Olympische Augenringe

„Rodeln, Einsitzer – Intersexuelle“ und am Vormittag zum Brunch. Eine Glosse von Josef Bordat

Noch zweimal nicht schlafen, dann sind sie vorbei. Die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang. Ich habe wirklich die vollen zwei Wochen gebraucht, um mir diesen Namen zu merken. Aber Garmisch-Partenkirchen ist für Koreaner vermutlich auch nicht einfach. Woran ich mich auch erst einmal gewöhnen musste, ist der modifizierte Tag-Nacht-Rhythmus. Netterweise hat das Internationale Olympische Komitee dafür gesorgt, dass die wichtigsten Phasen der Wettbewerbe in den koreanischen Abendstunden stattfanden, unter Flutlicht. Denn das bedeutet bei achtstündigem Zeitunterschied, dass die an den wichtigsten Phasen der Wettbewerbe mehrheitlich beteiligten Norweger, Schweden, Finnen, Österreicher, Deutschen und Holländer bequem am Vormittag zum Brunch olympischen Sport genießen können. Ja: Holländer. Für unsere westlichen Nachbarn ist der Eisschnelllauf das neue Fußball. Uhrwerk Orange. Aber man will ja nicht nur die Finalläufe und Medaillenentscheidungen sehen, sondern alles. Curling. Snowboard. Katharina Witt. Ich für meinen Teil habe jetzt einiges nachzuarbeiten. Manches nachts um halb zwei stattfindende freie Training im Rennrodel-Doppelsitzer fiel dann doch der Einsicht zum Opfer, dass es halb zwei ist. Ein wenig schäme ich mich für meine Willensschwäche. So etwas guckt man ja aus Patriotismus, nicht aus Interesse oder Vergnügen. Das ist wie beim Dressurreiten, im Sommer. Schlitten bauen und Pferde züchten, das können wir. Gut, Mülltrennen auch. Und Biathlon. „Ich bin keine Maschine“, sagt Laura Dahlmeier. Muss man wissen. Ebenso, dass über Dr. Thomas Bach zumindest das Wetter noch nicht bestellt werden kann. Vom Winde verweht. Ist zwar nicht schön, nur Schneesturm zu sehen, nachts um halb zwei, aber beruhigend. Sonst gilt: Der Star ist der Funktionär. Es gibt schon achtjährige Jungs, die nicht davon träumen, Olympiasieger zu werden, sondern Mitglied im Executive Board des IOC. Zu Recht. Natürlich ist es „ein tolles Gefühl“, mit der Goldmedaille um den Hals nach Hause zu kommen. Noch toller ist aber das Gefühl, bestimmen zu dürfen, wer für das „tolle Gefühl“ überhaupt in Frage kommt. Die Russen jedenfalls nicht. Das heißt, zumindest nicht als Russen, sondern als „Athleten aus Russland“. Schwerer Schlag. Man selbst will sich ob solcher Konsequenz auch an die strengen Vorgaben des Internationalen Olympischen Komitees in Sachen Doping halten. Kein Kaffee. Wer will schon gerne als „Unabhängiger olympischer Fernsehzuschauer“ gelten? Im Grunde ist Olympia aber ein einziges Bildungsprogramm. Man kann lernen, dass es Länder gibt, die „The Former Yugoslav Republic of Macedonia“ heißen, dass Abfahrtsläufer nicht nur aus Österreich kommen, sondern auch mal aus Eritrea, dass Olympia eine transphobe Angelegenheit ist, so ganz ohne „Rodeln, Einsitzer – Intersexuelle“. Würden wir auch gewinnen. Solange jemand wie der Hackel-Schorsch die Kufen putzt, regnet es Medaillen für sämtliche Facebook-Geschlechter. All das kann man lernen. Und Englisch. Figuren beim „Freestyle in der Halfpipe“ heißen nämlich „double seven-twenty backside“. Nachts um halb zwei ist das kompliziert. Ohne Kaffee. Die olympische Zukunft sieht wenig verheißungsvoll aus: 2020 ist Tokio (GMT+9), 2022 Peking (GMT+8) Austragungsort. Olympische Spiele – Weckerstellen ist alles.

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26.06.2021, 11  Uhr
Tobias Klein
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