Mexikos Menschenrechtsverletzungen

Abel Barrera erhält Preis von ai – Kampf für indigene Bevölkerung. Von Matthias Knecht
Foto: ai | Abel Barrera.
Foto: ai | Abel Barrera.

Mexiko-Stadt (DT) „Bei uns in den Bergen ist das andere Mexiko, das keiner kennt. Wo Ureinwohner, Kaziken, Militärs und Drogenhändler zusammenleben.“ Während Abel Barrera über Morde und Entführungen spricht, über Folter und Unrechtsjustiz, wirkt er erstaunlich gelassen. Der freundliche Herr mit dem leicht angegrauten, vollen Haar nimmt sich wenige Stunden vor seinem Abflug nach Berlin viel Zeit. In einem Café in Mexiko-Stadt erzählt er von seinem fast 20 Jahre währenden Einsatz für die Rechte der Ureinwohner, seine Bindung an die katholische Kirche und die faszinierende Kultur der bedrohten Völker in den unwirtlichen Bergen Südmexikos. Hart und messerscharf ist nur seine Wortwahl. „Die Ureinwohner werden bestraft, weil sie Indios sind.“

Die deutsche Sektion von Amnesty International kündigte vergangene Woche an, den 51-jährigen Anthropologen und das von ihm gegründete Zentrum Tlachinollan mit ihrem Menschenrechtspreis auszuzeichnen. Die Geschichte reicht bis Anfang der 90er Jahre zurück, als der Vatikan in ganz Lateinamerika neue Diözesen für die Ureinwohner gründete, so auch in Tlapa, der Heimat Barreras im Bundesstaat Guerrero. Barrera war sofort dabei, besuchte im Auftrag des neuen Bischofs die Indiodörfer in den Bergen und klärte deren Einwohner über ihre Rechte auf.

600 solcher Dörfer gibt es in den Bergen um Tlapa und sie gehören zu den ärmsten Mexikos. Dass sich Barrera überhaupt für sie interessierte, sorgte in seiner Familie und bei seinen Freunden für Befremden. Denn Barrera gehört wie die Mehrheit der Mexikaner zu den Mestizen, wie es auch seine Statur verrät. Sein Gesicht zeigt eher die europäischen Züge der spanischen Eroberer, sein kräftiger und gedrungener Körperbau verweist auf indigene Ahnen. Doch als Mestize lernte er schon als Kind, sich von den Ureinwohnern abzugrenzen. „Meine Mutter versetzte mir eine Ohrfeige, wenn ich mit Indiojungen spielte.“

Erst später erkannte Barrera den tiefsitzenden Rassismus Mexikos. „Du findest kaum einen Mestizen, der mit einem Indio am selben Tisch isst. Denn die Erziehung ist rassistisch, die Lehrer sind rassistisch. Es gibt keinerlei Erziehung zur Toleranz. Schlimmer noch: Die Ureinwohner selbst schämen sich dafür, Indios zu sein.“ Den Grund dafür sieht Barrera in der Armut.

Eine Offenbarung war für Barrera daher die bis in die 90er Jahre dominierende Befreiungstheologie. Er spricht von einer „Kirche mit Präferenz für die Armen“ und beginnt die politische Situation in Guerrero zu analysieren. „Niemand respektiert die Menschenrechte. Die Armee foltert. Die Polizei nimmt willkürlich Leute fest, erpresst und diskriminiert die Indigenen. Wie Tiere behandeln sie die Leute, die aus den Bergen kommen.“ Barrera gründet im Jahr 1994 Tlachinollan, weil er merkt, dass es nicht ausreicht, nur über die Rechte zu reden. Er will die Ureinwohner unterstützen, auf friedlichem Weg ihre Rechte durchzusetzen. Von Anfang an finanziert wird Tlachinollan darum vom deutschen katholischen Bischöflichen Hilfswerk Misereor.

In Guerrero herrscht das System der Kaziken, das noch aus der Kolonialzeit stammt. Das sind lokale Bürgermeister oder Polizeichefs, die wie Fürsten regieren und völlig straffrei Land rauben können, Drogenhandel betreiben oder morden. Mexikos Justiz, ebenfalls aus der Zeit der spanischen Eroberer, unterstützt die Kaziken. Während 98 Prozent aller Verbrechen unaufgeklärt bleiben, gehen Staatsanwälte und Richter mit aller Härte gegen die vor, die sich für ihre Rechte einsetzen. Mit falschen Anschuldigungen und gekauften Zeugen werden sie oft lebenslang hinter Gitter gebracht.

