve freut sich noch im Nachhinein, dass es selten mit einem Gast schwierig wurde, „aber wenn, dann hat mein Mann mich vorgeschickt, denn ich kann gut zuhören, bin sehr ruhig und fahre nicht aus der Haut“.

Acht Jahre lang – von 1993 bis 2001 – hat sie sogar die Gaststätte und das Damengeschäft parallel betrieben. Eine Überbeanspruchung? „Ach, wissen Sie, alles, was man gern tut, das fällt einem nicht schwer“, meint sie gelassen. Inzwischen führt sie den Laden in Münsters Innenstadt seit 25 Jahren, muss aber einräumen, dass es nicht leicht ist, gegen die Konkurrenz der großen Geschäfte und des Internets anzukommen. Ältere Kundinnen bleiben irgendwann aus Krankheitsgründen aus oder brauchen nicht mehr so viel Kleidung, weil sie kaum noch gesellschaftliche Termine wahrnehmen. „Das ist noch nicht bedrohlich, aber schwierig“, kommentiert van Schelve. Trotzdem gehen ihre Verkäuferinnen und sie jeden Morgen gerne zur Arbeit. „Ich stecke hier sehr viel Herzblut hinein – sechs Tage in der Woche“, betont die Inhaberin. „Wir sitzen alle im selben Boot und gehen miteinander um wie eine Familie.“ Muss sie im Geschäftsleben auch schon mal fünf gerade sein lassen und ihren christlichen Überzeugungen untreu werden? „Die Kundinnen versuche ich immer ehrlich zu beraten, wobei ich von meinem persönlichen Geschmack ausgehe“, erläutert sie. „Wenn ich davon überzeugt bin, dass jemandem etwas nicht so gut steht, versuche ich, etwas anderes zu zeigen und ermuntere zum Vergleich.“ Kommt es aber hin und wieder darauf an, gegenüber der Konkurrenz die Ellbogen auszufahren? „Die großen Häuser interessieren mich nicht“, antwortet sie freimütig, „und zu den Inhabern der kleineren habe ich guten Kontakt, bespreche mich auch hin und wieder mit ihnen. Neid oder Groll gegenüber Mitbewerbern fühle ich nicht.“

Einen ausgesprochen guten Draht hat sie zu ihren langjährigen Kundinnen. Manche, die sich einsam fühlen, besuchen ihr Geschäft auch, um frei von der Leber weg erzählen und nicht zuletzt über den Glauben sprechen zu können – in dem Bewusstsein, auf einen Menschen zu treffen, der ihnen geduldig zuhört. Darunter ist eine bekennende Atheistin, die sie einmal in der Woche aufsucht und mit ihr unter anderem über das Leben nach dem Tod diskutiert, das sie selbst für „totalen Quatsch“ hält. „Sie wirft mir manchmal vor, gegenüber verurteilten Strafgefangenen unbarmherzig zu sein, obwohl Papst Franziskus öfter Inhaftierte aufsucht und sich für ihre Würde stark macht“, berichtet Mechthild van Schelve. „Da hat sie Recht, denn da tue ich mir schwer.“ Durch die Impulse von Pfarrer Martin Sinnhuber, der der Gemeinschaft Emmanuel angehört und früher „ihre“ Pfarrei geleitet hat, glaubt sie allerdings offener geworden zu sein und mehr darauf zu achten, wie es anderen geht. Etwa alle vier Wochen kommt sie in der Kirche Herz Jesu als Lektorin oder Kommunionhelferin zum Einsatz, und auch die Aktion „Café Coeur“, bei der einmal im Monat an der Kirchentüre Passanten zum Besuch des Gotteshauses eingeladen werden, macht ihr große Freude. Überhaupt hält sie den Dienst der Laien in der Kirche für sehr wichtig, „und da, wo eine Frau aus unserer Gemeinde nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes von verschiedenen Menschen getragen und getröstet wird, da lebt Kirche richtig“, ist sie überzeugt. „So soll es sein.“

Inzwischen ist Mechthild van Schelve auch mit der Gemeinschaft Emmanuel nach Altötting gepilgert und hat eine Fußwallfahrt von Vézélay nach Paray-le-Monial auf dem französischen Jakobsweg unternommen. Sich selbst und ihrer eigenen christlichen Grundeinstellung gegenüber aber bleibt sie kritisch. Dass das Helfen beim Zuhören ihr auch etwas bringt, ist ihr bewusst. „Und wenn Leute mich dann scherzhaft als ,Mutter Teresa‘ titulieren, dann frage ich mich ernsthaft: Tue ich das alles für andere oder doch für mich selbst?“

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