Münster

Traurige Weihnachten

Die Schaustellerei hat in Deutschland eine 1 200-jährige Tradition. Wegen Corona droht der Branche nun das Aussterben, fürchtet der Katholik und Schausteller Markus Heitmann.

Kirmes
Wann werden sich unsere Karussels wieder drehen? Diese bange Frage stellen sich viele Schausteller. Foto: Photoauszeit/wu

Markus Heitmann macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. „Wir sind zwar nur 5 000 Betriebe in Deutschland, aber die Schaustellerei bedeutet für uns alles. Wir sind systemrelevant.“ Der Vorsitzende des Schaustellerverbandes Münsterland, zugleich gläubiger Katholik, fürchtet, dass viele Schausteller-Betriebe bald werden schließen müssen, nachdem zuletzt fast sämtliche Weihnachtsmärkte im Bundesgebiet abgesagt worden sind. „Viele greifen schon ihre Altersvorsorge an.“ Auch habe die Ungleichbehandlung im Vergleich zu anderen Branchen seine Kollegen und ihn geschmerzt. Dass Schausteller aber nicht nur Lebens-, sondern auch Überlebenskünstler sind, die aus jeder schlechten Situation noch etwas Positives machen können, daran lässt er zugleich auch keinen Zweifel.

Schausteller Markus Heitmann
Zuversichtlich trotz mancher Enttäuschung: Markus Heitmann. Foto: privat

„Als Kind wächst man im Betrieb auf und lebt mitten zwischen Kirmesbuden.“ Markus Heitmann

Markus Heitmann, geboren 1970 in Münster, entstammt einer großen Schausteller-Dynastie, deren Geschichte bis ins Jahr 1833, nach neuesten Zahlen möglicherweise sogar bis 1749 zurückreicht. Sein Großvater war über 20 Jahre, sein Vater 30 Jahre lang Vorsitzender des Schausteller-Verbandes Münsterland; er selbst hat das Amt im vorigen Jahr übernommen. Außerdem ist die ganze Familie – einschließlich Vater und Geschwister, Onkel und Tante – im Schaustellergewerbe tätig. Die Familie Heitmann betreibt drei Wildwasserbahnen, zwei Autoscooter, einen Discochat, eine Kinderachterbahn und mehrere Glühwein- und Imbissbuden auf dem Weihnachtsmarkt. Markus ist in Münster zur Grundschule gegangen und hat anschließend das katholische Gymnasium Johanneum, die sogenannte „Loburg“ in Ostbevern, bis zur Mittleren Reife besucht.

„Als Kind wächst man im Betrieb auf und lebt mitten zwischen Kirmesbuden“, schwärmt der zupackende, umtriebige Schausteller. „Das war so etwas wie der größte Spielplatz, den es gibt, den ich da erlebt habe. Ich kannte alle, und alle kannten mich, so dass ich überall die Fahrgeschäfte umsonst benutzen und kostenlos Zuckerwatte essen durfte.“ Schon früh sei er damit vertraut gemacht worden, wie Karussells auf- und abgebaut werden oder wie ein Kran eingesetzt werden muss. Dadurch werde man selbstständiger, lerne früh, auf sich zu achten und Vorgänge flexibel zu organisieren, „also alles, was man jetzt, in der größten Krise unserer Branche seit dem Zweiten Weltkrieg, auch gut brauchen kann“, fügt er hintergründig schmunzelnd hinzu.

Im Januar war Corona noch weit weg

Beim Bundesdelegiertentag des Schaustellerverbandes Ende Januar in München sei Corona noch kein Thema gewesen, und auch bei einer Kreuzfahrt, die er anschließend mit seiner Frau unternommen habe, sei noch kein Gedanke an das Virus verschwendet worden, erinnert der anschaulich erzählende Heitmann sich. Doch dann, beim Aufbau der Frühjahrskirmes in Münster, des sogenannten „Sends“ Anfang März, hätten die Ereignisse sich überschlagen, „und ich werde nie den Anruf des Ordnungsamtes und des Oberbürgermeisters vergessen, in dem mir mitgeteilt wurde: Der Send findet nicht statt. Das war ein schwerer Schlag.“

Heitmann rief die anderen Schausteller zusammen und musste ihnen, mit Tränen in den Augen, die traurige Nachricht mitteilen. Die Reaktion war betretenes Schweigen, aber manchen entrangen sich auch Flüche. Sofort schloss sich bei vielen die Frage an: „Wo können wir jetzt hin?“ „Mir war aber da schon klar, dass viele andere Städte auch ihre Kirmes-Termine absagen würden“, fügt Heitmann traurig hinzu. „Dabei ist zu bedenken, dass ein Schausteller im Winter nichts einnimmt, von den Rücklagen lebt und fest mit den Frühjahrseinkünften rechnet.“ In Münster habe erst einmal der Abbau mit den entsprechenden Transportkosten abgewickelt werden müssen. Heitmann, der mit seinen Fahrgeschäften 25 000 bis 30 000 Euro Fixkosten im Monat verzeichnet, beantragte wie viele seiner Kollegen die Soforthilfe von 9 000 beziehungsweise 15 000 Euro, die man aber laut Auflagen nur für den Betrieb selbst einsetzen kann, was für viele Solo-Selbstständige ein großes Problem bedeutet.