Tlachinollan kämpft darum auch gegen Mexikos Unrechtsjustiz. Die größten Erfolge waren die Freilassungen zweier von amnesty international als Gewissenshäftlinge anerkannter Indioführer, Felipe Arreaga im Jahr 2005 und Raúl Hernández im vergangenen Jahr. Sie verbrachten unter falschen Mordanklagen ein beziehungsweise zwei Jahre in Untersuchungshaft. Zudem wurde Mexiko auf Betreiben Tlachinollans kürzlich vom Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte verurteilt. Anlass war der Fall zweier politisch aktiver Ureinwohnerinnen, die als Repressalie von Armeesoldaten vergewaltigt wurden.

Die inzwischen 27 hauptamtlichen Mitarbeiter Tlachinollans arbeiten an Dutzenden weiterer, ähnlicher Fälle. Voraussetzung für die juristische Arbeit ist das Vertrauensverhältnis mit den Ureinwohnern, betont Barrera. „Wir begleiten die Menschen in ihrem Leiden und ihrer Ausgrenzung. Nur diese Teilnahme macht die internationalen juristischen Erfolge möglich.“ Barrera wurde damit selbst zur Zielscheibe. Vor zehn Jahren erhielten er und seine Familie erstmals eine Morddrohung, per Telefon. Seither reißen die Drohungen nicht ab. Barrera hat Indizien dafür, dass Behörden und Armee selbst dahinterstecken. Doch trotz seiner Anzeigen ermittelt die Staatsanwaltschaft nicht.

Wie Barrera geht es 107 Menschenrechtlern in Guerrero, die meisten von ihnen Mitarbeiter von Tlachinollan oder von Ureinwohner-Organisationen. Für alle verhängte das Interamerikanische Menschenrechtsgericht Schutzmaßnahmen. Doch wirklichen Schutz gibt es nicht. Polizeibegleitung lehnt Barrera ab, weil er der Institution nicht traut. Zu Recht. 2009 wurden unter den Augen der Polizei zwei Indioführer in Guerrero entführt, später grausam gefoltert und ermordet. Auch in diesem Fall ermittelt die Staatsanwaltschaft nicht.

Mehr als 25 Menschen verschwanden in Guerrero in den vergangenen sechs Jahren spurlos, wahrscheinlich verschleppt von staatlichen Sicherheitskräften oder paramilitärischen Gruppen. Die meisten Opfer sind Führer von Indiodörfern, die nichts anderes forderten als Schulen oder Krankenstationen, Straßen oder Düngemittel.

Mexikos Regierung pflegt eine andere Optik. Für sie sind Organisationen der Ureinwohner verdeckte Helfer der Guerilla. Bewaffnete Gruppen wie die „Revolutionäre Armee des aufständischen Volkes“ (ERPI) entstanden in Guerrero in den 70er Jahren. Heute existieren sie praktisch nicht mehr – außer für die Regierung. Verschärft wurde die Repression durch den sogenannten Krieg gegen die Drogenkartelle, den Präsident Felipe Calderón kurz nach seinem Amtsantritt 2006 ausrief. „Es gibt mehr Verschwundene. Es gibt Exekutierte. Die Menschenrechtskommission hat noch nie so viele Klagen über die Armee gehabt.“ Mehr als 15 000 Menschen sind in Mexikos Drogenkrieg vergangenes Jahr umgekommen, laut Regierungsstatistik. Doch Barrera glaubt ihr nicht. Denn er beobachtet, dass auch offensichtlich politisch motivierte Morde an Ureinwohnern den Drogenkartellen zugeschoben werden. Schlimmer noch: Die Armee übernimmt in Guerrero immer mehr zivile Funktionen, beobachtet besorgt Barrera. „Das Militär ist jetzt zugleich Polizei, Staatsanwalt, Kriminalpolizei und Richter. Es hat die zivilen Behörden ersetzt.“ Grund ist die Unterwanderung von Polizei und Gerichten durch die Drogenmafia, wie Mexikos Regierung selbst einräumte. Dagegen allerdings die Armee vorgehen zu lassen, kritisiert Barrera. „Die Armee funktioniert. Aber sie verletzt die Menschenrechte.“

Im Ausland sind die Menschenrechtsverletzungen bisher wenig bekannt. Mexikos Diplomatie verschleiert dies weltweit. „Wir von Tlachinollan mussten erst einen Menschenrechtspreis bekommen, damit man uns hört“, sagt Barrera und verabschiedet sich eilig Richtung Flughafen.

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