Ist Afrika ein Chancenkontinent?

Erzbischof Ludwig Schick über die Ressourcen Afrikas und die Alternativlosigkeit der Fluchtursachenbekämpfung. Von Benedikt Winkler
Erzbischof Schick in Senegal
Foto: KNA | Erzbischof Ludwig Schick mit zwei Frauen an einem Brunnen im Senegal: Afrika ist reich an Bodenschätzen, doch nur wenige profitieren davon.

Exzellenz, Sie sind Vorsitzender der Kommission Weltkirche und waren kürzlich auf dem Deutsch-Afrikanischen Bischofstreffen auf Madagaskar. Ist Afrika ein Chancenkontinent?

Afrika hat alle Chancen, sich gut zu entwickeln. Die meisten Bodenschätze weltweit befinden sich in Afrika. Die Bevölkerung ist jung und dynamisch. Es gibt fruchtbares Land und wunderschöne Landschaften, viel Sonne, Wasservorräte und Meer.

Wie stehen Sie zu dem Begriff der „Fluchtursachenbekämpfung“? Gibt es Alternativen? Überhebt sich Europa nicht daran?

Fluchtursachenbekämpfung ist ein Wortungetüm und hat inzwischen bei vielen Experten einen negativen Klang. Flucht meint vom Wort her: unfreiwillig die Heimat oder den derzeitigen Wohnort verlassen zu müssen, weil man dort nicht leben kann, weil keine ausreichenden Nahrungsmittel vorhanden sind, Krieg herrscht, Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung sind, es keine Zukunftsperspektiven gibt. Wo solche Verhältnisse herrschen, müssen sie geändert, das heißt, die Ursachen für Flucht beseitigt werden. Dazu gibt es keine Alternative!

Die Fluchtursachen in Afrika zu beseitigen, ist Aufgabe der Afrikaner selbst. Die reichen Industrienationen können ihnen dabei helfen unter der Maßgabe „Hilfe zur Selbsthilfe“. Diese Hilfe muss partnerschaftlich sein und nicht paternalistisch.

Woran scheitert eine Entwicklungszusammenarbeit „auf Augenhöhe“? Wie können Afrikaner mit niedrigem Bildungsniveau befähigt werden, selbstbestimmt ihr Leben in ihrem Heimatland zu gestalten?

Entwicklungszusammenarbeit auf Augenhöhe ist auch so ein Schlagwort, das in der Realität meist nichts bringt. Die Länder Afrikas müssen ihre Probleme selbst angehen und lösen. Das wird nur gelingen, wenn das Bildungsniveau signifikant verbessert wird und Arbeitsplätze geschaffen werden. So können die Afrikaner auf Augenhöhe miteinander und mit ihren Regierungen kommen und ein selbstbestimmtes Leben führen. Das hat die Kirche schon lange erkannt und ist deshalb auf dem Bildungssektor, besonders bei der dualen Bildung (Bildung und Berufsausbildung zusammen), sehr aktiv. Der Schulweg ist der wichtigste Weg zur Entwicklung. Der Schulranzen und der Werkzeugkasten sind für die Augenhöhe weit wichtiger als die Aktentaschen.

Was verstehen Sie unter „ganzheitlicher Entwicklung“ im Vergleich zu einem ökonomischen Entwicklungsbegriff?

Ganzheitliche Entwicklung meint im Bildungswesen, dass sowohl Verwertungswissen wie Sprachen, Mathematik, Naturwissenschaften et cetera, als auch Wertewissen wie Menschenwürde und Menschenrechte, Kultur- und Kunstverständnis sowie Gemeinwohlorientierung vermittelt werden. Auf staatlicher und kommunaler Ebene meint ganzheitliche Entwicklung, Förderung der Familien, Entwicklung von Arbeitsplätzen, von staatlichen Strukturen, in denen die Gewaltenteilung funktioniert, Schulen und Krankenhäuser überall, Arbeitsrecht und -schutz, Sozialversicherung sowie aktive Bürgergesellschaft.

Welche Früchte hat die kirchliche Entwicklungszusammenarbeit in den letzten vier Jahrzehnten hervorgebracht? Welche Erfolge gab es? Ist da nicht unendlich viel verpufft?

Die kirchliche Entwicklungsarbeit hat in den letzten vier Jahrzehnten entscheidend dazu beigetragen, dass das Bildungsniveau in etlichen Ländern Afrikas sich gut entwickelt und dass die Versorgung der Kranken in Krankenhäusern und in den Familien sich verbessert hat. Das substitionelle Ernährungssystem durch „family farming“ wurde effektiver, die Säuglings- und Müttersterblichkeit sind zurückgegangen. Von der kirchlichen Entwicklungsarbeit ist nicht viel verpufft, aber das, was aufgebaut wurde, ist an manchen Orten wieder zerstört worden durch Stammeskriege und durch den islamistischen Terror, der sich in den letzten zehn Jahren sehr verstärkt hat; Schlagworte dazu sind: IS, Boko Haram, Taliban, Al Kaida, Al-Nusra-Front et cetera.

Wie ist die Verzahnung der Zusammenarbeit zwischen kirchlichen und politischen Akteuren im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit?

Zwischen kirchlichen und politischen Akteuren gibt es keine Verzahnung, aber Zusammenarbeit, wobei die kirchliche Entwicklungsarbeit immer auf Eigenständigkeit Wert legt. Für die politischen Akteure sind wir Kirchen mit unserer Entwicklungsarbeit Projektpartner. Als Kirche in Deutschland handeln wir in Afrika und überall immer mit den Kirchen vor Ort zusammen. Diese sind auch in den entlegensten Gebieten tätig, im Bildungs- und Gesundheitswesen, bei Naturkatastrophen, Hunger und Durst. Politische Akteure unterstützen die Arbeit der Kirchen, weil sie wissen, dass diese sich selbstlos für die Menschen vor Ort einsetzen. Für diese Art der Zusammenarbeit mit politischen Akteuren sind wir Kirchen dankbar.

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