Kommentar: 18 000 km für das Vaterunser

Von Esther v. Krosigk

Am Flughafen fällt mir das Sonderheft eines Wochenmagazins auf, das dem Thema „Heimat“ gewidmet ist. Der Titel ist alpenländisch angehaucht – klar, Bayern mit seinem folkloristischen Gepräge gibt für diesen etwas altertümlichen Begriff das richtige Bild ab. Aber so altertümlich ist der Begriff gar nicht. Wo wir herkommen, aus welcher Region wir stammen, bleibt uns zeitlebens wichtig. Ich erinnere mich an die Flüchtlingsgeneration von Eltern und Großeltern, in denen stets die Trauer saß, nicht mehr in die Heimat – also nach Ostdeutschland oder in die ehemaligen preußischen Gebiete – zurück zu können. Das war ein übergroßer Schatten, der das Leben von Kindern und Kindeskindern mit verdunkelte. Gleich nach der Wende nahm mein Vater seinen Hut, zog eine Joppe an und sagte entschlossen: „Ich fahre jetzt nach Hause!“ Selten habe ich ihn so energisch gesehen. Als ich mit ihm dort ankam, war dieses Zuhause, welches immer märchenhaft beschrieben worden war, ein grauer Kasten in einer grauen Landschaft. Ich bin nie wieder dorthin gefahren. Heimat wird zumeist mit dem Ort gleichgesetzt, wo wir geboren und zumindest in den ersten Lebensjahren aufgewachsen sind. Quasi wo Gott uns von der Hand gelassen und unseren Eltern in den Arm gelegt hat.

Vor wenigen Monaten begann meine Mutter sich in ihrer Wohnung in Köln plötzlich fehl am Platze zu fühlen. Sie lief dauernd weg und durch die Straßen, manchmal nur mit einem Bademantel bekleidet. Die Diagnose lautete Demenz. Nun sprach sie ununterbrochen davon, dass sie nach Hause wolle. Sie war extrem wirr. Und ich wurde es mit der Zeit ebenfalls, denn ich verzweifelte an der Frage, wohin ich sie bringen konnte, um ihr ein Heimatgefühl zu geben. Hinter ihrer Demenz spürte ich noch etwas anderes.

Während weniger Tage, die ich kürzlich in Deutschland verbrachte, fiel meine Mutter mehrmals schwer und lag schließlich klein und verletzt im Krankenhaus. Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie bereit, einen Priester zu empfangen, zum ersten Mal sah ich sie beten. Und mir wurde klar, dass all die beruflichen Gründe, weswegen ich angereist war, nicht mehr galten. Die 18 000 km war ich allein für diesen Moment geflogen. Endlich befand sich meine Mutter im richtigen Zug gen Heimat. Und ich wusste, dass sie dort irgendwann mit offenen Armen empfangen werden würde.

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06.12.2020, 21  Uhr
Gerd Felder
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