Rom

Mystisch entflammt

Theologie, Kunst und Sinnlichkeit: In der römischen Kirche Santa Maria della Vittoria kann man bewundern, wie Gian Lorenzo Bernini die Worte der Heiligen Teresa in Stein formte.

Hl. Teresa
Die Hl. Teresa in der römischen Kirche Kirche Santa Maria della Vittoria.

In der Nacht vom 4. auf den 15. Oktober 1582 starb im spanischen Alba de Tormes gegen 21.00 Uhr Teresa Sánchez de Cepeda y Ahumada, die große Heilige von Ávila; es war die Nacht der Gregorianischen Kalenderreform, der die dazwischenliegenden Tage zum Opfer fielen. Die 1518 geborene Teresa, deren zum Christentum konvertierter, jüdischer Großvater einen Adelsbrief erwarb und ins kastilische Ávila zog, hatte eine behütete Kindheit. „Wir waren drei Schwestern und neun Brüder“, schrieb sie in ihrer Autobiographie und wie sie als Jugendliche in den Karmel ihrer Heimatstadt eintrat – gegen den Willen ihres Vaters.

Freimütig bekennt sich die Nonne auch zu ihren schweren Stunden und berichtet von inneren Zweifeln in den verschiedenen Lebensphasen. Siebzehn Klöster gründete die passionierte Bücherfreundin und Autorin, den Reformorden der Unbeschuhten Karmelitinnen und – in Zusammenarbeit mit Johannes vom Kreuze – auch den männlichen Zweig des theresianischen Karmels. Ihre „Transverberation“, ein durchdringendes Entflammungsereignis, von dem die große Mystikerin und Kirchenlehrerin berichtete, inspirierte auch die Künstler. Der wohl eindringlichsten bildhaften Umsetzung von Teresas Erinnerung an dieses Geschehen kann man in Rom begegnen.

Die Lichtregie gehört in der Kirche zum Konzept

Wählt man für seine Pilgerreise das nach den Rappen des Schusters am wenigsten beschleunigte Verkehrsmittel, so enden fast alle nach Rom führenden Eisenbahnwege an der Stazione Termini. Seinen Namen leiht sich dieser Kopfbahnhof nicht etwa von den Ankunfts- und Abfahrts-Zeitpunkten eines nur bedingt starren, neuzeitlichen Fahrplan-Korsetts, sondern von seiner Nähe zu den antiken Thermen des Diocletian, den größten und zuletzt gebauten Bädern des Alten Rom. Seit dem Mittelalter lag das in Trümmern gefallene Bade-Paradies, mit dem der große Reichszerteiler und Christenverfolger den Römern die schwindende Bedeutung ihrer Stadt versüßen wollte, abseits der großen Pilgerströme am äußersten Rande der ewigen Stadt und galt daher als idealer Standort vor allem für die Klöster stiller Orden.

So erwarben in der Gegend 1607 auch die Unbeschuhten Karmeliten der erst zwei Jahre zuvor gegründeten Kongregation Italien ein Grundstück gegenüber dem dort plätschernden Mosesbrunnen der Aqua Felice. Der kleine Bruder der berühmteren Fontana di Trevi steht zwar auf antikem Badegebiet, stammt aber freilich aus dem Rom der Päpste, die ihren kaiserlichen Vorgängern wenn schon nicht mit Brot, so doch mit Wasserspielen nachzueifern trachteten.

Die Schlacht am Weißen Berg bei Prag

Schon im Jahr darauf begann man nach den Plänen Carlo Madernos mit dem Bau einer Kirche, die der Bekehrung des Paulus gewidmet werden sollte. 1620 aber stieß die Gottesmutter sozusagen höchstpersönlich den heiligen Apostel aus dem Sattel, denn die Katholiken erfochten während des gerade einmal zwei Jahre alten Dreißigjährigen Krieges einen von der Maria vom Siege inspirierten Sieg in der Schlacht am Weißen Berg bei Prag. Zum Dank dafür erhielt der Kirchenneubau mit päpstlicher Erlaubnis das Patrozinium Sanctae Mariae de Victoria. 1622, im Jahr der Heiligsprechung der Ordensgründerin, gelangte auch das – inzwischen leider verloren gegangene – Gnadenbild hierher, dem der Triumph zugeschrieben wurde.

Die aus hellen Travertinblöcken gesetzte Fassade des Gotteshauses atmet eine frühbarocke Strenge und steht in reizvollstem Kontrast zum hochbarocken Siegesjubel drinnen. Ist man freilich die knapp achthundert Meter vom „dinosauro“, wie die Römer das Stahlbeton-Gerippe ihrer Bahnhofshalle nennen, durch sonnengleißende Straßen hierher gewandert, so muss sich das Auge erst an das im Kircheninneren herrschende Halbdunkel gewöhnen. Lichtregie gehört hier zum Konzept! Vorne im Zentrum dominiert natürlich die große, goldgelbe Strahlengloriole; ein Motiv, wie man es aus dem Petersdom kennt. Die pralle Überfülle der Deckengemälde verherrlicht die Siege über Türken und Protestanten, welche die römische Kirche und ihre Verbündeten im 17. Jahrhundert noch errangen und an den Wänden wetteifern kostbarste Marmor- und Onyxvertäfelungen in sich nie wiederholenden Mustern.

