„Jeder lacht in derselben Sprache“

Am 20. Juni ist Weltflüchtlingstag – Hilfe der anderen Art leistet die Organisation „Clowns Without Borders“. Von Anna Sophia Hofmeister
Foto: CWB | Freude und Staunen in den Gesichtern: Kinder im Libanon genießen die Scherze, welche die Künstler von „Clowns Without Borders“ ihnen schenken.

Kaum hören sie die Musik, rennen die Kinder nach draußen, auch die Erwachsenen stehen von ihren Bodenmatten auf und stecken neugierig den Kopf aus den Zelten. Entlang des engen Durchgangs zwischen der mit NATO-Draht gekrönten Mauer des Flüchtlingscamps und den flatterigen Wänden der notdürftig aufgestellten Unterkünfte drängen sich ein paar bunt gekleidete Gestalten. Sie haben ihre Wangen und Nasen feuerrot geschminkt, tragen lustige Hüte und hüpfen und tanzen, so gut es geht, zu den Tönen von Akkordeon, Gitarre und Ukulele. Gleichzeitig werfen sie Bälle in die Luft und lassen glitzernde Reifen kreisen. Begeistert klatschen die Kinder in die Hände. Sie kreischen und lachen, die Aufregung und Freude über die unerwartete Unterbrechung ist ihnen anzusehen. Ohne rechts und links zu gucken ziehen sie los mit den Clowns. Ihre Eltern folgen ihnen nach auf den Platz innerhalb des Camps auf Lesbos, wo dann die Vorstellung beginnt.

„Clowns Without Borders“, Clowns ohne Grenzen, haben schon unzählige Kinder und Erwachsene in schwierigen Situationen zum Lachen gebracht. Professionelle Zirkus- und Straßenkünstler, Clowns, Schauspieler, Zauberer und Musiker reisen mit der Unterstützung der Organisation in unterschiedliche Krisengebiete und geben dort ehrenamtlich ein stets aufs Neue liebevoll ausgefeiltes Programm zum Besten. Das sind Seilnummern, kleine Theaterstücke, Jongliereinlagen, Tänze, magische Tricks und Albereien mit den Kindern, die vor lauter kribbelnder Spannung die Luft anhalten.

Die Idee zu der Non-Profit-Organisation entstand, als Tortell Poltrona, ein professioneller Clown in Spanien, von einer Schulklasse dazu eingeladen wurde, seine Scherze in einem kroatischen Flüchtlingslager aufzuführen. Die Schulklasse hatte das Geld gesammelt, um dem Clown diese Reise zu ermöglichen, nachdem die Kinder aus Kroatien nach Barcelona geschrieben hatten: „Wisst ihr, was uns am meisten fehlt? Wir vermissen Lachen, Spaß und Vergnügen zu haben.“ Poltrona nahm das Angebot an und seine Show zog wider Erwarten sofort tausende Kinder an, die gebannt jeder seiner Bewegungen folgten. Danach war Poltrona überzeugt: Es braucht Clowns und Unterhaltung in Krisensituationen. So gründete er im Juli 1993 in Barcelona die Organisation „Payasos Sin Fronteras“, Clowns ohne Grenzen, um Humor als ein Mittel psychologischer Unterstützung für Menschen, die Traumatisches erlebt haben, in die Welt zu tragen.

Bei seinem nächsten Besuch in Kroatien noch im selben Jahr nahm Poltrona zwei Kollegen mit und bereiste mit ihnen die Flüchtlingscamps im Land. Das motivierte viele andere Künstler, ihre Shows in Ex-Jugoslawien zu zeigen. Schnell entstanden weitere „Clowns Without Borders“-Organisationen in Frankreich und Schweden. Die Bewegung breitete sich dann auch in andere Konfliktregionen aus: Von der West-Sahara nach Palästina und Israel, nach Kolumbien und andere amerikanische Staaten. 1995 gründete Moshe Cohen „Clowns Without Borders USA“. Bis zum Jahr 2000 fanden über 100 Expeditionen statt. Inzwischen gibt es „Clowns Without Borders“-Organisationen in zwölf Ländern, darunter seit 2007 auch Deutschland. Erklärtes Ziel aller Artisten unter dem Dach von „Clowns Without Borders“ ist, jedes Jahr aufs neue hundert Clown-Shows über die ganze Welt zu schicken.

