„Näher, mein Gott, zu Dir“

An Bord der Titanic waren auch ein deutscher Benediktiner und ein englischer Priester. Von Constantin Graf von Hoensbroech
Foto: dpa | Originalstück: Ein Fernglas aus dem Wrack.
Foto: dpa | Originalstück: Ein Fernglas aus dem Wrack.

Es sollte eine Überraschung werden und endete in einer Tragödie. Pater Joseph Peruschitz war von amerikanischen Ordensbrüdern gebeten worden, beim Aufbau einer Abtei im US-Bundesstaat Minnesota zu helfen. Möglicherweise waren es die vielen geistigen Qualitäten, die den Benediktiner aus dem bayerischen Kloster Scheyern für diese Aufgabe auszeichneten. In der Klosterschule unterrichtete er nicht nur Mathematik und Arithmetik, sondern auch Musik und Turnen und war als Chorallehrer und Organist tätig. Mit dem Wechsel in die Vereinigten Staaten wollte der 41-Jährige seine Eltern in Straßlach im Süden von München erst nach der Ankunft in der neuen Welt überraschen. Doch auf der Reise war Peruschitz vor allem mit seinen geistlichen Qualitäten als Seelsorger gefordert – bis zum letzten Atemzug in den eisigen Wassern des Nordatlantik.

Peruschitz war mit einem Boarding Pass der zweiten Klasse in England an Bord der Titanic gegangen, ebenso sein priesterlicher Mitbruder Thomas R. Byles. An Bord feierten der Brite und der Deutsche täglich Heilige Messen in verschiedenen Sprachen. Byles, der in Rom zum Priester geweiht worden war, wollte zu seinem jüngeren Bruder nach New York, um dessen Trauung vorzunehmen. Beide waren während der Schulzeit zum Katholizismus konvertiert. Auch für Byles endete die Reise abrupt in den frühen Morgenstunden des 14. April 1912.

Die schlaglichtartigen Lebensstationen der beiden Priester werden in der Ausstellung „Titanic. Die Ausstellung. Echte Funde, wahre Schicksale“ im Historischen Museum der Pfalz in Speyer – neben vielen anderen Schicksalen – erzählt. Am einzigen deutschen Ausstellungsort dieser neu arrangierten Schau mit Originalfunden aus dem Wrack der Titanic wird ein breiter Bogen gespannt. Das dramatische Geschehen, das das frühe 20. Jahrhundert so nachhaltig erschütterte und bis heute nachhallt, wird in einen schlüssigen Gesamtkontext eingebunden: ausgehend von den industriellen und technischen Errungenschaften und Fortschritten, die das Leben in all seinen Facetten mit Beginn des 20. Jahrhunderts rasant erfassten bis zur eigentlichen Idee und deren Realisierung, ein solches Schiff überhaupt zu bauen. Natürlich nimmt die Katastrophe breiten Raum ein, doch auch die schon bald darauf einsetzende Mythologisierung des Geschehens sowie die bewegenden Geschichten hinter den vielen Einzelschicksalen werden thematisiert. Schließlich geht es auch um das Auffinden des Wracks im Jahr 1985, den Tauchgängen bis auf knapp 4 000 Meter Tiefe sowie der Bergung und Konservierung von Fundstücken. Zudem wird die mediale und cineastische Be- und Verarbeitung des Stoffs dargestellt.

Die Besucher, die zu ihrer Eintrittskarte einen den Originalen nachempfundenen Boarding Pass erhalten, folgen einer klar gegliederten und sehr anschaulich gestalteten Schau, die die Exponate auch immer wieder in Beziehung setzt zu einigen nachgebildeten Szenerien des Schiffs, etwa beim Gang durch den nachgebauten Flur der ersten Klasse. Vor allem die auf bestimmte Biografien, insbesondere deutscher Passagiere und Besatzungsmitglieder, zugeschnittene Darstellung erzeugt eine Emotionalität, die die Besucher den Mythos Titanic erspüren lassen. Bei diesem Rundgang, auf dem sich unter den 250 Originalexponaten auch zahlreiche persönliche Gegenstände und sogar Schriftstücke aus dem Besitz einzelner Passagiere entdecken lassen, baut sich förmlich eine innere Spannung auf. Diese erreicht dann kurz vor dem Raum mit der vielsagenden Ankündigung „Eisberg direkt voraus!“ ihren Höhepunkt. Hier wird audiovisuell ein Gefühl von der Dramatik und Verzweiflung und Ausweglosigkeit dieses Aprilmorgens vermittelt. Rund 1 500 Menschen kamen beim Untergang der als unsinkbar geltenden Titanic ums Leben.

Doch für die beiden Patres und ihre Mitreisenden in ihrer Nähe war die Situation wohl alles andere als ausweglos. Die Schiffskapelle soll beim Untergang den Choral „Näher, mein Gott, zu Dir“ gespielt haben – und laut der Zeitschrift „America“ aus dem Jahre 1912 haben die beiden todgeweihten Priester den Menschen um sie herum möglicherweise bis zum letzten irdischen Atemzug genau diesen Wunsch des Chorals vermittelt: „Als das letzte Boot hinabgelassen war, sahen die Insassen dieses Bootes ganz deutlich, wie die beiden Priester den Rosenkranz vorbeteten, und hörten, wie eine große Anzahl knieender Passagiere in inbrünstigen Gebeten antworteten. Dann erloschen die Lichter der Titanic, so dass man nicht mehr sehen konnte; aber man hörte weder Jammergeschrei noch Schreckensrufe.“

Bis 26. Juli, Historisches Museum der Pfalz, Speyer, Domplatz 4, täglich 10 bis 18 Uhr

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