Die mystische Verzückung der Heiligen Teresa

Künstlerischer Höhepunkt der Kirchenausstattung aber ist die Extase der Heiligen Teresa von Gian Lorenzo Bernini. Der einer mächtigen venezianischen Patrizierfamilie entstammende Kardinal Federico Cornaro hatte sich das linke Querhaus von Santa Maria della Vittoria als Grablege ausersehen und wollte zugleich den übrigen Cornaro-Kirchenfürsten ein bleibendes Denkmal setzen. Dem Krämergeist seiner Heimat folgend, das Beste zum niedrigstmöglichen Preis zu bekommen, wandte sich der Patriarch von Venedig an den größten Bildhauer seiner Zeit, der gerade eine Krise durchlebte; Berninis Glockentürme von St. Peter mussten infolge statischer Mängel abgerissen werden. Für die immer noch enorme Summe von 12 000 römischen Scudi machte sich der Bildhauer-Architekt 1647 daran, die Kapelle als Gesamtkunstwerk zu designen; die zentrale Statuengruppe war im Preis inbegriffen. An den Seitenwänden platzierte Bernini Theaterlogen und darin den Auftraggeber im Kreis der Seinen. Einige der Cornaros blicken auf die bühnenartig gestaltete Mitte der Kapellenrückwand über dem Altar, andere unterhalten sich über das dort zu Sehende – die mystische Verzückung der Heiligen Teresa. Für deren Gestaltung blätterte der Künstler in den Lebenserinnerungen der Karmelitin:

„Zu meiner Linken erschien ein Engel in körperlicher Gestalt... In seinen Händen sah ich einen goldenen Pfeil mit glühender Spitze... Diesen stieß er mehrfach in mein Herz, so dass er mir ins Innerste drang. Als er ihn herauszog, war mir, als risse er es mit heraus und ließe mich, von einer großen Liebe zu Gott völlig verzehrt, zurück... Der Schmerz war so intensiv, dass ich mehrere Schreie ausstieß. Die Süße, die durch diesen Schmerz verursacht wird, ist so extrem, dass man unmöglich wünschen kann, dass er aufhört... Dies ist kein physischer, sondern ein spiritueller Schmerz, obwohl der Körper einen gewissen Anteil daran hat – sogar einen beträchtlichen...“.

Eine schwebende Heilige durch Berrninis Kunst

Berninis Umsetzung von Teresas Worten in Stein und Licht ist genial. Aller Erdenschwere entrückt, schwebt die Heilige auf einer Wolke vor einem Hintergrund aus goldenen Strahlen. Auf diese ergießt sich durch ein verborgenes, für den Betrachter unsichtbares Fenster eine überirdisch wirkende Helligkeit – nur von oben wird Teresa erleuchtet; vom Licht des Himmels gleichsam umflossen. Schwer lastet das Faltengebirge ihres Habits auf ihrem Leib, dessen hingebend-empfangensbereite Körperhaltung sowohl ermattet wie auch angespannt wirkt.

Der Kopf ist in den Nacken geworfen, der Mund halb geöffnet und der Blick gebrochen, als sei sie in Trance. Anscheinend vor einem Wimpernschlag erst hat der Engel sich zu ihr gesellt, denn sein Gewand kräuselt sich noch vom Wind. Indes er mit seiner linken Hand ihr Gewand zunächst des Herzens lüftet, hält er in der Rechten schon den Pfeil seraphischer Liebe bereit, um sie damit zu durchdringen – mit spitzen Fingern nur, denn dies wird kein gewaltsamer Akt sein. Kurz scheint er innezuhalten. Sein lächelndes Gesicht hat er sinnierend zur Seite gelegt, als wolle er sein Opfer noch einmal betrachten, ehe er es gleich in Gottesliebe entflammen wird.

Bernini zog alle Register barocker Thetralik

Zu sinnlich? Zu zweideutig? Bei der Enthüllung im Jahr 1651 schwankte die Resonanz zwischen Ablehnung und Begeisterung; wohl auch, weil Bernini alle Register barocker Theatralik zog, um das von Teresa beschriebene Unbeschreibbare – das gleichzeitig sowohl Überkörperliche wie auch Sinnliche, kurz, das mystische Wunder – in Marmor und flirrendem Licht sichtbar zu machen. Provokant bleibt Berninis Meisterwerk und gerade daher auch ein Schatz des Christentums, wie es auch die Worte Teresas sind: „Sich zu Engeln aufschwingen zu wollen, solange wir noch hier auf Erden wandeln, ist Unsinn!“

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