Mittelpunkt für die Clowns sind die Kinder, die sich in Krisensituationen befinden. Dazu können gewaltsame Konflikte, Umweltkatastrophen, soziale Ungerechtigkeiten gehören. Aufgabe der Clowns sei es, die Situation für die Kinder durch ihre Scherze erträglicher zu machen, sie zum Lachen zu bringen und die Sorgen einen Moment vergessen zu lassen, schreiben die Ethikrichtlinien der Organisation vor. Ziel sei nicht, das Publikum in irgendeiner Form zu erziehen. Bei der Auswahl ihrer Nummern sind die Clowns dazu aufgefordert, die aktuelle Situation und den kulturellen Hintergrund ihres Zielpublikums zu berücksichtigen. Alle teilnehmenden Clowns und Künstler arbeiten ehrenamtlich – ihr Engagement dürfen sie später nicht dazu nutzen, ihre eigene Karriere voranzutreiben.

„Wir bereiten uns monatelang auf die Reisen vor – und das ist dann, wenn wir vor Ort sind, auch immer wirklich nötig gewesen“, berichtet der deutsche Ableger von „Clowns Without Borders“ von seinen Erfahrungen: „Diese Reisen sind ganz sicher weder ein Urlaub noch ein Abenteuer – es ist ein humanitärer Einsatz, der von den Teilnehmern nicht weniger abverlangt als von jedem anderen Helfer in Krisengebieten. Clowns und Künstler, die an Projekten von „Clowns without Borders“ teilnehmen, beobachten und teilen schwierige Situationen. Nach ihrer Rückkehr sollen sie, wenn möglich, über alle Situationen, in denen sie Zeuge von Gewalt und Ungerechtigkeit geworden sind, berichten – ihre Arbeit endet also nicht, wenn sie nach Hause gekommen sind.

Dass die Wirkung ihrer Auftritte eine nachhaltige ist, können viele der Clowns aus eigener Erfahrung bestätigen. Etwa, dass die Kinder die Namen der Künstler noch wissen oder einzelne Elemente der Shows nachspielen, wenn sie ihnen, oft ein Jahr später, wieder im Camp begegnen. „Unserem Reiseteam in Syrien wurde von den Lagerbewohnern erzählt, dass sie die Kinder zum ersten Mal seit einem Jahr wieder lachen gesehen haben“, berichtet „Clowns Ohne Grenzen“: „Wir spiegeln eine Welt der Freude und der Freiheit für die Kinder, dieses Abbild wird nicht nur von den Kindern, sondern auch den Erwachsenen ad hoc verstanden.“ Mit Lachen und Humor zu reagieren, helfe den Menschen in Krisengebieten, nicht ausschließlich ihre traumatischen Erlebnisse zu verankern, und das Gruppengefühl wieder zu stärken.

Das stimmt: Auf dem Platz des Flüchtlingscamps auf Lesbos stehen die Menschen unterschiedlichster Herkunft dicht an dicht. Sie klatschen und lachen in den selben Momenten. Reißen gleichzeitig den Mund auf vor Staunen, wenn die Clowns waghalsige Sprünge machen. „Jeder lacht in derselben Sprache“, sagt Clay „Mazing“ Letson. Eben stand er noch breitbeinig da und rückte sich zur Belustigung der Kinder umständlich seine riesige, grün-blau gestreifte Hose zurecht. Seit mehr als elf Jahren engagiert er sich für „Clowns Without Borders“ und ist inzwischen in vielen Ländern bekannt für seine Künste mit Lasso, Jonglierbällen, Ringen und zahlreichen Musikinstrumenten. 2012 gründete er seine eigene Non-Profit-Organisation „Emergency Circus“, die über Tausende von Kilometern Lachmöglichkeiten durch Nord-Amerika trägt – in Krankenhäuser, Gefängnisse und zu Obdachlosen. „Wir glauben an die heilende Kraft des Lachens und der Empathie, was die Endorphine erhöht, Stress erleichtert, Gemeinschaft bildet und Schmerz schrumpfen lässt“, sagt er. Diese Wirkung, neben dem eigenen Spaß an den Aufführungen, sei der wahre Lohn für die Künstler. Ein Mitarbeiter einer Hilfsorganisation im jordanischen Flüchtlingslager Za'atari fasste, nachdem das schwedische Team von „Clowns Without Borders“ dort aufgetreten war, das so zusammen: „Bevor ihr kamt, haben die Kinder Krieg gespielt – jetzt spielen sie Clown.“

Themen & Autoren

Kirche

Synode
Synode
Synodalität als Stärkung der Kirche Premium Inhalt
Synodale Prozesse wecken derzeit sowohl Hoffnung als auch Sorgen. Doch was zeichnet den „gemeinsamen Weg“ aus? Zehn biblische Anregungen für synodale Gespräche.
20.09.2021, 19 Uhr
Martin Baranowski
Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer