„Sterben war ein Segen für sie“

Renate und Kurt Peter aus Wangen gründen nach dem Tod ihrer jüngsten Tochter eine Stiftung für krebskranke Kinder. Von Claudia Fuchs
Foto: Peter C. Düren | Schwere Prüfung bestanden: Das Ehepaar Renate und Kurt Peter schöpft Hoffnung aus dem katholischen Glauben.

Tapfere Valentina, dein Lachen und deinen Optimismus werde ich sehr vermissen“, heißt es im Kondolenzbuch des Spohn-Gymnasiums in Ravensburg. Valentina Peter, die dort in der Hochbegabtenklasse Schülerin war, wurde nur 13 Jahre alt. Am 9. April 2016 starb sie an Krebs. „Es gibt nichts Sinnloses im Leben“, sagt Kurt Peter, Valentinas Vater, zehn Monate später im Gespräch mit dieser Zeitung. Die Stimmung ist entspannt, beinahe heiter. „Wie es kommt, so ist es recht, genau darauf haben wir auch in früheren Lebenskrisen vertraut“, ergänzt der studierte Elektroingenieur. Seine Frau Renate nickt. Ihre Arme hält sie verschränkt. Woher nehmen die Eltern diese Gelassenheit? „Unser katholischer Glaube gibt uns die Kraft und diese Zuversicht.“ Die Antwort kommt schnell – ohne Zögern. Haben sie nie mit dem Schicksal gehadert? Kurt Peter schüttelt den Kopf. „Es genügte zu wissen, dass wir von Gott gehalten sind und dass wir nur fragen brauchten, was jetzt von uns in dieser Situation erwartet wird.“

Zwei Tage und zwei Nächte habe sie nach der Diagnose gebraucht, um den Kampf aufzunehmen, räumt Renate Peter ein und fügt leise hinzu: „Valentina war so stark, dann konnte ich es ihr doch nicht schwer machen. Und ich hatte immer das Gefühl, mir wurde der Boden unter den Füßen nicht weggezogen, sondern gleichsam verstärkt untergeschoben. Bis heute.“ Die studierte Fremdsprachenübersetzerin und ihre jüngste Tochter waren sich sehr nahe, viele gemeinsame Interessen wie die Liebe zur Musik, zur Kunst und vor allem die Liebe zu Büchern verbanden die beiden. Valentinas Mutter spricht wenig, aber ihre Worte bergen Tiefe. „Was der frühe Tod von Valentina für uns bedeutet, wird sich uns erst irgendwann im Rückblick erschließen, vielleicht auch nie. Wir beten um die Gnade der Erkenntnis.“

Die „Fakten“ des Krankheitsverlaufs bei Valentina sind schnell notiert: Wochenlange Gelenkschmerzen in der Hüfte, am 15. April 2015 die Diagnose: aggressiver Knochenkrebs. Die Wahrscheinlichkeit zu überleben minimal. „Höchste Risikoklasse, geringste Überlebenschance“, nennt es der behandelnde Arzt den Eltern gegenüber. Monatelang Chemotherapie. Sechs Wochen später rettet nur eine Last-minute-Transfusion von Immunkörpern für den Moment Valentinas Leben. Erneute Chemotherapie. Ein halbes Jahr später hat der Tumor seinen genetischen Code geändert, die Therapie greift nicht mehr. Neue Medikamente bringen einen kurzen Aufschub. Rapide Verschlechterung. Eine sechswöchige Hochdosisbestrahlung verschafft nochmals ein wenig Normalität. Metastasen in der Lunge, am 9. April versagt das Organ.

Nur erahnen lässt sich, was dazwischen liegt: Angst, die über allem schwebt, Schmerzen, die Körper und Seele gefangen halten, dann wieder frohe, ja heitere Tage und immer wieder Hoffnung, eine nahezu unendliche Hoffnung. Valentinas Onkel hatte ihren Eltern in den schweren Wochen und Monaten einen Satz mit auf den Weg gegeben: „Habt immer Hoffnung, aber nie Erwartungen, dann kann vielleicht ein Wunder geschehen, sich aber nie eine Enttäuschung einstellen.“ Sie haben es beherzigt.

„Wir Menschen hoffen bis zum Ende auf ein Wunder und beten um Heil und Heilung“, sagt Kurt Peter. Es sei auch richtig, so zu denken, zu glauben und zu hoffen. Er halte es mit dem heiligen Ignatius von Loyola, der der Ansicht gewesen sei, man müsse im Glauben die Dunkelheit genauso annehmen wie das Licht, das Leid genauso wie die Freude. Aber das „Wunder“ sei in Valentinas Fall nicht die Heilung, sondern etwas ganz anderes gewesen. Kurt Peter hält einen Moment inne, lehnt sich zurück und lächelt: „Das eigentliche Wunder war, dass ein Kind einen solchen Leidensweg so tapfer und gläubig gehen konnte. Dass Valentina jeden schönen Tag, auch noch den letzten, selbst mit Sauerstoff-schlauch in der Nase genießen konnte.“ „Ja, Valentina war bis zuletzt sie selbst“, ergänzt Renate Peter, „Valentina und wir haben Heil erfahren. Die Metastasen bildeten sich nicht im Gehirn, sondern in der Lunge. Valentina kam mit ihrer Krankheit zurecht. Sie war im Frieden mit sich. Sterben war ein Segen für sie. Sie hatte ihren Weg zu Gott gefunden.“ Sehr bewusst habe Valentina mehrfach das Sakrament der Krankensalbung empfangen.

Ganz schnell nach Valentinas Tod hat sich das Ehepaar Peter mit den beiden älteren Kindern entschlossen, eine Stiftung zu gründen. Das Logo der Stiftung Valentina ist ein kleiner Kaktus. Er gehörte Valentina, steckt in ihrer alten Kindergartentasse und hat „die gleichen weichen Stoppelhaare, die Valentina nach der Chemotherapie hatte“. An der Universitätsklinik Ulm, Abteilung Kinderonkologie, wo Valentina behandelt wurde, gibt es unter der Leitung von Professor Daniel Steinbach das Projekt PalliKJUR, das zusammen mit lokalen Klinikpartnern eine palliative Begleitung für schwer kranke Kinder im ländlichen Raum ermöglicht. Die Stiftung Valentina, unter www.StiftungValentina.de im Internet zu finden, will zunächst dieses Projekt unterstützen.

„Valentinas Tod war eine Anfrage an uns“, sagt Kurt Peter. Es entspricht seinem Temperament, Angelegenheiten sachlich und gezielt anzugehen. Aktiv zu sein, das sieht er auch jetzt als seine Aufgabe. „Mit Verkriechen kann ich nichts anfangen“, bekennt er, „und Mitleid brauche ich nicht. Das wollte auch Valentina nie.“ Noch gut erinnere er sich, dass Valentina – wenn sie ab und an wieder den Unterricht im Gymnasium in Ravensburg besuchte – den Rollstuhl kategorisch ablehnte und nur ihre Krücken zum Laufen akzeptierte, die hätten ja auch andere Kinder nach Sportunfällen. „Nein, Mitleid brauchen wir nicht, eher eine konstruktive Sympathie“, fügt Renate Peter ernst hinzu. „Wer die Stiftung unterstützt, hilft, dass die kranken und sterbenden Kinder in ihrem häuslichen Umfeld bleiben können, bei ihren Eltern, Geschwistern und Freunden, und dort trotzdem medizinisch bestens versorgt werden.“

Ein früheres Pfadfindergesetz lautet: „Ein Pfadfinder lacht und singt in Schwierigkeiten“. Die katholische Pfadfinderin Valentina hat dies vorgelebt. „Das sind die Starken, die unter Tränen lachen, eigene Sorgen verbergen und andere glücklich machen“, heißt es ebenfalls im Kondolenzbuch von Valentinas Schule. Es ist Valentinas Vermächtnis.

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