In diesen Zeiten kommt ein Stoßgebet hinzu

In der Folgezeit setzte der Vorsitzende sich bei Politik und Verwaltung mit Nachdruck für seine Branchenkollegen ein – und spielte zu Hause mit seiner Familie viele Gesellschaftsspiele. „So viel gepuzzelt wie zu dieser Zeit habe ich in meinem ganzen Leben nicht“, meint er vielsagend lächelnd. „Mit dieser Situation musste man erst einmal psychisch klarkommen.“ Doch schnell waren auch sinnvolle soziale Aufgaben gefunden, fuhren die „Heitmänner“ Essen für Tafeln aus oder bauten ihre schönen, alten Orgeln in Altenheimen auf. Als nach dem Erlass einer neuen Schutzordnung wieder sogenannte „Freizeitparks“, also verkleinerte, eingezäunte Kirmes-Veranstaltungen mit begrenzten Besucherzahlen und unter strengen Hygieneauflagen stattfinden durften, nutzte Heitmann die Gelegenheit und war in Düsseldorf, Dortmund und Vechta dabei. „Uns war allen klar, dass wir bei weitem nicht die Umsätze wie sonst machen würden, aber wir wollten wieder aktiv werden, unter Menschen kommen und Kollegen treffen“, erläutert der joviale Schausteller. „Das hat alles sehr gut funktioniert und ist bei dem total dankbaren Publikum sehr gut angekommen.“

„In keinem Freizeitpark ist irgendjemand infiziert worden. Wir haben gezeigt, dass wir es können.“ Markus Heitmann

Auch in Münster konnte der sonst übliche „Herbstsend“ als derartiger Freizeitpark vom 10. bis 25. Oktober über die Bühne gehen – zu einer Zeit, als die Infektionszahlen in Deutschland wieder bedrohlich anstiegen und sich bereits ein zweiter Lockdown abzeichnete. Die Kosten für Versicherung, Sicherheits- und Hygienekonzept, Einzäunung und Security hätten sich am Ende auf 160 000 Euro belaufen, aber glücklicherweise habe das Land Nordrhein-Westfalen als Eigentümer des Platzes auf einen großen Teil des Standgeldes verzichtet. „Es war unter dem Strich ein großer Erfolg, auch wenn wir nur 30 Prozent der normalen Besucherfrequenz und des üblichen Umsatzes hatten“, freut sich Heitmann verhalten. „Und in keinem Freizeitpark ist irgendjemand infiziert worden. Wir haben gezeigt, dass wir es können.“

Zestörte Hoffnungen

Inzwischen war die Hoffnung auf einen Weihnachtsmarkt gestiegen – und wieder in sich zusammengefallen. Nach intensiven Verhandlungen entschied die Stadt Münster am 26. Oktober, die Weihnachtsmärkte in diesem Jahr abzusagen. „Für uns Schausteller bedeutet das, dass wir 25 bis 30 Prozent vom Jahresumsatz verlieren“, spricht der offene, gradlinige Schausteller-Chef Klartext, „und das, nachdem manche von uns fast das ganze Jahr nichts eingenommen haben.“ Druck auf die Politik habe der Verband genug gemacht – in direkten Gesprächen mit den Bundesministern Olaf Scholz und Peter Altmaier, aber auch bei Demonstrationen. „Wir haben den Politikern immer wieder klargemacht, dass eine 1 200-jährige Tradition stirbt, wenn sie uns nicht helfen“, unterstreicht der dynamische 50-Jährige, der sich an Einsatz so schnell von niemandem übertreffen lässt.

Halt geben dem Mutmacher par excellence („ich habe nie resigniert“), der so mitreißend und überzeugend zu reden weiß, seine Familie, die durch die Krise noch mehr zusammengewachsen ist, und sein katholischer Glaube. „Wenn ich anderswo unterwegs bin, gehe ich gern in eine Kirche, spreche ein Ave Maria oder ein Vaterunser und zünde eine Kerze an“, berichtet er freimütig. „In diesen Zeiten kommt schon mal ein Stoßgebet hinzu, dass wir finanziell und gesundheitlich vor dem Schlimmsten bewahrt werden.“ Noch arbeitet Heitmann daran, dass Schaustellerbuden demnächst wieder in Innenstädten platziert werden können, „aber der Januar ist dafür eine schlechte Zeit“. Ob die Saison mit dem „Frühjahrssend“ in Münster Ende März wieder beginnen kann, das steht momentan noch in den Sternen.

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