„Team Ruanda“ will zur Tour de France

Es gibt Talente im Überfluss in dem ostafrikanischen Land – Schon an europäischen Profirennen beteiligt. Von Cigdem Akyol
Foto: Guardian | Das „Team Ruanda“ beim Training in dem ostafrikanischen Land.
Foto: Guardian | Das „Team Ruanda“ beim Training in dem ostafrikanischen Land.

Kigali (DT) Draußen herrscht trockene Hitze. Drinnen, in einer dunklen, fensterlosen Holzhütte, sitzt Gasore Hategeka auf einem Holzhocker und träumt davon, die Tour de France zu gewinnen. Er möchte das Gelbe Trikot tragen, bis nach Paris fahren, vorbei an Hunderttausenden, die ihm zujubeln. Das wäre der Höhepunkt. Aber er seufzt, zuckt die Schultern und drückt seine Schuhspitzen in den staubigen Boden: „So weit bin ich leider noch nicht.“

Er ist 24 oder 25 Jahre alt, sein genaues Geburtsdatum kennt er nicht. Kürzlich ließ er sich ein Haus aus Stein bauen, mit Strom und fließendem Wasser, in das er bald mit seiner Ehefrau Marceline einziehen wird. Er verdient 100 Dollar im Monat und hat einen festen Job. Und das ist in dem Dorf Sashwara in Ruanda sehr viel. Hategeka ist Radrennfahrer im Team Ruanda. Er trägt stolz das Trikot mit den Farben Azurblau, Knallgelb und Hellgrün; sein 3 000 Dollar teures Rad der Marke Eddy Merckx und die 200 Dollar teuren Schuhe stehen glänzend in dem unmöblierten Raum.

Sein Idol ist der Spanier Alberto Contador. Hategeka lächelt verlegen, wenn er von seinem Vorbild spricht. Er geht in eine Ecke und kramt ausländische Magazine hervor. Weil er weder schreiben noch lesen kann, dauert es, bis er die Artikel über sich gefunden hat. Der junge Mann kann es immer noch nicht glauben, dass sich Fremde für ihn interessieren. Ungläubig tippt er auf die Hochglanzfotos. „Hier, das bin ich.“

Ob der Asphalt vor Hitze glüht oder ob es Bindfäden regnet, jeden Tag setzt sich Hategeka seinen Helm auf und fährt los. Radfahren ist für ihn mehr als nur ein Sport, es ist für ihn ein Versprechen, aus der Armut zu entkommen und die Vergangenheit abzuschütteln. Seine Mutter starb, als er noch ein Baby war. Der Hutu musste während des Genozids 1994 mit seiner Familie in den Kongo fliehen und später mitansehen, wie sein Vater von Tutsi-Soldaten ermordet wurde. Plötzlich war er Waise, ein „Maibobo“, so werden die Straßenkinder in Ruanda genannt. Um ein wenig Geld zu verdienen, baute Hategeka sich ein Holzrad und transportierte damit Kartoffeln. Sein erstes richtiges Rad kaufte er sich 2008, es hatte keine Gänge, keine Bremsen und keinen Stahlrahmen; er zahlte 60 Dollar dafür. Und dann, nur ein Jahr später, wurde er auf der Straße von seinem heutigen Trainer entdeckt, getestet und in das Team Ruanda aufgenommen.

Aus dem Genozidland wird ein Wirtschaftswunderland

Im Team Ruanda fahren zwölf Fahrer. Es sind Hutu und Tutsi, die zusammen trainieren und leiden, sich anspornen und eines gemeinsam haben: Sie haben alle während des Genozids Angehörige verloren. Der ostafrikanische Staat war vor 18 Jahren Schauplatz eines Völkermordes. Auslöser war der Abschuss eines Flugzeugs am Abend des 6. April 1994. Dabei kam der damalige Staatspräsident Juvénal Habyarimana ums Leben, der zur Volksgruppe der Hutu gehörte. Die seit Jahrzehnten schwelenden Spannungen zwischen den Volksgruppen der Hutu und Tutsi eskalierten. In den hundert Tagen, die folgten, schlachteten extremistische Hutu etwa 800 000 Menschen ab, zumeist Angehörige der Tutsi-Minderheit, aber auch moderate Hutu, die sich dem Wüten entgegenstellten. Eine vom heutigen Präsidenten Paul Kagame geführte Exilarmee beendete den Massenmord mit dem Einmarsch aus Uganda.

Lange waren die Meldungen über den Genozid bestimmend, wenn von dem kleinen Land berichtet wurde. Seit einigen Jahren wird aber ein erstaunlicher Wandel herausgestellt. Denn Ruanda ist heute Vorbild für den Kontinent. Kein anderes afrikanisches Land hat innerhalb so kurzer Zeit eine vergleichbare Aufstiegsgeschichte geschrieben. Das Wirtschaftswachstum liegt bei durchschnittlich mehr als sechs Prozent im Jahr. Gesundheitswesen, Bildungssystem und Infrastruktur sind im Vergleich zu den Nachbarstaaten hervorragend. Die internationale Gemeinschaft, die dem Gemetzel lange tatenlos zusah, pumpt viel Geld in das Land.

Jonathan Boyer hatte von Ruanda keine Ahnung, bevor er 2006 hierher kam und das Nationalteam aufbaute. „Ich hatte kaum eine Vorstellung von dem, was mich erwarten würde. Und das war vielleicht auch ganz gut so“, sagt der 56 Jahre alte Amerikaner. Aufgewachsen im streng-gläubigen Utah, war er der erste Amerikaner, der 1981 an der Tour de France teilnahm. Insgesamt fünfmal fuhr er mit und schaffte es bis auf den zwölften Platz. 1985 gewann er das Race Across America über 5 000 Kilometer von der West- zur Ostküste in weniger als elf Tagen. Mit 32 Jahren, 1987, beendete er seine sportliche Karriere, eröffnete ein Fahrradgeschäft in Kalifornien. 2002 wurde er wegen sexuellen Missbrauchs einer Minderjährigen zu neun Monaten Haft und fünf Jahren Bewährung verurteilt. Darauf angesprochen, schluckt er laut.

Boyer ist zierlich und drahtig, hat sehr wache, sehr blaue Augen, seine grauen Haare müssten mal wieder nachgeschnitten werden, sein T-Shirt hat Löcher. Er redet ruhig und ausführlich, aber auch vorsichtig. „Ich habe Fehler in meinem Leben gemacht“, sagt er und schiebt hinterher: „Doch für Gott ist es wichtiger, was man aus seinen Fehlern lernt.“ Ein Freund, der in Ruanda arbeitete, fragte Boyer, ob er Lust hätte, ein Rennen zu organisieren. Nachdem er gesehen hatte, wie viele begabte Radfahrer es gibt, blieb er. „Ich fand es spannend und wollte noch mal von vorne anfangen“, sagt er. Jeder kennt seine Geschichte. Er kann sie überhaupt nicht verheimlichen, wie auch in Zeiten von Google. „Doch sind die Menschen in Ruanda weniger an meiner Vergangenheit interessiert als an dem, was ich jetzt hier mache“, sagt er.

Trainer und Team verarbeiten auch ihre Vergangenheit

Das Team Ruanda ist eine Schicksalsgemeinschaft. Es bietet eine Chance für die jungen Männer, ihre Familien zu versorgen. Und die Chance für Boyer, sich noch einmal zu beweisen. Es ist kein selbstloser Einsatz. Wohl nirgendwo sonst auf der Welt hätte er solch einen Job nach seiner Verurteilung erhalten. Er denke sehr oft darüber nach, zurück in die Vereinigten Staaten zu gehen, „denn ständig fällt der Strom aus, die Sportler haben zuhause wenig zu essen“. Außerdem ärgert es ihn, dass seine Fahrer so unkritisch seien und nicht immer auf Anhieb verstünden, was er über Krafteinteilung oder Sattelhöhe erklärt. „Aber vor allem ruinieren sie ihre teuren Schuhe sofort, weil sie diese nach jeder Fahrt wild sauberschrubben“, schimpft er, macht eine Pause und sagt dann: „Trotzdem, ich möchte noch nicht weg, was soll ich woanders?“

Es gibt Talente im Überfluss in diesem Land, in dem das Fahrrad für die meisten das einzige Fortbewegungsmittel ist. Adrien Niyonshuti nahm als Erster an einem europäischen Profirennen teil, er ist der Beste der Mannschaft, fährt mittlerweile auch für das südafrikanische Team MTN und verdient 1 000 Dollar im Monat. Er hat sich für die Olympischen Spiele qualifiziert, momentan trainiert er in Johannesburg für London. Bis vor sechs Jahren fuhr Niyonshuti mit einem Holzrad bei einem Straßenrennen mit, bei dem Boyer ihn rekrutierte. Er hat eine Narbe am Oberschenkel, die ihn immer wieder an früher erinnert. Der Tutsi hat sich die Wunde zugezogen, als er vor den Hutu-Milizionären flüchtete. Sechs seiner Brüder und seine Großmutter wurden während des Genozids ermordet. Die Gedanken daran sind allgegenwärtig. Wenn der 25-Jährige einige Zeit nicht trainiert, bekommt er Albträume. „Er ist ein Wunder“, sagt Boyer über seinen Schüler.

Das Teamquartier in Musanze ist auch das Wohnhaus von Boyer. Hier werden die Fahrer versorgt, bekommen drei Mahlzeiten täglich, machen jeden Abend Yoga und lernen Englisch. An den Werktagen leben manche der Männer in dem Vier-Zimmer-Haus mit den hohen Avocadobäumen im Garten. Boyer will seine Fahrer in Siegertypen verwandeln, will ihr Selbstvertrauen stärken und ihnen Erfolgsdenken vermitteln. Er bringt ihnen bei, was es heißt, ein Profi-Radsportler zu sein, wie wichtig die Ernährung ist, welche Tritt-Techniken es gibt, wie man trinkt ohne anzuhalten. Doping würden seine Fahrer überhaupt nicht kennen. „Sie wissen nicht einmal, was Aspirin ist“, behauptet Boyer. Er organisiert das Equipment und den Tagesablauf seines Teams. Es fehlt jedoch Geld. Für die Zahnbehandlung eines Fahrers wirbt Boyer über Facebook um Spenden. Neue Schuhe und Helme werden gebraucht, Boyer schreibt Firmen an. Zwar wird er auch von der ruandischen Regierung unterstützt, doch die meisten Gelder sind Spenden.

Jeden Tag die steilen Hügel rauf und runter

In der Woche trainiert die Mannschaft bis zu vier Stunden, samstags und sonntags bis zu sieben Stunden. Jeden Tag rasen sie die steilen Hügel rauf und runter, durch gefährlich scharfe Kurven. Vorbei an Frauen, die ihre Babys auf dem Rücken und ihr Gepäck auf dem Kopf tragen. Vorbei an Männern und Kindern, die mit rostigen Rädern sperriges Gut transportieren. Vorbei an einer unfassbar schönen Landschaft und an den vielen weißen Geländewagen der Hilfsorganisationen.

Gasore Hategeka hat für all dies keinen Blick. Er will siegen. Er hat 2010 in Indien an den Commonwealth Games teilgenommen und danach in der Schweiz trainiert. Der junge Waise war zuvor noch nie außerhalb Ruandas. Und jetzt träumt er von der Fahrt durch Frankreich.

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